17.02.2021
UTOPOLIS, Zeitschrift SOZIOkultur

Das Foyer – Ein Begegnungsraum im Quartier

Von:  Redaktion UTOPOLIS

Idee

Die Projektidee, die hinter „Das Foyer“ steckt, greift auf die Funktion des Foyers in Theatern und Museen zurück: Es ist bestenfalls ein Ort der Begegnung, des Austauschs über das Gesehene, ein Ort des Ankommens und Verweilens, ein Ort der Kommunikation. Wie muss solch ein Raum gestaltet sein, damit er diesen Ansprüchen gerecht wird? Wo fühlt man sich wohl, eingeladen, dazugehörend?

Um das herauszufinden, gestalten und bespielen Künstler*innen, Pädagog*innen und Nachbar*innen bei zeitraumexit – ein Ort für erweiterte Kunst in Mannheim – dessen größten Veranstaltungsraum für jeweils sechs bis zwölf Wochen. Hierbei sollen die Bewohner*innen sich einbringen und ihre Wünsche thematisieren können. Woran fehlt es im Stadtteil Jungbusch? Gibt es zu wenig Wiesen, Spielplätze, nichtkommerzielle Orte zum Verweilen, zum Abhängen nach der Schule? Wie soll der Raum gestaltet sein? Welche Möbel, Accessoires und Spielangebote werden benötigt und eignen sich, um temporär eingesetzt zu werden?

Lösungen

„Foyer I“ im Jahr 2019 – in diesem Jahr finanziell ermöglicht durch die Kulturstiftung des Bundes – basierte auf einer Quartiersbegehung und der Feststellung eines Mangels an Grünflächen. So schuf der erste „Foyer“-Künstler eine Indoor-Wiese mit einzelnen Kuben als Aufenthaltsorten, die gestaltet werden konnten. Die Einladung bestand darin, vorbeizukommen und diesen neu geschaffenen Raum als Treffpunkt, zum Picknick oder als eine Art Indoor-Spielplatz zu nutzen.

„Foyer II“ präsentierte sich in auffälliger äußerlicher Verkleidung und verwandelte den Raum in ein Abbild der Walhalla bei Regensburg. Der gestaltende Künstler stellte hier die Frage nach dem „Deutschsein“, wagte also eine Standort- und Identitätsbestimmung durch das Feedback der Anwohner*innen und Besucher*innen. Eine integrierte Eisdiele – welche es im Jungbusch ebenfalls nicht gibt – sorgte über die komplexe Fragestellung hinaus für ein niedrigschwelliges, attraktives Angebot, das von der Anwohnerschaft sehr gerne angenommen wurde.

Beim „Foyer III“, erstmals von einer Gruppe aus Gestalter*innen, Kunstpädagog*innen und Nachbar*innen kuratiert, entstand die Themensetzung aus einer aufsuchenden Befragung im Stadtteil. Ein Raum für (Familien-) Feiern wurde demnach vermisst und bei zeitraumexit angeboten. Eine Tischtennisplatte mit gelegentlichen Turnieren wurde vor allem für Kinder und Jugendliche im Jungbusch zum Anziehungsmagneten. Die visuell-skulpturale Gestaltung trat hier zugunsten einer prozesshaften, offenen Entwicklung sowie einer verstärkten Nutzung durch Anwohner*innen zurück.

Eine Schlüsselrolle bei dieser Öffnung nach außen kommt der aufsuchenden Stadtteilarbeit zu. Es gilt, eine tragfähige Beziehung zu den Stadtteilbewohner*innen aufzubauen: zuzuhören, ihre Anliegen ernst zu nehmen und Vertrauen zu gewinnen. Gute Erfahrungen wurden dabei beispielsweise mit der Unterstützung durch Menschen aus den migrantischen Communities gemacht, die als Sprach- und Kulturvermittler*innen Brücken bauen können.

Ausblick

Aktuell ist ein externer Faktor – eine Baumaßname im Quartier – ausschlaggebend für die Ausrichtung des vierten „Foyer“, das Ende 2020 gestartet ist. Der Umbau des zentralen Spielplatzes und Treffpunkts im Viertel betrifft vor allem Kinder und Jugendliche, aber auch Erwachsene mit Migrationshintergrund, die ihre Freizeit viel auf der Straße und den Plätzen verbringen und von der Gastronomie, die sich durch vermehrte Bestuhlung im Freien weiter in den öffentlichen Raum ausdehnt, zunehmend verdrängt werden. Die Künstlerin, die das vierte Foyer gestaltet, greift diesen Bedarf auf und möchte zusammen mit den Anwohner*innen eine Art Spieleparcours erarbeiten, der über mehrere Wochen zugänglich sein wird. Das Gesellschaftsspiel „Spiel des Lebens“ wird dazu als Grundlage dienen. Der Ansatz, auf aktuelle Problemlagen und Bedarfe einzugehen, verbindet „Das Foyer“ als Projektbaustein mit dem UTOPOLIS-Gesamtprojekt „Social Body Building“.

Für die Akteure von zeitraumexit ist mit dem „sozialen Muskeltraining“ die Hoffnung verbunden, dass das Haus von einem möglichst großen Spektrum der diversen Stadtteilbewohner*innen auch als Möglichkeitsraum genutzt wird, um eigene Ideen zu verwirklichen. Exemplarisch dafür steht das Format „Social Sunday“, bei dem Nachbar*innen mit eigenen Programmpunkten einen Sonntagnachmittag gestalten.

Im Jahr 2021 soll darauf aufbauend ein möglichst heterogener Nachbarschaftsbeirat die Arbeit des Kunsthauses und soziokulturellen Zentrums unterstützen: beratend, kritisierend, mit Vorschlägen für die Programmgestaltung und mit eigenen Aktivitäten im Sinne eines Empowerments.

www.zeitraumexit.de

Der Artikel erschien in der Zeitschrift SOZIOkultur zur Thema HÄUSER. Hier die Ausgabe zum Download.

Autorinnen: Nina Lenz, Mitarbeiterin für Stadtteilarbeit und Programm, und Stephanie Staib, Mitarbeiterin für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit bei zeitraumexit e.V.
Foyer I „Holodeck Jungbusch“ von zeitraumexit e.V. im Förderprogramm UTOPOLIS. Foto © Arthur Bauer

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