Zur Aktualität der Soziokultur

Gerd Dallmann bei seinem Impulsvortrag zum 40. Jubiläum des Bundesverbandes am 15. Mai 2019
Gerd Dallmann bei seinem Vortrag zum 40. Jubiläum des Bundesverbandes am 15. Mai 2019 © Swen Gottschall/bloominds.com

Vor etwa fünf Jahren hat das Schauspiel Hannover auf einem zentralen Platz in der Stadt ein Hüttendorf aufgebaut und insbesondere mit Jugendlichen ein Projekt zum Thema Atomenergie und gesellschaftlicher Widerstand gemacht. Das Staatsschauspiel Dresden hat seit einigen Jahren eine Bürgerbühne, das Staatstheater Oldenburg ein Repair Café und die Bundeskulturstiftung fördert mit dem Programm „360°“ die programmatische und strukturelle Orientierung großer Kulturinstitute an den Kulturen der Einwanderungsgesellschaft – die Soziokulturalisierung der Kulturlandschaft ist weit fortgeschritten. Soziokultur ist mainstream!?

Dies ist das Eine. Zum Anderen: Wir erleben eine Zunahme an populistischen Strömungen und die Tendenz, sich abzuschotten gegenüber allem Fremden, allem als anders Empfundenen und wir befinden uns – trotz aller Bemühungen um kulturelle und gesellschaftliche Teilhabe – in einer neuen Klassengesellschaft, in der die unterschiedlichen Klassen wie Parallelgesellschaften nebeneinander existieren und es kaum gemeinsame Erfahrungs- und Diskursräume gibt.

 

Erreicht

Zunächst können wir die Geschichte der Soziokultur als Erfolgsgeschichte beschreiben. Soziokultur hat von Beginn an Kultur nicht als abgegrenzte Sphäre unseres Lebens betrachtet, sondern als integralen Teil unseres gesellschaftlichen Zusammenlebens. Wer sich in der Soziokultur engagiert, schert sich nicht um die Trennung von schönen Künsten hier und sozialer Arbeit oder Politik dort. Soziokultur hat Freiraum geschaffen für Kunst und Kultur mit gesellschaftlichem und politischem Engagement sowie für gesellschaftliche Bewegungen. Sie hat zivilgesellschaftliches Engagement für mehr Lebensqualität in ihrem jeweiligen Umfeld ermöglicht und unterstützt. Soziokultur hat die Kunst aus „hohen Häusern“ herausgeholt, hat sie auf die Straße, in leerstehende Fabrikgebäude, in den Wald und die Scheune, in Gefängnisse und Dorfgasthäuser gebracht. Sie hat somit der Unwirtlichkeit der Städte etwas entgegengehalten wie auch dem Verlust an öffentlichen Orten in vom Strukturwandel betroffenen ländlichen Gemeinden. Soziokultur hat von Ausgrenzung oder Benachteiligung betroffenen Gruppen die Möglichkeit gegeben, ihren Anliegen Ausdruck zu geben und sie auf die Bühne zu bringen. Sie hat – lange bevor Inklusion oder Diversität Megatrends wurden – die Emanzipation von Menschen mit Handicaps, diversen kulturellen Herkünften oder mit unterschiedlicher sexueller Orientierung ernst genommen und unterstützt.

 

Unsere Gesellschaft ist in den vergangenen 40 Jahren ganz offensichtlich – auch unter tatkräftiger Mitwirkung der Soziokultur – offener und vielfältiger geworden.

 

In der Soziokultur können Besucher*innen zu Nutzer*innen werden, ihre eigenen kreativen Potentiale entdecken und ausbilden. Soziokultur hat neue Formen von Demokratie entwickelt und erprobt: Mitbestimmung der Nutzer*innen, selbstverwaltete Betriebe, flache Hierarchien und bewegliche Organisationsstrukturen, die inzwischen auch in anderen Bereichen der Kultur- und Kreativwirtschaft und der Dienstleistungsgesellschaft erfolgreich praktiziert werden. Soziokultur hat vor Ort Netzwerke gebildet und zu unterschiedlichen Themen Kommunalverwaltung, Bürgerinitiativen, Vereine und andere Organisationen und Betriebe zusammengebracht. Sie hat darüber hinaus eigene Netze in Gestalt von Bundes- und Landesverbänden gesponnen, die sich aktiv in die Zusammenarbeit aller Kulturverbände einbringen, und dabei auch auf diesen Ebenen mit dem soziokulturellen Selbstverständnis agieren, also über die Interessenvertretung hinaus Kulturpolitik als Gesellschaftspolitik verstehen.

 

Selbstreflexion

Soziokultur hat mit ihren Verbänden – und der erste war die Bundesvereinigung, deren 40-Jähriges wir gerade begehen – ein qualifiziertes System an gegenseitiger Unterstützung, an Beratung, Fortbildung und Kooperation aufgebaut und ist in diesen Strukturen in hohem Maße selbstreflexiv. Ich bin überzeugt, es gibt keinen Kulturbereich, in dem so oft und so drängend gefragt wird: Was tun wir hier eigentlich? Wozu tun wir es? Und: Wie könnten wir es noch besser tun? Ausdruck dieser Selbstreflektion ist natürlich auch die regelmäßige Statistik, die ja heute vorgestellt wird, die auch in quantitativer Hinsicht belegt, dass zwar nicht alle, aber eben immer mehr Menschen in der Soziokultur und durch Soziokultur die Möglichkeit haben und nutzen, aktiv am kulturellen Leben und damit auch am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben. Unsere Gesellschaft ist in den vergangenen 40 Jahren ganz offensichtlich – auch unter tatkräftiger Mitwirkung der Soziokultur – offener und vielfältiger geworden und bietet ihren Mitgliedern deutlich mehr Möglichkeiten der eigenen Entfaltung.

 

Alles gut also?

Dem steht die oben zitierte Diagnose einer neuen Klassengesellschaft ebenso entgegen wie die uns alle beunruhigende Zunahme an populistischen Strömungen – nicht nur in Deutschland. Blicken wir zum Verständnis dieser anderen Seite unserer gesellschaftlichen Lage auf den Wandel der unsere Gesellschaft prägenden Werte. Vor Entstehung der soziokulturellen Zentren war zumindest die westdeutsche Gesellschaft eine nivellierte Mittelstandsgesellschaft, in der die kulturellen Werke und Werte der bürgerlichen Moderne die Lebensentwürfe der meisten Menschen bestimmten. Verbunden mit dem Aufstiegsversprechen, dass es der jeweils nachfolgenden Generation einmal besser gehen solle als der vorangegangenen, konnten Werte wie Treue, Disziplin, Ordnung erfolgreich weitergegeben werden. Das dies recht geschichtsblind war und unter dieser wärmenden Decke äußerst dunkle Seiten unserer Geschichte mehr zugedeckt als aufgearbeitet wurden, ist eine andere Geschichte. Emanzipation, Partizipation, Kommunikation, Identitätsfindung, Authentizität, Subjektivität, Kreativität – dieser bunte Strauß an Werten, gebildet aus ehemaligen Kampfbegriffen, kennzeichnet heute akzeptierte Leitbilder.

 

Wertewandel

Die Vielfalt und Pluralität dieses bunten Angebots ist verbunden mit Verunsicherung und mit der Aufforderung, ja mit der Notwendigkeit, sich aus den möglichen Leitbildern und Lebensentwürfen eine ganz persönliche, unverwechselbare Identität zu basteln. Je ausdifferenzierter die Bilder von einem guten, gelingenden Leben werden und je mehr sie alle gesellschaftlichen Bereiche durchdringen, desto subjektiv herausfordernder ist der Prozess der Identitätsfindung. Die weltoffenen, gut gebildeten Angehörigen einer neuen Mittelschicht haben mit diesen Herausforderungen gut zu tun. Sie gehören dabei eher zu den Modernisierungsgewinner*innen. Diesen Modernisierungsgewinner*innen steht die moderne Dienstleistungsklasse der geringfügig Beschäftigten und prekär Bezahlten gegenüber und dazwischen die sehr diffus beschriebene Mittelschicht mit Teilen des alten, den Traditionen verbundenen Bürgertums, des Kleinbürgertums und des traditionellen Facharbeitermilieus. Das populistische Protestpotential speist sich nicht allein aus den sogenannten „Abgehängten“, sondern auch aus diesem mittleren Drittel

 

Drei Herausforderungen

Die Kämpfe um Identität und kulturelle Werte bestimmen unsere gesellschaftliche Spaltung. Daraus ergeben sich Herausforderungen für Kultureinrichtungen – nicht nur die Soziokultur. Was braucht es in unserer Gesellschaft und was kann Kultur dabei leisten? Kulturarbeit kann Kommunikationsblockaden begegnen mit der Schaffung von Gelegenheiten zur zwanglosen Begegnung. Sie kann Verlustängsten begegnen mit Verlässlichkeit, Offenheit, Erreichbarkeit und Glaubwürdigkeit, wenn sie Teilnehmenden nicht nur als Zielgruppe begegnet, sondern als Partner*innen mit eigenen Anliegen und eigener Geschichte. Sie kann Ohnmachtsgefühlen begegnen mit Momenten von Selbstwirksamkeit und spielerischem Probehandeln auf der Bühne, in der Werkstatt, in der Organisation von Gemeinschaftsaktivitäten.

Soziokulturelle Einrichtungen sind für diese Herausforderungen gut gerüstet: Sie sind kontextsensibel, sind gewohnt, auf Bedarfe in ihrem Umfeld einzugehen und sind dabei mit zivilgesellschaftlichen Organisationen gut vernetzt. Sie sind es gewohnt, Gruppen eine Plattform zu bieten, unterschiedliche Positionen auszuhandeln, Themen und Interessen zu artikulieren und zum Beispiel an kommunale Gremien heranzutragen. Sie sind gut mit Künstler*innen und -gruppen vernetzt, die ihre Kreativität in gesellschaftliche Prozesse einbringen mögen. Sie haben bewegliche Organisationsstrukturen, die es möglich machen, Ideen aufzugreifen und auf Bedarfe zu reagieren. Sie haben Know-how in der Finanzierung von neuen, schrägen Ideen. Kurz: Die Qualitäten der Soziokultur sind aktuell besonders gefragt.

 

Aktuelle Handlungsfelder

Das Potential, diesen aktuellen Herausforderungen gerecht zu werden, wird z.B. in den Programmen der Bundesvereinigung Jugend ins Zentrum und UTOPOLIS – Soziokultur im Quartier deutlich. Ein drittes Handlungsfeld ist meines Erachtens zunehmend von Bedeutung, insbesondere in Bezug auf die Ländliche Kulturarbeit; die Zusammenarbeit mit traditionellen Kulturträgern – im weitesten Sinne: Chöre, Sportvereine, freiwillige Feuerwehr, Kleingarten- oder Heimatvereine. Mit soziokulturellen Akteuren, interessierten Künstler*innen und traditionellen Gruppen begegnen sich unterschiedliche Lebenswelten in Prozessen gegenseitigen Lernens und kreativen Tuns. Bei der Empfehlung, dieses Handlungsfeld noch stärker auszubauen, geht es mir selbstverständlich nicht darum, die erreichte kulturelle Liberalisierung und Vielfalt zurückzudrehen. Was angestrebt und erreicht werden kann, sind Beheimatungsprozesse in der Vielfalt. Ich wünsche für die Zukunft hierbei viel Freude und Erfolg!

 

Dieser Beitrag entstand aus Anlass des 40-jährigen Bestehens der Bundesvereinigung Soziokultureller Zentren e. V. am 15. Mai 2019

Gerd Dallmann bei seinem Impulsvortrag zum 40. Jubiläum des Bundesverbandes am 15. Mai 2019
Gerd Dallmann bei seinem Vortrag zum 40. Jubiläum des Bundesverbandes am 15. Mai 2019 © Swen Gottschall/bloominds.com