10.02.2021
Jugend ins Zentrum, Zeitschrift SOZIOkultur

Ein Ort der Arbeit

Von:  Käthe Bauer

Das ehemalige Reichsbahnausbesserungswerk (RAW) in Berlin-Friedrichshain als sozialer und kultureller Freiraum

2017 feierte das RAW-Gelände seinen 150. Geburtstag. Nach der Wende wurde der Betrieb des Reichsbahnausbesserungswerks nach und nach stillgelegt, ab 1994 lag das 74000 Quadratmeter große ehemalige Industriegelände neben dem S-Bahnhof Warschauer Straße verlassen, bis es Ende der neunziger Jahre zu ganz neuem Leben erweckt wurde, und zwar von Anwohner*innen und Initiativen vornehmlich aus Friedrichshain.Deren Ziel war es, dort ein gemeinsames soziokulturelles Projekt zu schaffen und im Sinne einer „Stadtentwicklung von unten“ aufzubauen und langfristig zu sichern.

Ein Experimentierfeld alternativer Lebensentwürfe

Mit dem RAW-tempel e.V. entstand 1999 ein soziokulturelles Zentrum, das bis Ende 2013 vom Verein verwaltet und durch die Aktiven vor Ort entwickelt und gestaltet wurde. Der ehemalige Industriestandort wurde zu einem Experimentierfeld alternativer Lebensentwürfe, zu einem selbstverwalteten Freiraum für unabhängige Kunst und Kultur und für eine Lebens- und Arbeitsweise, die auf Autonomie, Basisorganisation und Selbsthilfe beruht. Über Vision oder temporäre Manifestation hinweg ist er heute ein zugänglicher physischer Ort, der neben der strukturellen eben die räumliche und damit auch eine soziale Basisbieten will und kann, für Aktivist*innen und Initiativen, für Kunst- und Kulturschaffende – am besten für all jene, die den Anschluss an einen solchen Ort suchen und brauchen.

Uta Kala ist Regisseurin und Theaterpädagogin und kam 2012 als künstlerische Leitung zum Obdachlosen Theater RATTEN 07 und so zum RAW. „Gerade für Menschen, die aus der Obdachlosigkeit kommen, war der Prozess des Verortens von immenser Bedeutung. Es war ihnen möglich, sich hier zu treffen, anzudocken und dabei so zu bleiben, wie sie sind.“ Uta berichtet, dass es kaum Anpassungsdruck gab, das war wichtig.

Wirkungsort für Menschen mit unterschiedlichen Biographien

Der RAW-tempel war Anlaufstelle und gemeinsamer Wirkungsort für Menschen mit unterschiedlichen Biographien. „Für alle Identifikation zu stiften, das war das besondere Potenzial des RAW – so etwas kann nicht jeder Ort leisten“, sagt Uta. Verstetigung und Kontinuität sind dabei elementar für Menschen, um sich sozial zu verorten, aber auch für die vielen ansässigen Kunst- und Kulturschaffenden, die existenziell auf ihre Arbeitsräume angewiesen sind. Bis heute bietet das soziokulturelle Zentrum auf dem RAW kostengünstige Produktionsräume und eine vielfältige und lokal verwurzelte, spartenübergreifende Mischung an kulturellen Nutzungen und Angeboten.

Planungssicherheit braucht auch Olaf Schenkenberg, Geschäftsführer der Vuesch gGmbH, die vor über 20 Jahren als Kollektiv startete und heute Träger des Zirkus Zack auf dem RAW und des Circus Schatzinsel in Berlin-Kreuzberg ist. 400 Kinder und Jugendliche lernen hier Zirkuskünste, daneben sind vielfältige regionale und internationale Projekte und ein großes europaweites Netzwerk entstanden. Ausgangspunkt für all das war und ist das RAW. „Das war die Plattform des Möglichmachens, des Gestaltens und der Netzwerkbildung, großartig. Das wächst und geht von einer auf die nächste Generation über bei Akteur*innen und Kindern. So ein Ort ist identitätsstiftend: Ohne das RAW wäre der Zack nicht der Zack.“ Einige der Kinder, die hier einmal für den Zirkus begeistert wurden, sind jetzt selbst Trainer*innen und Partner*innen des Zack.

Förderung durch Jugend ins Zentrum!

„Ganz vielen Kindern und Jugendlichen sollte der Zugang ermöglicht werden, die in spezifizierte Systeme nicht so leicht reinkommen – um im Machen ihren Platz zu finden.“ Dass es „ein offener Platz für alle“ sei, ist für Olaf die besondere Qualität des RAW. Neben der Vuesch gGmbH machen auch die ansässigen Vereine Drop In, Tune Up und RAW//cc Kinder- und Jugendarbeit auf dem RAW und wurden bereits von „Jugend ins Zentrum!“ gefördert.

Natürlich gab und gibt es Konfliktpotenziale: Kinder sind heute die Schwächsten gegenüber der Dominanz des Mainstreams, der auf dem Gesamtgelände seit Jahren in Richtung Partymeile und Kommerzialisierung geht. Wo es früher geschützt und wildromantisch war, geht es nun ganz anders zur Sache. „Die bestehende Nutzungsstruktur muss kanalisiert werden. Auch wir brauchen Veränderung“, ist Olafs Meinung dazu.

Scheitern und Weitermachen

Der Ort für alle stellt eine offene Struktur vor Herausforderungen. Auch die basisdemokratische Entwicklung bedarf bis heute enormer Leistungen und unzähliger Arbeitsstunden von freiwillig Engagierten. Diese Prozesse brauchen nicht nur viel Zeit und informelle Kommunikation, sie beinhalten auch Reibungsverluste, vor allem angesichts der Vielfalt an Projekten und Menschen mit unterschiedlichen Bedürfnissen. Nicht zuletzt mussten auch die genutzten denkmalgeschützten Gebäude vom Verein durch die Jahre als Bestand erhalten, verwaltet und vermietet werden. Es ist, wie viele andere auch, ein Ort, an dem Überforderung, Selbstausbeutung und Scheitern Teil der Geschichte sind, genauso wie die Solidarität und das Weitermachen.

Nach der Insolvenz des RAW-tempel e.V.2014 haben die Mieter*innen kollektive Einzelmietverträge direkt mit der Eigentümer-Gesellschaft abgeschlossen. Trotzdem konnten sie ihre Selbstorganisation weitgehend beibehalten und sogar ausbauen: In insgesamt drei Häusern bilden sie heute das Soziokulturelle Projektezentrum (RAWSKPZ) auf dem sogenannten Soziokulturellen L. Letzteres umfasst die in einem L angeordneten Gebäude auf dem Westteil des Areals, in denen daneben auch Sportnutzungen und kultur-gastronomische Betriebe verortet sind. 2018 wurde als Bestandteil des übergreifenden Netzwerks die Genossenschaft RAW Kultur L e.G. gegründet. Nun soll das gesamte RAW in einem Bebauungsplanverfahren neu entwickelt werden. Es geht um ein riesiges Filetstück innerhalb des Berliner S-Bahn-Rings, mit internationaler Strahlkraft, mit Potenzial und entsprechender Wertsteigerung. Im Jahr 2014 wurde der Westteil an die Kurth Immobilien GmbH aus Göttingen verkauft. Ungefähr zwei Drittel des Gesamtgeländes kosteten weit über 20 Millionen Euro.

Wie gelingt der Erhalt des RAWs?

Ab 2017 wurden in einem kooperativen Dialogverfahren Empfehlungen für einen konsensfähigen Bebauungsplan erarbeitet – unter Berücksichtigung des Erhalts der sozio-kulturellen Nutzungen. Erfolg und Ergebnis dieses Beteiligungsprozesses werden bis heute kontrovers bewertet und diskutiert. „Kontroversen sind kein Wunder, bei dem Verwertungsdruck, der auf dem Gelände lastet“, sagt Uta Kala. Es gibt verschiedene, auch widerstreitende Interessen und Standpunkte – im weiteren Prozess geht es darum, Mieter*innen und Stadtgesellschaft einzubinden und den verschiedenen Bedarfen und Bedenken Gehör und Geltung zu verschaffen. Gemeinsam ist allen ihr Ziel: der Erhalt des RAWs. Was das bedeutet, bleibt eine bewegende Frage.

Die Soziokultur braucht Zeit, Raum, Selbstbestimmung

„Für mich ist klar: Die Stadt wird sich weiterentwickeln, mit oder ohne uns. Die Soziokultur muss in dieser Stadt, muss auf dem RAW verankert werden“, meint Olaf Schenkenberg. Für den Erhalt sozialer und kultureller Freiräume braucht es Parameter, die in der Stadtentwicklung berücksichtigt werden müssen. Was die Soziokultur braucht, ist keine Frage: Zeit, Raum, Selbstbestimmung, günstige Mieten. Zur Sicherung des Soziokulturellen L wird von den Mieter*innen nun ein Generalmieter-Modell mit der Berliner Treuhandgesellschaft GSE (Gesellschaft für StadtEntwicklung gGmbH) als gemeinsames Dach verfolgt. Auf mindestens 30 Jahre. Plus.

Es wird spannend werden. Das RAW-Gelände wird sein Gesicht verändern.

Bild: Fenster-Konzert beim „Festival für Selbstgebaute Musik“ im ehemaligen Verwaltungsgebäude des RAW-Geländes. Foto © frischefotos

www.raw-kultur-l.de, www.raw-skpz.de, www.rawcc.org, www.ratten07.de, www.vuesch-ggmbh.de, www.raw.kulturensemble.de

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