19.10.2019
#BEHEIMATEN

Uns beheimaten – eine Anstrengung

Von:  Dr. Edda Rydzy 

„Heimat“ wird oft für fragwürdige Zwecke instrumentalisiert. „Beheimaten“ bedeutet für die Soziokultur einen Prozess des aktiven Schaffens von wünschenswerten Lebenswelten.

Ursprünge

Der Ausdruck „Heimat“ teilt eine Eigenschaft mit dem Ausdruck „Nachhaltigkeit“: Es gibt vage Übereinstimmung darüber, worum es ungefähr geht, und dabei eine Vielzahl unterschiedlicher Verständnisse, Deutungen und Anwendungen. Das Wort entstammt der indogermanischen Wurzel *kei – liegen; ursprünglich handelt es sich um ein Lager, um einen Ort, an dem man sich niederlässt. Bis vor knapp 200 Jahren wurde „Heimat“ als sachliche Bezeichnung für juristische oder geografische Gegebenheiten benutzt. Hauptsächlich ging es um das Aufenthalts- und Bleiberecht. Aus der Geburt in einem bestimmten Landstrich folgte nicht unmittelbar ein Heimatrecht. Das war an Besitz und Eigentum gebunden. Heimat definierte das Recht auf Ansprüche aus den öffentlichen Kassen. Romantisch aufgeladen wurde der Ausdruck erst während der frühen Phase der Industrialisierung. Die Landflucht von Arbeitssuchenden führte zu Massenelendsquartieren in den Städten. Unter Heimat wurde nostalgisch das idyllische Landleben als positiver Gegenentwurf gefasst. Erst seit relativ kurzer Zeit gesteht man auch Großstädten zu, dass sie Heimat sein können. Neurobiologen sehen Heimat im Hirn jedes Menschen präsent, sozusagen als in Fett und Eiweiß gemeißelte Einschreibungen, die meistens bereits in frühester Kindheit erfolgen und deshalb relativ schwer mit anderen Bewusstseinsinhalten überschrieben werden können. Akteure mit emanzipatorischen Zielen haben das Thema aus guten Gründen lange gemieden.

Wandel

Aus noch besseren Gründen wenden sie sich ihm als komplexem Phänomen jetzt verstärkt zu. Denn: Heimat ist weder eine auf- und abschwellende Laune von Zeitgeistern, noch die dumpf-niedliche kleine Schwester der Nation, die sich ein Trachtenkleid anzieht und zu fröhlichen oder melancholischen Volksweisen ihre Suppe aus naiv bemalter Keramik löffelt. Sie ist zum einen tatsächlich wie ideell der Schauplatz, auf dem die alten Bewertungen, Regeln und Lösungswege mit neuen Entwicklungen und Notwendigkeiten kollidieren. Deshalb wird nicht nur manchmal, sondern immer um sie gestritten. Zum anderen: „Kulturpolitik …“ kann, heißt es in der Erklärung der Kulturpolitischen Gesellschaft zum Kongress „KULTUR.MACHT.HEIMATen“, „auch aufgeklärte und aufklärende Heimatpolitik sein, um als ‚konkrete Utopie‘ und in ‚reale Demokratie begründet‘ in der Welt [Heimat] entstehen zu lassen […].“ Im Sinne einer konkreten Utopie ist Heimat zu beschreiben als der gesellschaftliche Raum, in dem man über enge soziale Kontakte verfügt und sein Leben im Miteinander lebt, seine existenziellen Bedürfnisse wie Wohnen und Ernährung sichern kann, einfachen Zugang zu Einrichtungen der Bildung, der Kultur und der humanen Dienstleistungen besitzt. Für Soziokultur besteht im Phänomen Heimat nicht nur eine Möglichkeit des Engagements, sondern eine zentrale Aufgabe. In seinem Vortrag zum 40. Jahrestag der Bundesvereinigung Soziokultureller Zentren spricht Gerd Dallmann von „Beheimatung in der Vielfalt“ und von „Beheimatungsprozessen“ (Soziokultur 2/19, S. 26 f.). Heimat ist demnach nicht einfach etwas so oder so Gegebenes, sondern eine aktiv zu erbringende Anstrengung. Für soziokulturelle Interventionen besteht hier dringender Bedarf.

Gutes als Trug

Heimat wird im Wesentlichen aus zwei Gründen immer positiv konnotiert. Was wir dazu bildlich in unserem Gedächtnisvorrat abgespeichert haben, ist ein Übermaß an friedlicher, gesunder Idylle. Auch, wenn wir weder Anhänger von Kitsch noch von trügerischen Illusionen sind: Die Bilder, die unsere Hirne zu Heimat abrufen können, zeigen das Gegenteil von Elend, Krankheit, Schmutz und Krieg. Und: Die meisten von uns stellen einen Zusammenhang zur Kindheit her. Wer eine unschöne hatte, benutzt nicht „Heimat“ als Bezeichnung für die räumliche Gegend seiner ersten Jahre. Wer allerdings in seiner Kindheit Liebe, Zuwendung und Unbeschwertheit erfuhr, der überträgt dieses Lebensgefühl – das im Kern neben der Anwesenheit von Liebe ja auch in der Abwesenheit von Verantwortung und Entscheidungsfreiheit besteht – gern unbewusst in den Kontext von Heimat. Überspitzt ausgedrückt kann man sagen: Heimat steht oft auch für die Illusion, man könne das kindliche Seins-Gefühl der Sorglosigkeit und der vollkommenen Herrschaft des Guten zurückerlangen, wenn man nur die alten Zustände wiederherstellt.

Trägheit des Erbguts

Unsere Ideen, Überzeugungen und Verhaltensmuster übernehmen wir zuerst von den Eltern oder von anderen frühesten Kontaktpersonen. Der Evolutionsbiologe Richard Dawkins geht sogar davon aus, dass sie – ähnlich wie unsere biologische Konstitution durch Gene – durch Meme soziokulturell vererbt werden. Fest steht: Ihre Veränderung erfolgt im Verlauf der Evolution relativ langsam. Wir übernehmen unsere Bewusstseinsinhalte, vor allem unsere sozialen Verhaltenskoordinatoren, zunächst von den Eltern. Während wir uns in der Pubertät abnabeln, beginnen wir die Eltern lebenslang einer kritischen Prüfung zu unterziehen und uns bewusst zu entscheiden, was wir übernehmen und was wir künftig anders halten wollen. Zum großen Teil tun wir das am Maßstab der elterlichen Regeln selbst, zum kleineren anderen Teil gleichen wir ab, ob unsere Werte und Überzeugungen zu unseren anderen Lebensumständen passen. Zu dem Zeitpunkt, zu dem wir unsererseits die Hirne unserer Nachkommen prägen, sind die meisten von uns mit der Selbstaneignung der Welt noch nicht besonders weit fortgeschritten. Als individuelle soziokulturelle Erbträger sind wir objektiv nicht in der Lage, mit der Dynamik der globalen und komplexen gesellschaftlichen Veränderungen Schritt zu halten. Vielfalt ist nicht nur Ergebnis von Entwicklungen, sie ist vor allem existenzielle Bedingung für unsere Welttauglichkeit. Wenn Gerd Dallmann für die Bundesvereinigung Soziokultureller Zentren über Beheimatungsprozesse in der Vielfalt spricht, dann heißt das: Vielfalt von der Bildung der allerersten Gedanken in der frühesten Kindheit an.

Ressentiments als Erbe

Noch unter den nostalgischromantischen Zeit-Schichten in den Vorstellungen von Heimat überdauern hartnäckig die alten exkludierenden Rechtsnormen von Blut und Scholle. Da es sich – sowohl was das Phänomen Heimat als auch was die Normen als Bewusstseinsinhalte betrifft – um frühe Prägungen handelt, existieren sie als empfundenes Recht und sind mit starken Emotionen behaftet. Wir beobachten, dass Menschen aus strukturschwachen Gegenden, an deren soziokultureller Prägung eine vergleichsweise kleine Menge unterschiedlicher Einflüsse beteiligt war, mit auffallender Leidenschaft auf Heimat und Heimatrechten bestehen. Rassismus und Fremdenhass haben hier ihren Ursprung. Wer aus Gründen von Blut und Scholle, oder einfach, weil er später kommt, nicht dazugehört, wird bis zur brachialen Konsequenz abgelehnt. Nicht von ungefähr findet die AfD in dünn besiedelten und schrumpfenden Regionen und unter Russlanddeutschen ebenso Zustimmung wie unter Vertriebenenverbänden oder Migrant*innen mit türkischen oder syrischen Wurzeln, derentwegen gern nach ihnen alle Brücken hochgezogen werden sollen.

Verlust und Angst

Für lange Zeit wurde der Ortsbezug als das Bestimmende an Heimat gesehen. Seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts setzen sich die sozialen Beziehungen als das Ausschlaggebende durch. Gegenwärtig finden sowohl in ländlichen Regionen als auch in Stadtquartieren, die der Gentrifizierung oder Verwahrlosung unterliegen, Prozesse des Abbaus von Heimaten statt: Bezugspersonen verziehen oder sterben, erworbene Kompetenzen werden entwertet, Treffpunkte, Bildungs- und Dienstleistungseinrichtungen, Handels- und Wirtschaftsstrukturen verschwinden. Oskar Negt verwies schon 1990 auf die Heimatlosigkeit aller sozial Entwurzelten. Menschen sind soziale Wesen. Sie empfinden Heimatlosigkeit als ultimativen Angriff auf ihre Würde – und deshalb angstvoll. Angst wiederum ist eine so starke Emotion, dass sie sich oft kaum artikulieren geschweige denn mit rationalen Erwägungen beheben lässt. Drohender Heimatverlust bewirkt einen emotionalen Humus, der bereit ist, physische Gewalt als Mittel der Auseinandersetzung zu tolerieren. Bleibt die Deutungshoheit über Heimat konservativen oder nationalistischen Kräften überlassen, die ja genau an diese Urängste appellieren und an die illusorische Idee, in früheren Zuständen sei die ultimative Idylle zu gewinnen – dann erhöht das die Gefahren für den sozialen Frieden unmittelbar.

Bühne für Heimaten

Mit ihrem Engagement für Beheimatung spielen die Akteur*innen der Soziokultur nicht nur als Schöpfer*innen von Bindungen, verlässlichen Anlaufpunkten und tragfähigen Strukturen eine wichtige Rolle. Sie gehören auch zu denjenigen, denen es gelingen kann, Zugang zu den oft ablehnenden Emotionen von Menschen zu bekommen, die für den vernünftigen gesellschaftlichen Diskurs längst verloren scheinen. Sie besitzen hohe Kompetenz in dem Einsatz von ästhetischen Techniken und künstlerischen Mitteln, die dafür nötig sind. „Soziokultur“, sagt Gerd Dallmann, gibt „von Ausgrenzung oder Benachteiligung betroffenen Gruppen die Möglichkeit, ihren Anliegen Ausdruck zu geben und sie auf die Bühne zu bringen.“

Weitere Artikel

01.03.2021
Zeitschrift SOZIOkultur

BRANDENBURG: Kunsthaus Strodehne

Soziokulturelle Aktivitäten finden vielerorts in Gebäuden statt, die nicht als kulturelle Bauten geplant wurden. Wir haben uns umgesehen und stellen in einem Streifzug durch die Republik exemplarische Häuser vor.

BRANDENBURG: Kunsthaus Strodehne

Die Geschichte des Vereins Kunsthaus Strodehne e.V. begann zu DDR-Zeiten, als die Stadt Rhinow einer Gruppe junger Potsdamer Künstler*innen ein Haus in Strodehne im Havelland zur Verfügung stellte. Das erste „Sommerseminar für Bildende Künste“ fand 1988 statt. Erst 1991 wurde der Verein gegründet, der seinen Sitz in Potsdam hat, wo er auch das soziokulturelle Zentrum Waschhaus mit aufbaute.

Das Kunsthaus in Strodehne übernahm der Verein ab 2004 von der Stadt Rhinow langfristig in Erbbaupacht. In den 1990er Jahren war es mit viel Engagement der Vereinsmitglieder umfassend saniert und die Hofscheune zum Atelier umgebaut worden. Bis heute finden hier sowohl professionelle Künstler*innen als auch Kinder- und Jugendgruppen ideale Bedingungen für die künstlerische Produktion. Darüber hinaus hat der Verein einen Skulpturenpfad am Rande des umliegenden Naturschutzgebiets geschaffen, er veranstaltet seit 1995 eine Konzertreihe in der Strodehner Dorfkirche und ist Träger des Projekts „Schulhausroman“ in Brandenburg. Seine Arbeit leistet er fast ausschließlich ehrenamtlich.

Text: Michael Wegener

www.kunsthaus-strodehne.de  – Kunsthaus Strodehne auf Facebook

Der Artikel erschien in der Zeitschrift SOZIOkultur zur Thema HÄUSER. Hier die Ausgabe zum Download.

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26.02.2021
Zeitschrift SOZIOkultur

HAMBURG: Zinnschmelze

In einem Streifzug durch die Republik zu exemplarischen Orten wird klar: Seit ihren Anfängen in den 1970er Jahren bis heute muss (und will) sich die Soziokultur die Räumlichkeiten, in denen sie ihre Aktivitäten entfalten kann, oft erst suchen und erobern. Heute finden soziokulturelle Aktivitäten vielerorts in Gebäuden statt, die nicht als kulturelle Bauten geplant wurden. Teils jahrelang werden ehemalige Kirchen- und Klostergebäude, alte Fabrikhallen und Elektrizitätswerke, Scheunen, Lagerstätten oder Höfe mit viel persönlichem Engagement und körperlichem Einsatz, mit Knowhow und Liebe zum Detail für die spartenübergreifende Nutzung ertüchtigt. Wir haben uns umgesehen und stellen exemplarische Häuser vor.

HAMBURG – Zinnschmelze

Die ehemalige Zinnschmelze einer Gummiwarenfabrik wurde Ende der 1980er Jahre umgebaut und wird seitdem vom Trägerverein Zinnschmelze – Barmbeker Verein für Kultur und Arbeit e.V. als Kulturzentrum betrieben, zunächst mit Musik- und Tanzveranstaltungen in zwei Räumen auf insgesamt 270 Quadratmetern, ergänzt durch ein eigenständiges Kinder- und Jugendtheater und ein vereinseigenes Café. 2007 begannen die Konzeptstudien für einen Erweiterungsbau. Die Zinnschmelze wurde Bestandteil des Sanierungsverfahrens im Stadtteil und mit öffentlichen Mitteln und durch private Spenden saniert und erweitert. Nach 18-monatiger Bauzeit 2015 wiedereröffnet, trägt sie heute dazu bei, Attraktivität und Lebensqualität vor Ort zu verbessern. In zwei Räumen von 42 und 120 Quadratmetern finden bis zu 150 Besucher*innen Platz. Das Theaterdeck als Mieter und eine verpachtete Gastronomie nutzen die anderen zwei Drittel des Gebäudes. Das Angebot umfasst Veranstaltungen, Kurse und vielfältige Projekte. Künstlerische Qualität, Mitgestaltung und politische Themen leiten das Team in der Umsetzung.

Text: Dorothée Puschmann

www.zinnschmelze.deZinnschmelze auf Facebook

Der Artikel erschien in der Zeitschrift SOZIOkultur zur Thema HÄUSER. Hier die Ausgabe zum Download.

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25.02.2021
Förderung, UTOPOLIS

Kabinettsbericht ressortübergreifende Strategie Soziale Stadt beschlossen

Die Bundesregierung hat den Kabinettsbericht zur ressortübergreifenden Strategie „Soziale Stadt – Nachbarschaften stärken, miteinander im Quartier“ beschlossen. Mit dem Bericht werden u.a. auch die kreativen Methoden und vor allen Dingen die Ergebnisse der Zwischenevaluation des Modellprogramms „UTOPOLIS – Soziokultur im Quartier“ kommuniziert. Damit bildet der Bericht eine wichtige Weichenstellung für die Fortführung der ressortübergreifenden Strategie in der sozialen Stadtentwicklung.

Den Bericht findet ihr in voller Länge HIER.

Mikrofestival Bremen. Foto © Jan Meier

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25.02.2021
NEUSTART KULTUR, Zeitschrift SOZIOkultur

Frischer Wind in soziokulturellen Zentren

Mit dem milliardenschweren Förderprogramm NEUSTART KULTUR werden unter anderem dringend benötigte Investitionen in Kultureinrichtungen für den Weiterbetrieb unter Pandemiebedingungen unterstützt. Eine Analyse der eingegangenen Anträge zeigt, wo die Bedarfe besonders groß sind und was die Zentren tun, um auch in der Krise handlungsfähig zu bleiben.

Kleine Veranstaltungsräume, schlechte Luftverhältnisse und in die Jahre gekommene Sanitäranlagen: Soziokulturelle Zentren werden durch die aktuelle Situation vor besondere Herausforderungen gestellt. Die Maßnahmen zur Einschränkung des Infektionsgeschehens führen ohne entsprechende Investitionen für viele soziokulturelle Zentren wie für Kulturzentren zu enormen wirtschaftlichen Einbußen, sodass eine Öffnung der Häuser unter den gegebenen Umständen für viele aussichtslos erscheint. „Kein Abstand zur Kultur, aber Kultur mit Abstand zueinander“ – das fordern daher die Akteur*innen der (sozio-)kulturellen Szene.

Fördervolumen 25 Mio. Euro

Das Förderprogramm NEUSTARTKULTUR der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien unterstützt diese Forderung mit dem Programmteil „Pandemiebedingte Investitionen in Kultureinrichtungen zur Erhaltung und Stärkung der bundesweit bedeutenden Kulturlandschaft“. Vom Gesamtvolumen des Programmteils im Umfang von maximal 250 Millionen Euro stehen soziokulturellen Zentren, Kulturzentren und Literaturhäusern im Bereich 1d) („Zentren“) bis zu 25 Millionen Euro zur Verfügung, um ihren Weiterbetrieb und somit den Erhalt der vielfältigen (sozio-)kulturellen Landschaft zu gewährleisten.

Der Bedarf an Investitionen ist groß!

Dies wird schon durch den Ansturm auf das Förderprogramm deutlich. So schloss das Antragsportal für den Bereich „Zentren“ bereits am 28. Oktober 2020 wegen Überzeichnung, drei Tage vor dem spätesten Fristende. Insgesamt 626 Anträge mit Gesamtkosten in Höhe von rund 31 Millionen Euro sind beim Bundesverband Soziokultur, der mittelausreichenden Stelle für soziokulturelle Zentren, Kulturzentren und Literaturhäuser, eingegangen. Das Fördervolumen von 25 Millionen Euro ist damit voraussichtlich ausgeschöpft.

Den Anträgen lässt sich entnehmen, dass die Ausgangslage in den (sozio-)kulturellen Zentren und Literaturhäusern in Bezug auf die Corona-Maßnahmen nicht optimal ist. Lüftungsanlagen zur Aufrechterhaltung einer ausreichenden Lufthygiene sind dort entweder in veraltetem Zustand oder gar nicht erst vorhanden. Die Lüftung über Fenster und Türen bedeutet eine Zumutung für die Gäste, gerade in der kälteren Jahreszeit. Bei Einhaltung der Abstandsregelungen und der Lufthygienevorschriften können Veranstaltungen also derzeit nicht oder nur mit einer stark reduzierten Besucher*innenzahl stattfinden.

Maßnahmen gegen die Aerosol­belastung

Für insgesamt rund sechs Millionen Euro¹ beabsichtigen knapp 40 Prozent der Antragstellenden den Einbau, die Aufrüstung oder Anschaffung von Klima- und Belüftungssystemen mit einem Durchschnittswert von rund 25000 Euro. Laut RKI erhöht der längere Aufenthalt in kleinen und schlecht bis nicht belüfteten Räumen die Wahrscheinlichkeit einer Übertragung des Virus durch Aerosole auch über eine größere Distanz als anderthalb Meter. Neben der Einhaltung des Mindestabstandes ist also auch die Innenraumlufthygiene von immenser Wichtigkeit, um das Infektionsrisiko durch das SARS-CoV-2-Virus zu minimieren. Frische Luft zuzuführen und vorhandene Luft zu filtern sind Hauptaufgaben der raumlufttechnischen Anlagen. Ein reiner Umluftbetrieb sollte daher möglichst vermieden und stattdessen eine hohe Luftwechselrate durch Frischluft angestrebt werden.

Die Anträge beinhalten neben dem Einbau und der Reparatur von Frischluftanlagen auch die Anschaffung unterstützender Luftfiltersysteme. Laut Bundesregierung sind dabei HEPA-Filter (H13 und H14) generell zu bevorzugen. Die Antragstellenden sind angehalten, bei der Anschaffung oder Aufrüstung ihrer RLT-Anlagen vor allem den Gesundheitsschutz der Nutzenden, die technischen Möglichkeiten, die Art und Weise der Raumnutzung sowie das Verhalten der Nutzenden zu berücksichtigen, um ein optimales Ergebnis zu erzielen.

Lieber draußen statt drinnen

Wichtiger noch als die Aufrüstung der Innenräume ist für die Einrichtungen allerdings die Nutzbarmachung des Außenraums. Dies macht eine Analyse der eingegangenen Anträge deutlich. Laut RKI ist bei Wahrung des Mindestabstandes die Übertragungswahrscheinlichkeit im Außenbereich aufgrund der Luftbewegung sehr gering. Die kulturelle Arbeit soll entsprechend in den Außenbereich verlegt werden, besonders da, wo Innenräume mit den Vorgaben der Corona-Maßnahmen nicht mehr bespielbar sind. Knapp 4,5 Millionen Euro werden von den Antragstellenden für Maßnahmen zur Nutzbarmachung und Erweiterung der vorhandenen Nutzflächen benötigt. Dabei setzen die Antragstellenden auf kreative Lösungen wie den Ausbau von Dächern, aber auch auf die Erschließung von bisher brachliegendem Gelände.

Mit einem Antragsvolumen von über sieben Millionen Euro liegt der Schwerpunkt der Antragstellenden klar auf Ausstattungen für Open-Air Veranstaltungen. Gefragt sind sowohl mobile Bühnensysteme für das Außengelände als auch Licht- und Tontechnik. Wetterbefestigungen wie Pavillons, Zelte oder Überdachungen sowie Anschaffungen von Außenmobiliar, Stühlen und Tischen ergänzen die Anträge.

Kulturveranstaltungen, die normalerweise im Innenraum stattfinden, können mit der neuen Technik in den Außenraum verlagert werden. Dies entzerrt die Besucher*innenmassen und gewährleistet die gemeinsame Teilnahme an Veranstaltungen unter Einhaltung des Mindestabstandes und unter optimalen Luftverhältnissen.

Von Bad bis Büro: Modernisierungen machen die Zentren arbeits-­ und zukunftsfähig

Weitere Maßnahmen, deren bereits bestehende Dringlichkeit durch die Corona-Pandemie erneut hervorgehoben wurden, werden ebenfalls mithilfe des Förderprogramms angegangen. 26 Prozent der Antragstellenden planen die Modernisierung ihrer Sanitäranlagen, den Einbau barrierefreier Toiletten mit kontaktlosen Spülungen und Armaturen sowie adäquate Seifen- und Desinfektionsmittelspender mit Gesamtkosten von rund 2,5 Millionen Euro. Dies sorgt zum einen für die Einhaltung der erforderlichen Hygieneregeln, dient aber auch dem Wohlbefinden und dem gestiegenen Hygienebedürfnis der Gäste.

Die (sozio-)kulturellen Zentren werden mit entsprechenden Investitionen nicht nur für die aktuelle Situation gewappnet, sondern darüber hinaus zukunftsfähig ausgestattet. 44 Prozent der Antragstellenden nutzen das Programm mit dem Ziel, die eigene IT-Infrastruktur auszubauen, Streaming-Dienste einzurichten und technische Geräte anzuschaffen. So können Programme durch digitale Formate erweitert und kulturelle Angebote risikoarm genutzt werden. Workshops können gleichzeitig vor Ort und in den Wohnzimmern der Teilnehmenden stattfinden. Dies bedeutet einerseits eine Entzerrung der Gruppengrößen, befördert darüber hinaus aber auch in Zukunft die Zugänglichkeit zu kulturellen Angeboten und die kulturelle Teilhabe – ein erklärtes Ziel (sozio-)kultureller Arbeit.

Und nicht zuletzt kommt das Programm auch den Mitarbeitenden (sozio-)kultureller Zentren zugute. Digitale Aufrüstungen für Büroräume und die Einrichtung von Arbeitsplätzen im Homeoffice werden von den Antragstellenden beantragt, damit auch hier eine Entzerrung stattfinden kann.

„Kultur auf Abstand – aber kein Abstand zur Kultur“

Das Programm NEUSTART KULTUR wird einer Vielzahl soziokultureller Zentren, Kulturzentren und Literaturhäuser den Weiterbetrieb in Zeiten der Corona-Pandemie, aber auch darüber hinaus ermöglichen. Bis zu 15 Millionen Euro kommen soziokulturellen Zentren und Initiativen darüber hinaus in der Fördersäule „Programm“ zur Unterstützung ihrer Programmarbeit zugute.

Der Artikel erschien in der Zeitschrift SOZIOkultur zur Thema HÄUSER. Hier die Ausgabe zum Download.

Wie greifen die Förderungen? Was wird mit den Geldern umgesetzt? Erfahren Sie mehr auf www.neustartkultur.de.

Grafik © Johanna Götz

¹ Bei den Teilmengen handelt es sich um die Gesamtkosten der Maßnahmen, das heißt die Fördersumme plus den Eigenanteil.

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