02.02.2022

#NEUE FORMATE, Porträt, Zeitschrift SOZIOkultur

Leben prägen, Gesellschaft säen

Von: Dr. Edda Rydzy

Im zeitraumexit in Mannheim ist experimentelle Kunst lebendiger Teil des nachbarschaftlichen Engagements.

Wolfgang Sautermeister wächst im Ländle auf, studiert hier Sonderpädagogik und widmet sich autodidaktisch dem Zeichnen, Malen und Performen. Als er knapp dreißig ist, lockt ihn eine anthroposophische Einrichtung mit einem Jobangebot nach Mannheim. Damit beginnt für ihn herrlich intensives Leben. Die Mannheimer*innen begegnen ihm freundlich, sie sind neugierig, für vieles offen und für manches zu haben. Beruflich darf er experimentieren. Er bekommt Kontakt zur Kunstszene. Bald lernt er Menschen kennen, die ticken wie er. Sie heißen vor allem Gabriele Oswald, Tilo Schwarz und Elke Schmidt.

Kunst, denken sie, gehört weder auf den Sockel noch in den Elfenbeinturm. Jeder und jedem soll sie mehr sein als nur ein abstrakter Anspruch. Nämlich ein sehr persönliches, sehr konkretes Instrument, um sich selbst und verborgene Welten zu erkennen, sich selbst auszudrücken und mit anderen auszutauschen. Wie lassen sich, überlegen die vier, Kunst, Stadtgesellschaft und Alltagsleben miteinander verbinden? Was kann Kunst alles sein, was lässt sich mit ihrer Hilfe zur Synthese führen? Die vier sprühen vor leidenschaftlichem Elan, wollen in Mannheim etwas auf die Beine stellen, brauchen dafür eine Struktur und gründen 1995 den Verein Zeitraum Büro für Kunst, vereinigen sich 2001 mit EX!T Ausgangspunkt Theater. Gemeinsam heißen sie seitdem zeitraumexit.

Wegstrecken

Inzwischen hat sich im zeitraumexit die Crème der experimentellen Kunst die Klinke in die Hand gegeben. Die wundersam spektakulären Ereignisse aus Bildern, Bewegungen, Klängen und Worten ziehen regelmäßig begeisterten Applaus, enthusiastische Presseberichte, anerkennende Kritiken und auch Laudationes für diesen oder jenen Preis nach sich.

Am Anfang jedoch erweisen sich die Türen, die zeitraumexit öffnen will und muss, als durchaus sperrig. Ausdauer und Stehvermögen sind gefragt. Für die Konzepte braucht es eine Unzahl künstlerischer und institutioneller Kooperationspartner*innen mit jeweils ganz unterschiedlichen Denk- und Arbeitsweisen. Unablässige Gänge und Anträge um Finanzen lassen Blasen an den Füßen wachsen und Finger über Tastaturen ermüden. Teilnehmer*innen und Besucher*innen der Projekte halten letztlich das Team immer wieder mit ihrer Faszination bei der Stange.

Großes Krabbeln

2002 hat zeitraumexit sein Quartier noch unter Hinterhofbedingungen im Stadtteil Neckarstadt-Ost. Dort gründen sie in Kooperation mit Hygiene Heute den „Mannheimer Ameisenstaat“. Das heißt: Unterstützt durch die deutsche Ameisenschutzwarte richten sie über mehrere Räume hinweg ein Terrarium ein, in dem Millionen der kleinen schwarzen Gesellen herumkrabbeln und sich ihre staatliche Ordnung schaffen. Das können die Leute beobachten. Sie tun’s erst zögerlich, dann in großer Zahl. Die Insekten bilden die Bühne und Kulisse, um sich gemeinsam ein Bild darüber zu erarbeiten, was menschliche staatliche und gesellschaftliche Ordnungen ausmacht, quer durch die Geschichte bis heute. Dabei wird allerlei auf den Kopf gestellt.

Kunst als Saat

Ameisen haben es leichter als Menschen. Die komplizierte Aufgabe, ihr geregeltes Zusammenleben zu bewerkstelligen, können sie ihren Körpern überlassen. Egal ob es für sie Gründe gibt, Alarm zu schlagen, sich über Nahrung zu freuen oder den Bau zu sichern, sie sondern ein entsprechendes Hormon ab. Das dringt ohne Umwege in all die winzigen Mitbürger*innen ein, so dass sie sofort Bescheid wissen. Menschen hingegen müssen sich einander in ziemlich komplexen Kommunikationsvorgängen mitteilen. Das ist schon schwierig genug, wenn sie sich über Jahrhunderte aneinander, an die gleichen Chiffren und Regeln gewöhnt haben. Denn auch dann sind große Bevölkerungsgruppen nur bedingt mit von der Partie.

Zum Beispiel weil es, wie nicht nur Peter Weiss in der „Ästhetik des Widerstands“ feststellt, nach einem harten Tag körperlicher Arbeit unausdenkliche Mühe bedeutet, sich mit dem klassischen Kanon der sogenannten Hochkultur oder mit den Feinheiten gehobenen Redens abzugeben. Was aber, wenn die hart Arbeitenden, wie hier in Mannheim-Jungbusch, auch noch aus 160 Nationen kommen und mindestens ebenso viele unterschiedliche Vorstellungen davon haben, wie man sich in welcher Situation richtig verhält und mitteilt? Wo diverse Tabus der Communities und Gruppen als Grenzen im jeweils Inneren wie nach außen wirken?

Aus all dem Gesellschaft wachsen zu lassen ist eine Kunst und: Kunst kann dabei wirklich helfen. Ganz so easy wie die cleveren Hormone der Ameisen funktioniert sie nicht. Aber als welches Genre auch immer ist sie so raffiniert verdichtete Kommunikation, dass sie von Blutbahn zu Blutbahn in die fühlenden Bäuche der Menschen gelangen kann, ohne unterwegs über die unterschiedlich besetzten und deshalb leicht missverständlichen Wörter und Begriffe in den Köpfen der beteiligten Menschen zu stolpern. So kann eine Grundvoraussetzung aller Gesellschaft wachsen – Bindung.

Hürden umlegen

Zu dumm, dass ausgerechnet diejenigen, denen Kunst eine große Hilfe sein kann, oft höchste innere Hürden überspringen müssen, um sich auf sie einzulassen. Genau das nehmen Wolfgang und das zeitraumexit eben nicht als unabänderlich gegeben hin. Ob Wolfgang hier mit Jungbuscher*innen ein Projekt durchführt, als Gastprofessor lehrt, psychisch Kranken den eigenen künstlerischen Ausdruck als Weg aus der Sprachlosigkeit öffnet oder ursprünglich fremdelnde Leute verblüfft begreifen lässt, dass sie sich in diesem oder jenem Museum plötzlich heimisch fühlen – mit allem, was er tut, beweist er konkret und praktisch, dass fast jeder Mensch eine ihr oder ihm gemäße Art des Selbst-Ausübens von Kunst finden kann. Es gelingt ihm, die Neugier von Menschen zu wecken, die nie von sich gedacht hätten, dass sie einmal eine Bühne betreten, einen Pinsel oder ein Instrument zur Hand nehmen würden – und: sie zum Mitmachen zu bewegen. Er prägt ihre Leben, positiv.

Manche sprechen ihn noch viele Jahre nach dem ersten Zusammentreffen an. „Was für ein Glück“, bedanken sie sich, „Kunst ist zu einem wichtigen Teil meines Lebens geworden“. Direkt nach Projekten oder Veranstaltungen kommen in den seltensten Fällen Teilnehmer*innen zu Wolfgang, um zu sagen: Wow, was ich heute gelernt habe! Doch er spürt, dass genau das Glück, eben im Moment etwas verstanden zu haben, wozu man auf keine andere Art einen Zugang hätte finden können, dass solches Glück immer wieder geschieht. Wenn es auf ganz spezielle Weise in den Köpfen der Beteiligten klickt, dann teilt sich das mit als intensives Hochgefühl im Raum, als Leuchten in Gesichtern, als besonders berührender Applaus.

Kunst der einfachen Worte

Zusammen mit Gabriele Oswald und Tilo Schwarz verantwortet Wolfgang bis 2016 die künstlerische Leitung des zeitraumexit. Weil sie einen Generationswechsel für wichtig halten und sich auf eigene Projekte konzentrieren wollen, übergeben sie dann die Geschäfte an Jan-Philipp Possmann.

Jan-Philipp kommt mit dem Studium von Theater-, Politik sowie Kulturwissenschaft und mit viel praktischer Erfahrung aus der Arbeit an unterschiedlichen Theatern und Projekten. Seit er in seiner Schulzeit in Frankfurt am Main ein Praktikum im Theater am Turm absolvierte, strebt er nach der Symbiose aus Dramatik, Weltoffenheit und gesellschaftlichem Anspruch, zieht es ihn zu internationalen Produktionen, zum Experiment, zur Straße und zu unbekannten Orten. Unter anderem bei Rimini-Protokoll hat er als Dramaturg, Produktionsleiter und Regieassistent diverse dramatische Stoffe in Szene gesetzt und auf die Bühne gebracht. Er ist es gewöhnt, auf der Höhe des künstlerischen Fachdiskurses mitzureden.

Jetzt heißt es für Jan-Philipp, in Wolfgangs Fußstapfen auf die Jungbuscher Straßen zu gehen, dort Leute anzusprechen, die Einkaufbeutel oder ein Werkzeug in der Hand, die eine Behinderung oder ein Sprachproblem haben oder vielleicht einen kniffligen Familienkrach im Kopf. Ganz normale Passant*innen also soll er dafür begeistern, sich in den Dunstkreis abgefahrenster experimenteller Kunst zu bewegen und dort sogar mitzuwirken. Seine vielen Fachwörter und die angesagten Wendungen der aktuellen Kunstdebatten helfen ihm nun nicht. Hier braucht es einfache Worte für den Sinn von Kunst im ganz normalen Leben. Das ist eine Herausforderung, doch wegen der täglichen kreativen Ungewissheit vor allem aufregend flirrendes Leben.

Lebenselixiere

2017, in Jan-Philipps erstem Jahr als Geschäftsführer, findet das „Mannheimer Erbe der Weltkulturen statt. Zeitraumexit fragt die Migrant*innen der Stadt nach dem, was sie an Wichtigem mitgebracht haben, von dort, wo sie einmal hergekommen sind. Viele stellen etwas vor. Aus der Tatsache, dass sie als zugewanderte Menschen solche Aufmerksamkeit genießen, dass sie mit ihren spezifischen Prägungen, mit ihren Erinnerungen an andere Lebensweisen wichtig genommen werden, entstehen wochenlange Freude und Feiertagsstimmung. Jan-Philipp liebt und genießt das, auch, dass er heute noch, und sei’s beim Friseur, darauf angesprochen wird, wie toll das war. Unvergesslich.

Wie sollte er nicht gern mit seinen Begrüßungsworten für Veranstaltungen oder Ereignisse vorn stehen und in die Vielzahl erwartungsfreudiger Augen blicken. Erfahren, dass ein Neunjähriger aus einer bulgarischen Familie hierher kommt, um offen übers Schwul-Sein zu reden, was bei ihm zuhause ein Tabu ist. Im zeitraumexit an einer Tür vorbeikommen, wo aus der Scheu vor Geigen, Gitarren oder Flöten in popartiger Weise Lust am Musizieren wird. An all dem hängt Jan-Philipp sehr.

Wechsel

Trotzdem geht er. Denn er ist auch erschöpft. Von der geringen Zeit, die ihm für eigene inhaltliche Arbeit bleibt. Die administrativen Aufgaben fressen ihn auf, besonders die niemals nachlassende Notwendigkeit, Fördermittel zu beantragen und Spenden einzuwerben. Davon hängen die Projekte und nicht zuletzt auch die Einkommen des Teams ab. Ihm blutet das Herz, dauernd sehen zu müssen, wie leidenschaftlich engagiert das Team arbeitet und wie schlecht es dafür entlohnt wird. Die Förderungen durch die Stadt Mannheim und das Land Baden-Württemberg ergeben zusammen gerade einmal die Hälfte der Betriebskosten. Zeitraumexit verfolgt nicht das Konzept, möglichst viel Publikum dafür ins Haus zu holen, dass es Künstler*innen zuschaut, zuhört und zahlt. Hier geht es darum, dass viele Einzelne gemeinsame Wege in eigene künstlerische Aktivität und Produktion finden, dass Jungbusch ein liebenswert verbindendes kulturelles Zentrum hat. Der selbst erwirtschaftete Teil des Finanzbedarfs kann deshalb kaum über zehn Prozent liegen.

Künftig wird das zeitraumexit durch zwei Geschäftsführende geleitet. Einen davon gibt es schon. Wolfgang, nach wie vor im Vereinsvorstand aktiv, sagt: „Wer am Ende die oder der Zweite auch sein mag. Er oder sie bringt neue Impulse, neue Nuancen mit. Das hält uns lebendig und jung."

 

Dieser Artikel ist erschienen in der SOZIOkultur Heft 4/2021 zum Thema NEUE FORMATE.

Autor*innen

  Dr. Edda Rydzy freie Autorin mit Lehr- und Vortragstätigkeit, Chefredakteurin der Zeitschrift SOZIOkultur

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