08.06.2020
#DEMOKRATIE, Arbeitshilfen, Kultur und Politik

Sensibel hinschauen – Interview mit Mechthild Eickhoff

Von:  Ute Fürstenberg

Mechthild Eickhoff ist seit Anfang 2020 Geschäftsführerin des Fonds Soziokultur. Im Interview erzählt sie was sie an der Soziokultur fasziniert und was Menschen für Ideen haben, wenn man ihnen ein kulturelles Setting schafft.

 

Sie haben in Hildesheim Kulturwissenschaften studiert, waren Geschäftsführerin des Bundesverbands der Jugendkunstschulen und kulturpädagogischen Einrichtungen e.V. und Leiterin der Modelleinrichtung UZWEI_Kulturelle Bildung im Dortmunder U. Immer haben Sie nach soziokulturellen Prinzipien gearbeitet. Was begeistert Sie so an der Soziokultur?

Schon im Studium konnte ich bei soziokulturellen Projekten mitwirken, als Mitspielerin beim Forum für Kunst und Kultur in Heersum/Niedersachsen. Diese Erfahrungen habe ich dann bei meiner ersten Stelle in der WerkStadt in Witten einbringen können. Soziokultur erfindet Räume fürs freie Denken und Tun. Es ist faszinierend, welche persönlichen und gesellschaftlichen Geschichten an der Hauswand oder auf der Bühne landen und wie anders sich Themen plötzlich darstellen. Die Soziokultur hat die Mittel zum Wechsel von Perspektiven und dafür, Unbeachtetem „eine Stimme zu geben“.

 

Soziokultur erfindet Räume fürs freie Denken und Tun.

 

Im Dortmunder U haben wir mit Sehbehinderten eine Ausstellung übers Sehen gemacht; mit Skater*innen zusammengearbeitet, die das Gelände schon immer genutzt haben. Man begegnet immer wieder großer Leidenschaft und Expertise in eigener Sache. Dadurch kann Soziokultur auch ganz anders in politische, gesellschaftliche Debatten einwirken.

Inwiefern kann der Fonds Soziokultur demokratische Prozesse fördern?

Wirklichkeit wird in den Künsten und darüber auch in soziokulturellen Projekten, wie sie der Fonds fördert, symbolisch verhandelt. Man muss sensibel hinschauen, in Orte, Zusammenhänge, Beziehungen, Wünsche, Bedürfnisse, Konflikte. Das können Künstler*innen, Kulturpädagog*innen, Designer*innen, Filmemacher*innen … – also Leute mit Sinn fürs Querdenken und -handeln. Die Kultur bietet eine Plattform für Kommunikation, für mögliche Alternativen zur Realität; das ist eine ungemein demokratische Kraft: Vielstimmigkeit sichtbar machen und dabei der menschlichen Fantasie und Poesie zu vertrauen. Wenn Leerstände mit Installationen, Ackerland mit Theater oder fiktiven Lotterie-Annahmestellen auf Zeit bespielt werden, wird erst deutlich, was und dass etwas anders sein könnte und vielleicht fehlt.

 

Kultur bietet eine Plattform für Kommunikation, für mögliche Alternativen zur Realität; das ist eine ungemein demokratische Kraft!

 

Manchen Kulturaktionen kann man sich daher gar nicht entziehen, vielleicht finden gerade das auch einige Leute gefährlich oder doch unbehaglich.
Die Projektförderung des Fonds Soziokultur zielt auf Partizipation. Im Prinzip mischen sich alle Projektträger*innen in die Demokratiegestaltung ein, sie schauen anders auf Menschen und Konstellationen. Ein Projekt kann ein Klima für unauffälliges Aufeinandertreffen bieten und einen Anlass, miteinander in Kontakt zu kommen – zwanglos, ohne weltanschauliches Programm.
Auch die Struktur der Mittelvergabe ist auf Vielstimmigkeit angelegt. Wir fördern nicht nur das einzelne (gute) Projekt, sondern versuchen, uns ein umfassendes Bild zu machen, gerade bei Anträgen aus bestimmten Regionen. Die Kuratoriumsmitglieder kommen ebenfalls aus unterschiedlichen Regionen und beruflichen Kontexten. Schließlich ist der Fonds Soziokultur einer von sechs bundesweiten Förderfonds, der genau diese lokale Expertise mit bundesweiter Wirkung einbringen soll.

Das Programm „U 25 / Junge Kulturinitiativen“ fördert junge Leute, die eigenverantwortlich ein Projekt realisieren wollen. Warum?

Mit dem Programm will der Fonds eine Marke setzen. Junge Leute zwischen 18 und 25 Jahren können ihre Idee im vergleichsweise schlanken Antragsverfahren umsetzen. Auch in der Jury sitzen junge Menschen. Teilweise werden Projekte von soziokulturellen Zentren mit Infrastruktur und Beratung unterstützt. Der Fonds sieht so die Perspektive der Jüngeren, gleichzeitig wünschen wir uns, dass auch sie die soziokulturelle Idee weiterdenken und -leben – und es gibt sie. Nicht selten nehmen sie infolge dann ein größeres Projekt über die „Allgemeine Projektförderung“ in Angriff. Das ist natürlich ideal.

 

Hier geht es zur Website des Fonds Soziokultur

 

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Als die Glockengießerei Mabilon Ende 2002 ihre Produktion aus Altersgründen aufgeben musste, verblieb ein Gebäudekomplex von großer kulturhistorischer Bedeutung, der im denkmalgeschützten Altstadtbereich der Stadt Saarburg seit 1770 ansässig ist. Bis zu fünf Tonnen schwere Glocken fanden ihren Weg von hier aus quer durch Europa in die ganze Welt. Doch was sollte mit dem anerkannten Denkmal passieren?

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Wir, Heiko und Ruth Brockhausen, waren mit dem Theater der Nacht seit 1988 als Tourneetheater unterwegs. Da fiel uns 1994 die leerstehende Northeimer Feuerwache ins Auge. Der Standort in den Wallanlagen neben der alten Stadtkirche schien uns optimal. Wir überlegten, wie das Haus aussehen sollte. Aber unsere Vorstellungen wurden mit Skepsis betrachtet. Von „Wolkenkuckucksheim“ war die Rede oder „aufgeregter Architektur“. Die Denkmalpflege erhob Einwände wegen der Nähe zur denkmalgeschützten Kirche.

Nach vier Jahren Überzeugungsarbeit und harten Verhandlungen bekamen wir im Mai 1999 doch noch eine Finanzierung beisammen und konnten mit dem Umbau beginnen. Am 11.8.2001 haben wir mit einem rauschenden Fest die Eröffnung gefeiert. Wir haben seither unser Angebot stetig erweitert, 2014 noch einmal Werkstatträume angebaut. Die Vorstellungen, Kurse und Projekte werden gut angenommen – beziehungsweise wurden. Seit März 2020 sind wir ja durch die pandemiebedingten Schließungen extrem betroffen und wissen nicht, wie wir das Jahr überleben werden.

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Die Geschichte des Vereins Kunsthaus Strodehne e.V. begann zu DDR-Zeiten, als die Stadt Rhinow einer Gruppe junger Potsdamer Künstler*innen ein Haus in Strodehne im Havelland zur Verfügung stellte. Das erste „Sommerseminar für Bildende Künste“ fand 1988 statt. Erst 1991 wurde der Verein gegründet, der seinen Sitz in Potsdam hat, wo er auch das soziokulturelle Zentrum Waschhaus mit aufbaute.

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Text: Michael Wegener

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