Meinung: Es geht um Menschen

Berthold Seliger, Foto © Matthias Reichelt

In der Corona-Krise brechen Verteilungskämpfe auf, deren Ausmaß zwar vorstellbar, aber im Detail und in der Dimension noch nicht absehbar ist. Wir erleben eine Verschärfung und Zuspitzung gesellschaftlicher Probleme, die Strukturen sozialer Ungleichheit verfestigen sich. In Ländern, in denen es soziologische Studien zu den Folgen der Corona-Krise gibt, lässt sich beobachten: Je enger beispielsweise die Wohnverhältnisse, desto höher der Anteil der COVID-19- Infektionen; je weniger die Menschen verdienen, desto höher ist der Ansteckungsgrad (siehe Schlachthöfe).

 

Wir erleben eine Verschärfung und Zuspitzung gesellschaftlicher Probleme, die Strukturen sozialer Ungleichheit verfestigen sich.

 

Geflüchtete, Obdachlose, Leiharbeiter*innen – diejenigen, die in prekären Wohn- und Arbeitsverhältnissen leben, infizieren sich häufiger, die Ärmsten stecken sich am ehesten an. Was aber hat das mit der Kulturszene zu tun? Hier lässt sich wie im Brennglas die Auseinanderentwicklung der Gesellschaft beobachten. Die Festangestellten erhalten weiter ihre Gehälter, wenn auch teilweise in Kurzarbeit. Dagegen haben die in den Medien euphemistisch als „frei“ bezeichneten Musiker*innen und Künstler*innen, aber auch all die Kulturarbeiter*innen, die im Hintergrund wirken und ohne die keine Kulturveranstaltungen stattfinden könnten (von Bühnenarbeiter*innen und Techniker*innen bis zu Securityleuten oder Roadies), aufgrund der Corona-Pandemie von einem Tag auf den anderen ihre Arbeitsgrundlage verloren. Und wann der Kulturbetrieb wieder (wenigstens einigermaßen) regulär arbeiten kann, ist nicht absehbar. Das Gros der „freien“, also selbstständigen Kulturschaffenden lebt prekär. Das Durchschnittseinkommen aller Musiker*innen hierzulande beträgt laut KSK gerade einmal 14.628 Euro pro Jahr. Und für die meisten gehen die Einnahmen in der Pandemie gegen Null.

 

Das Gros der „freien“, also selbstständigen Kulturschaffenden lebt prekär.

 

Einige Bundesländer haben mit einer Corona-Nothilfe entgegengewirkt, insbesondere das Land Berlin, das bereits im März eine Art bedingungsloser Grundsicherung in Höhe von 5.000 Euro zur Verfügung gestellt hat. Die Bundesregierung hat die Zeichen der Zeit dagegen leider nicht erkannt. Es hat viel zu lange gedauert, bis den freien Kulturschaffenden in den Institutionen wenigstens eine marginale Ausfallgage von „bis zu“ 60 Prozent bei Gagen unter und „bis zu“ 40 Prozent bei Gagen über 1.000 Euro zugesichert wurde. Rätselhaft, warum nicht einfach die Regeln für Kurzarbeit angewandt wurden. Offensichtlich sind der Bundesregierung die Opernsänger*innen, Schauspieler*innen und Musiker*innen weniger wert als die Angestellten in anderen Branchen.

Die Förderung von Solo-Selbstständigen und kleinen Betrieben durch die Bundesregierung leidet unter mangelhafter Konzeption: Betriebskosten werden bezuschusst, eine pauschalisierte Hilfe zu den Lebenshaltungskosten dagegen wird ausgeschlossen. Damit läuft die Hilfe ins Leere. Leider hat die Bundesregierung diesen Denk- und Baufehler auch bei ihrem Konjunkturpaket nicht beseitigt – dort finden sich durchaus einige sinnvolle Fördermaßnahmen für die kulturelle Infrastruktur, die auch Clubs und soziokulturellen Zentren zugutekommen werden und dazu beitragen können, kulturelle Institutionen abzusichern und durch die Krise zu bringen. Individuelle Hilfen für Kulturschaffende fehlen allerdings komplett – Hunderttausende freiberufliche und solo-selbständige Künstler*innen und Kulturarbeiter*innen werden weiterhin in die Grundsicherung geschickt, in eine Art Künstler*innen-Hartz-IV. Es drängt sich der Verdacht auf, dass die Bundesregierung zwar an die kulturellen Institutionen denkt, weniger aber an die Menschen, die diese Institutionen erst mit Leben füllen und die kulturelle Vielfalt unserer Gesellschaft sichern.

 

Ein Meinungsbeitrag von Berthold Seliger aus der Zeitschrift SOZIOkultur 2/2020 

Berthold Seliger, Foto © Matthias Reichelt