25.05.2020
Arbeitshilfen, Netzwerk Soziokultur, UTOPOLIS, Zeitschrift SOZIOkultur

Meike Weid vom Johannstädter Kulturtreff im Interview

Von:  Kristina Rahe

Plattenwechsel demokratisch

 

Der Johannstädter Kulturtreff aus Dresden ist seit Ende 2019 im Programm UTOPOLIS – Soziokultur im Quartier mit dem Projekt „Plattenwechsel – WIR in Aktion“ im Stadt­teil aktiv – und das ganz bürgernah. Projektleiterin Meike Weid über die Ziele des vierjährigen Modellprojekts und darüber, welche Rolle Demokratie darin spielt.

 

Kannst du eure Projektidee und eure Zielsetzung mit wenigen Sätzen beschreiben?

Das Projekt „Plattenwechsel“ birgt die Idee bereits im Titel: Nach Ablauf der Projektlaufzeit zieht der Verein vom jetzigen Standort (einem in die Jahre gekommenen Plattenbau) in ein neu gebautes Stadtteilhaus. Damit dieses neue Bauwerk nicht als Fremdkörper wahrgenommen wird, versuchen wir, die Johannstädter*innen an dem Umzugsprozess und der programmatischen Gestaltung des Hauses zu beteiligen und auch neue Besucher*innen zu gewinnen. Ziel ist die Identifikation „kulturferner“ Bürger*innen mit dem neuen Stadtteilhaus.

 

Was war eure Motivation, sich mit dem Kultur treff für das „Soziale Stadt“ Programm UtoPoLiS zu bewerben?

Das UTOPOLIS-Programm war die ideale Gelegenheit, auf den bevorstehenden Umzugsprozess des Vereins aufmerksam zu machen. Über den partizipativen Projektansatz können alle Bewohner*innen des Stadtteils in diesen Vorgang miteinbezogen und die Potenziale des neuen Bauvorhabens kommuniziert werden. Durch den experimentellen Charakter von UTOPOLIS haben wir die Möglichkeit, auch immer spontan auf sich zeigenden Bedarf im Stadtteil zu reagieren.

 

Wie sieht der partizipative Projektansatz konkret aus?

Im ersten Projektjahr probieren wir zunächst einmal verschiedene Methoden mit künstlerischem Ansatz aus, um die Aufmerksamkeit und die Teilhabe für das Projekt zu stärken. Gleichzeitig können wir so ermitteln, wo die Bedarfe liegen und welche Methoden besser oder weniger gut funktionieren. Das geschieht über aufsuchende Formate wie einem offenen Bürgerchor, der an verschiedenen Orten im Stadtteil zum Mitsingen auffordert, oder Kochworkshops auf Parkplätzen, Kunstaktionen in Gemeinschaftsgärten, fotografische Stadtteilspaziergänge und vieles mehr.

 

Die Reihe „Platte im Wandel“ ist zugleich Bedarfs ermittlung und mögliches Angebot.

 

Im zweiten Halbjahr 2020 wird es einen offiziellen Beteiligungsprozess der Stadt Dresden geben. Über öffentliche Utopie-Werkstätten im Stadtteil möchten wir diesen gerne unter die Johannstädter Bevölkerung bringen. Wir hoffen, durch den künstlerischen Ansatz auch Menschen zu erreichen, die sich vorher noch nie im Kultur treff betätigt haben. Der Prozess ist noch in Planung, weshalb die Themen der Beteiligung noch nicht feststehen. Wenn das Format gut angenommen wird, ist es vorstellbar, dass wir die Utopie-Werkstätten auch zur genaueren Ermittlung des künftigen Kulturprogramms im Stadtteilhaus nutzen werden.

 

Wie ermittelt ihr darüber hinaus, welche bedarfe die Menschen im Quartier haben und was sie innerhalb des Projektes realisieren wollen?

Die Veranstaltungsreihe „Platte im Wandel – Kreatives Stadtlabor“ ist eine monatliche Reihe aus aufsuchenden Formaten im Stadtteil, die zugleich Be darfsermittlung und mögliches fortlaufendes Angebot ist. Zu Beginn des Projekts hat ein Planungsworkshop mit direkten Anwohner*innen stattgefunden, die nach einer Vernissage großes Interesse an einer Mitgestaltung geäußert haben. Obwohl in diesem Workshop der Hang zur Idealisierung des Vergangenen deutlich wurde, ließen sich aus der Diskussion Werte herausfiltern, die in der Gegenwart vermisst werden, die früher aber gelebt wurden. Wir versuchen nun, dass jede Veranstaltung des „Kreativen Stadtlabors“ mindestens einen dieser Werte impliziert und letztendlich einfach zum Mit- und Selbermachen einlädt.

 

An der Singaktion konnten die Anwohner*innen direkt von ihrem Balkon aus teilnehmen.

 

Der „Plattenchor“ ist auch ein Projekt, das aus einer gemeinsamen Singaktion in der Vorweihnachtszeit entstanden ist, an der die Anwohner*innen direkt von ihrem Balkon aus teilnehmen konnten. Dem Singen ging eine Beteiligungsaktion zur Liedauswahl voraus. Insgesamt war diese sehr positiv und das Format wurde gut angenommen, sodass wir nun gespannt sind, wie sich das offene Chorprojekt weiterentwickelt.

 

Würdest du euer Projekt als basisdemokratisch beschreiben?

Wir sind bemüht, die Aktionen und Angebote so zu konzipieren und offen zu gestalten, dass sich im Prinzip jede*r angesprochen fühlt und dabei sein kann. Gleichzeitig gerät man mit dem basisdemokratischen Ansatz schnell an Grenzen der Realisierung. Allein sprachliche Barrieren und Möglichkeiten der Sichtbarkeit der Angebote spielen dabei eine große Rolle. Wir denken über einen sprachübergreifenden Ansatz in der Öffentlichkeitsarbeit nach, zum Beispiel über Piktogramme zu wiederkehrenden Themen, die von den Bürger*innen selbst entwickelt werden und damit gegebenenfalls die Bewerbung von Aktionen und Veranstaltungen erleichtern würden.

 

Funktioniert die beteiligung der Nachbarschaft? Wie würdest du generell die Potenziale von soziokulturellen angeboten in der Stadtteilarbeit sehen?

Ich denke, dass der kreative Ausdruck wichtig ist, um Selbstreflexion anzuregen und die Begegnung mit anderen Menschen zu erleichtern – und gleichzeitig zu intensivieren. Auf jeden Fall sollte man Schnittstellen zu anderen Branchen wie dem Sport nutzen, um möglichst viele Menschen mitzunehmen. Ich bin sicher, dass Beteiligung dann funktionieren kann, wenn die Leute sich ernst genommen fühlen und frühzeitig an Veränderungen in ihrem Lebensumfeld mitwirken können.

 

Eine allererste Aktivität eures Projektes war eine Ausstellung von Harald Hauswald zum alltagsleben in der DDR. Hier waren alle Interessierten zum gegenseitigen Austausch eingeladen. Wie wurde das Angebot angenommen und spielte dabei die Auseinandersetzung mit dem Begriff der Demokratie eine Rolle?

Aus unserer alltäglichen Arbeit im Kontakt mit den Anwohner*innen wussten wir bereits, dass das Thema DDR eine große Rolle für die älteren Menschen spielt. Die Vernissage war eine gute Möglichkeit, von persönlichen Erlebnissen zu berichten und mit anderen in Austausch zu treten. Die Veranstaltung wurde sehr gut angenommen und man konnte förmlich beobachten, wie sich aus der zunächst fremden Gruppe im Laufe des Nachmittags eine Gemeinschaft entwickelt hat. In den Gesprächen wurde deutlich, dass die Möglichkeiten der Demokratie unter Umständen nicht wahrgenommen werden, weil Eigeninitiative und politische Teilhabe durch die Sozialisierung in der DDRnicht erwünscht waren und damit auch nicht gefördert wurden. Durch UTOPOLIS können wir nun stärker darauf aufmerksam machen, dass das Leben im Hier und Jetzt gemeinsam gestaltet werden kann, um für ein weiterhin demokratisches Morgen zu sorgen.

 

Was wünschst du dir, was sich durch das Projekt in vier Jahren verändert haben wird?

Ich wünsche mir, dass die Bürger*innen durch die kulturelle Betätigung und die Beteiligung am Geschehen ein größeres Verständnis füreinander und für die Diversität im Stadtteil entwickelt haben werden. Idealerweise werden durch die verstärkte Nutzung soziokultureller Angebote Vorurteile abgebaut und ein Gefühl der Selbstwirksamkeit erlangt. Unsere Vision: das neue Stadtteilhaus als Ort des gelebten Miteinanders.

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