Der Landesverband Soziokultur Mecklenburg-Vorpommern e.V. feierte im August 2021 sein 30-jähriges Bestehen mit einer Festwoche. Derzeit zählt der Verband 49 soziokulturelle Zentren und Kulturvereine im ländlichen Raum und in den Städten zu seinen Mitgliedern. Das sind Orte der kulturellen Vielfalt, der Fantasie und der kreativen Ideen, Orte voll positiver sozialer Energie, Orte der Toleranz – hier findet Miteinander, Teilhabe, Austausch und gelebte Demokratie statt oder einfach: Soziokultur.

Die Festwoche lud ein, die Soziokultur zu entdecken. Es gab im ganzen Land Veranstaltungen, ein Schwerpunkt lag in Greifswald, da sich die Geschäftsstelle des Landesverbandes dort im soziokulturellen Zentrum St. Spiritus befindet. Auch der im letzten Jahr ausgefallene 30-jährige Geburtstag des St. Spiritus‘ wurde bei dieser Gelegenheit nachgefeiert. Dieses in einem atmosphärischen Denkmal in der Innenstadt beheimatete soziokulturelle Zentrum wurde in der Wendezeit auf einen Beschluss des Runden Tisches hin gegründet. Seitdem befindet es sich in städtischer Trägerschaft.

Der grüne Oberbürgermeister Dr. Stefan Fassbinder kam zur Eröffnung der Festwoche und überbrachte Geburtstagsgrüße und einen großen Dank an alle Akteur*innen der Soziokultur, die Kultur für alle aktiv erlebbar machen. „Soziokultur steht nicht im Duden, ist dennoch unverzichtbar. Kultur nicht nur konsumieren und genießen, sondern gestalten, mitwirken, sich einmischen, sich streiten – Greifswald leistet sich das und das muss auch so bleiben“, so Dr. Fassbinder.

Festakt mit Ministerin Bettina Martin

Vor seinem Grußwort spielte die Ska-Punk-Band KRACH den Song „Ich bin noch da – wir sind noch da“ – ein gutes Auftakt-Motto zum Feiern einer lebendigen Soziokultur in Mecklenburg-Vorpommern nach 30 Jahren – und nach 18 Monaten Pandemie. Eine Ausstellung im St. Spiritus präsentierte das reiche künstlerische Schaffen seiner Kurse. An den weiteren Tagen der Festwoche gab es Kindertheater, Konzerte, Kurse, einen Filmabend mit Diskussion zur Klimakrise, Lesungen, Diskussionen zu Widerstand und Sophie Scholl. Den Höhepunkt bildete ein Festakt am 13. August, zu dem auch die Kultusministerin des Landes Bettina Martin anwesend war, außerdem die Geschäftsführerin des Bundesverbandes Soziokultur Ellen Ahbe sowie Kooperationspartner*innen, Politiker*innen und Vertreter*innen der Verwaltung und die Mitglieder des Landesverbandes.

Förderpreis Soziokultur an radio 98eins e.V.

Ministerin Bettina Martin würdigte die Soziokultur und stellte die weitere Unterstützung durch das Ministerium in Aussicht. Das ist eine wichtige Aussage, denn diese fast hundertprozentige Unterstützung durch das Land sichert die Geschäftsstelle und die Projektmittel. Die Ministerin verlieh auch den Förderpreis in Höhe von 1500 Euro, den der Landesverband Soziokultur alle drei Jahre auslobt. Die Entscheidung fiel der Jury nicht leicht, denn es hatten sich viele engagierte Vereine und Projekte beworben. Die Wahl fiel auf radio 98eins e.V.

Das lokale Bürgerradio für Greifswald und Umgebung ist ein Standort des Offenen Kanals der Medienanstalt Mecklenburg-Vorpommern. In zwei mit moderner Technik ausgestatteten Studios können interessierte Menschen selbst Radio machen. Gesendet wird täglich zwischen 19 und 23 Uhr auf der UKW-Frequenz 98,1 MHz sowie rund um die Uhr im Livestream. Etwa 30 Ehrenamtliche gestalten mit Leidenschaft und Engagement ein spannendes Programm mit Musiksendungen, Literatur- und Kulturtipps, gesellschaftspolitischen Themen, Talkrunden, lnterviews und Livekonzert-Mitschnitten.

Kultur auch in der Corona-Zeit erleben

In der Corona-Zeit hat sich radio 98eins besonders eingebracht, um Kultur weiterhin erlebbar zu machen. So entstand das Format „Radiokonzert“ mit wöchentlichen Konzert-Liveübertragungen in Ton und Bild. Ob die „Fête de la Musique“, die „Kulturnacht“, Lesungen, Poetry Slam, Performances oder Festivals – der Verein stand für alle Anfragen von Künstler*innen und Kultureinrichtungen offen und hat ehrenamtlich viele Extrastunden mit dem Übertragen, Aufnehmen und Schneiden der Sendungen verbracht. Dadurch konnte in der Region gerade in einer Zeit ohne Treffen und Veranstaltungen ein lebendiges Kulturprogramm gesendet werden – und das nicht nur digital, sondern im guten alten Medium Radio.

Nach der Förderpreisübergabe dankte Elle Ahbe in ihrer Rede auch den drei Geschäftsführerinnen dieser drei Jahrzehnte Soziokultur in Mecklenburg-Vorpommern: Gudrun Negnal, Ulrike Hanf und Andrea Döteberg, die den Landesverband entscheidend prägten. Zum Abschluss gab es ein Konzert der finnlandschwedischen Band Bubbeli & the Runeberg Orchestra, das der Verein Nordischer Klang beisteuerte, der jährlich das größte Kulturfestival der nordischen Länder außerhalb dieser in Greifswald veranstaltet. Die Reggaeklänge passten perfekt zu dem Sommerabend und luden auch zum Tanzen – auf Abstand und mit Maske – ein.

Geballtes „Schwarmwissen“ im Reiseführer

Ein besonderes Geschenk zum Geburtstag bereitete sich der Verband selbst: Dank einer Sonderförderung des Landes präsentiert ein frisch gedruckter Reiseführer auf 180 Seiten geballtes „Schwarmwissen“ – die Orte der Soziokultur in Mecklenburg-Vorpommern und weitere kulturelle und landschaftliche Geheimtipps der Mitglieder.

Dazu wurden auch gleich zwei Touren angeboten: Am 12. August wurde zu einem kurzweiligen soziokulturellen Stadtspaziergang in Greifswald eingeladen, vier Mitglieder stellten sich vor, kulturelle und kulinarische Überraschungen säumten den Weg. Der Verein BoddenFolk forderte zum Mittanzen auf, im Funkhaus von radio 98eins konnten Jingles eingesprochen werden, beim Nordischen Klang gab es nordische Sounds und Selbstgebackenes und im Kultur- und Initiativenhaus STRAZE warteten nach der Hausführung ein Minikonzert und ein Abend im Biergarten.

Soziokulturelle Landpartie im „Kultursommer 2021“

Soziokultur im ländlichen Raum konnte man am 15. August bei einer soziokulturellen Landpartie erkunden. In Anklam, Broock und Lubmin warteten spannende Entdeckungen, Livemusik begleitete die Bustour. Sehr schön war, dass Ellen Ahbe und Claudia Ballschuh vom Bundesverband mit von der Partie waren. Im Demokratiebahnhof Anklam wurde in einem Spiel erfahrbar, dass gemeinsames Handeln ein gutes Miteinander erfordert. Das Kunstlabor im Tollensetal des Kulturvereins Schloss Brook hatte als Überraschung ein spontanes Konzert monogolischer Sängerinnen organisiert – die Weite des vorpommerschen Dorfes und der mongolischen Steppe haben ja auch Parallelen und in Mecklenburg-Vorpommern muss man bei einer solchen „vollen Packung Kultur“ auf alles gefasst sein.

 

Die Erkundungen durch die Soziokultur in Stadt und Land wurden im Rahmen des Projektes Kultursommer 2021 durch den Landkreis Vorpommern Greifswald aus Mitteln der Bundeskulturstiftung gefördert. Ein großer Dank für die Organisation der Festwoche geht an die Geschäftsführerin des Landesverbandes Andrea Döteberg.

Dieser Artikel erschien in der SOZIOkultur Heft 3/2021 zum Thema FRAUEN.


Weitere Informationen:

Soziokulturelle Aktivitäten finden vielerorts in Gebäuden statt, die nicht als kulturelle Bauten geplant wurden. Wir haben uns umgesehen und stellen exemplarische Häuser vor.

MECKLENBURG-VORPOMMERN: St. Spiritus, Greifswald

Das soziokulturelle Zentrum St. Spiritus wurde 1990 gegründet. Das Gebäude wurde bereits zu DDR-Zeiten für Kulturarbeit genutzt und nach der Wende zum soziokulturellen Zentrum in städtischer Trägerschaft umfunktioniert. Für das bauliche Ensemble war diese Nutzung die Rettung. Der Gebäudekomplex – seit dem Mittelalter Hospital und Wohnstatt für Alte und Kranke – besteht aus einem Innenhof mit mittelalterlicher Budenbebauung, einem zweistöckigen Haus aus dem Jahr 1740 auf mittelalterlichen Grundmauern und einem ehemaligen Kirchenbau mit Ursprüngen aus dem 13. Jahrhundert. Von 2000 bis 2008 wurden die Gebäudeteile durch die Stadt mithilfe von Fördermitteln saniert. Es war ein Spagat, Denkmalpflege und die Nutzung als Veranstaltungsort in Einklang zu bringen, der aber sehr gut gelang. Nun wird die ehemalige Kapelle als Veranstaltungssaal genutzt, in den Hofbuden sind künstlerische Werkstätten untergebracht, der Lagerboden wurde Ausstellungsraum. Gerade die wunderschönen historischen Details machen den besonderen Charme des Ortes aus.

Text: Imke Freiberg

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Der Artikel erschien in der Zeitschrift SOZIOkultur zur Thema HÄUSER. Hier die Ausgabe zum Download.