18.05.2020
Netzwerk Soziokultur, Zeitschrift SOZIOkultur

Interview mit Angela Dorn – Ministerin für Wissenschaft und Kunst in Hessen

Von:  Bernd Hesse

Seit Januar 2019 ist Angela Dorn hessische Ministerin für Wissenschaft und Kunst. Erstmals in seiner Geschichte steht das Ministerium unter der Führung von Bündnis 90/Die Grünen. Angela Dorn wurde 2009, damals als jüngste Abgeordnete, in den Landtag gewählt. 2013 war sie Spitzenkandidatin ihrer Partei bei der Landtagswahl, die – zum damaligen Zeit­punkt sehr überraschend – eine schwarz­grüne Regierung nach sich zog, die auch nach den Landtagswahlen 2018 weiter regieren kann. Nach ihrem Psychologiestudium an der Philipps­ Universität Marburg arbeitete sie als Psychologin an der Klinik für forensische Psychiatrie in Haina.


Nach einem Jahr im Amt: Wie nehmen Sie die hessische Kunst und Kulturlandschaft wahr?

Als einzigartig, faszinierend und vor allem sehr vielfältig. Die Bandbreite der hessischen Kulturlandschaft reicht von zahlreichen modernen und historischen Baudenkmälern – zum Beispiel Museen, Schlössern und Gärten – über renommierte Staatstheater und kommunale Theater bis hin zu einer lebendigen Musikszene. Außerdem haben wir ein hochwertiges Literatur- und Verlagswesen, eine innovative Filmszene und unser „Gedächtnis“ des Landes Hessen, das Archivwesen. Sehr beeindruckt bin ich auch von unseren soziokulturellen Einrichtungen: Hier finden Menschen jeden Alters oder biografischen Hintergrunds Zugang zu Kunst und Kultur, können sich kreativ entfalten und ihr Lebensumfeld mitgestalten. All das wäre nicht möglich ohne die vielen, vielen Kulturschaffenden und Kulturbegeisterten, die sich – oft auch ehrenamtlich – für unsere Kultur engagieren.

 

Parallel zur Landtagswahl 2018 wurden in einem demokratiepolitisch spannenden Prozess 15 verfassungsänderungen zur abstimmung gestellt. Seitdem ist auch in Hessen Kultur Staatsziel.  Welche ideellen oder konkreten auswirkungen sind damit verbunden?

Der Kultur – und vor allem auch den Kulturschaffenden – wurde damit eine besondere Wertschätzung entgegengebracht und viel für ein größeres Selbstbewusstsein der Szene erreicht. Kultur ist schwerer greifbar als andere Themen, lässt sich nicht in Maßeinheiten bewerten: Wie viele Menschen müssen eine Aufführung oder eine Ausstellung besuchen oder wie viele Kinder müssen an einem Projekt teilnehmen, damit es „erfolgreich“ war? Daher ist es oft die Kultur, die eine geringere Wertschätzung erfährt und die auch in der Wahrnehmung und in der Konkurrenz mit anderen Themen oftmals hintenansteht. Das haben wir mit der Aufnahme in die Verfassung geändert.

 

Kultur erfährt oft geringere Wertschätzung. Das haben wir mit der Aufnahme in die Verfassung geändert. 

 

In Kürze startet ihr Ministerium einen „Masterplan Kultur“-Prozess für Hessen. Was verbirgt sich dahinter und was sind ziele und anliegen?

Der „Masterplan Kultur Hessen“ soll die Rahmenbedingungen der hessischen Kulturpolitik festlegen. Dazu gehören sowohl ein kulturpolitisches Leitbild als auch konkrete Handlungsempfehlungen für eine maßgeschneiderte und nachhaltige kulturpolitische Entwicklung des Landes. Wir haben uns für die inhaltliche Gliederung des Masterplanprozesses am „Kulturatlas“ orientiert. Dieser hat ja in der vergangenen Legislaturperiode die wichtigsten Themen und Baustellen in der hessischen Kulturpolitik gesammelt. Zu diesen Themen – zum Beispiel Digitalisierung, Förderstrukturen oder wirtschaftliche Situation von Künstlerinnen und Künstlern – werden wir in einem breit angelegten Prozess mit Kulturschaffenden, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern und Verbänden bis zum Sommer intensiv diskutieren. Anschließend können alle Interessierten die Ergebnisse online kommentieren und eigene Ideen einbringen. Alles gemeinsam wird dann hier im Haus zum „Masterplan Kultur“ verarbeitet, der im Jahr 2021 dann auch vom Kabinett als Leitlinie für die hessische Kulturpolitik verabschiedet werden soll.

 

Mit dem „Modellprojekt Soziokultur“ ist es gelungen, die Rahmenbedingungen für die kulturelle Arbeit zu verbessern.

 

Kommen wir auf die Soziokultur zu sprechen. Als Marburgerin kennen Sie eine der Hochburgen der hessischen Soziokultur. Wie bewerten Sie die soziokulturelle Szene in Hessen?

Die soziokulturelle Szene in Hessen ist so bunt und vielseitig wie das Land und seine Menschen. Ich denke, dass die Soziokultur eine wichtige gesellschaftspolitische Aufgabe hat, weil sie viele unterschiedliche Menschen – unabhängig von ihrer Herkunft, ihrem Alter, ihrem Beruf – erreicht. Dieser Verantwortung gerecht zu werden, ist eine große Aufgabe. Hier ist es mit dem „Modellprojekt Soziokultur“ gelungen, neben der Wertschätzung, die den Akteuren damit entgegengebracht wird, auch die Rahmenbedingungen für die kulturelle Arbeit zu verbessern. Nach der Verdopplung der Landesmittel in der vergangenen Wahlperiode wollen wir den Bereich weiter stärken: Der Haushaltsentwurf sieht vor, die Förderung dieser Arbeit über die Landesarbeitsgemeinschaft der Kulturinitiativen und soziokulturellen Zentren um 500.000 Euro zu erhöhen. Perspektivisch ist unser Ziel, erneut eine Verdopplung zu erreichen. Wir setzen damit das 2016 gestartete „Modellprojekt Soziokultur“ fort.

 

Das Interview mit Angela Dorn wurde im Februar 2020 vor der Corona-Krise geführt und ist in der Zeitschrift SOZIOkultur 1/2020 (Demokratie) erschienen.
Eine Langfassung des Interviews findet sich hier: www.laks.de | Foto: Ministerin Angela Dorn in einer Pressekonferenz zum Kulturhaushalt © kunst.hessen.de

Ähnliche Artikel

13.05.2021
Förderung, UTOPOLIS, Zeitschrift SOZIOkultur

Transformation in der Neustadt: UTOPOLIS-Standort in Flensburg wirkt ins Quartier

2009 wurde der Verein Kunst und Kulturbaustelle 8001 e.V. in der Flensburger Neustadt gegründet. Ein Ziel war von Beginn an, den Erwartungen aus dem Stadtteil zu entsprechen, Aktionen und Programm an den Bedürfnissen der Nachbarschaft auszurichten. Es gab Kurzfilmabende, Jazzkonzerte, ein interkulturelles Musikprojekt entstand. Je stärker der Fokus auf dem Stadtteil lag, desto deutlicher wurde die Aufgabe, nicht nur Kultur „für die Stadt“ zu schaffen, sondern ganz gezielt für die Menschen vor Ort. Die Kunstbaustelle wurde auch ein Stadtteilprojekt. Allerdings ermöglichte erst die Förderung durch das Programm UTOPOLIS des Bundesverbands Soziokultur, mit den vorhandenen Mitteln auf die besonderen Herausforderungen im Stadtteil wirklich einzugehen. Sichtbar werden und inspirieren, Bestehendes aufzeigen und Möglichkeiten zum Selber-aktiv-Werden eröffnen Der Stadtteil Flensburg-Neustadt ist total „bunt“. Hier leben Menschen aus vielen Ländern und aus allen Gesellschaftsschichten. Gleichzeitig ist er relativ klein und übersichtlich. Was die Menschen im Quartier interessiert und bewegt, erfahren die Kunstbaustellen-Akteur*innen im alltäglichen Austausch mit der Nachbarschaft, mit den vielen vorhandenen kleinen Organisationen und Vereinen und bei ihren pass genau auf die Zielgruppen ausgerichteten Veranstaltungen. (...) Ein aktueller Beitrag von Lothar Baur und Katja Hofschröer-Elbers - im Verein Kunst und Kulturbaustelle 8001 verantwortlich für das UTOPOLIS-Projekt „Transformation in der Neustadt“. Den gesamten Beitrag lest ihr hier.
Mehr lesen
11.05.2021
Förderung, Kulturpolitik, Zeitschrift SOZIOkultur

Für Kultur, Bildung und Begegnung

Förderung ländlicher Räume durch Programme der Bundesländer und des Bundes Grundsätzlich unterscheidet sich die Kulturförderung im städtischen oder ländlichen Umfeld nicht voneinander. Förderprogramme zielen in der Regel auf Investitionen oder kulturelle Angebote, ohne auf den jeweiligen Standort der Kultureinrichtung Bezug zu nehmen. Einige Bundesländer und der Bund haben jedoch in den vergangenen Jahren auf die Besonderheiten ländlicher Räume mit spezifischen Kultur-Förderprogrammen reagiert, wobei es sich bei den zu Fördernden meist nicht explizit um soziokulturelle Einrichtungen handelt. Margret Staal und Georg Halupczok stellen in der aktuellen SOZIOkultur zum Theme "LAND" Förderprogramme aus verschiedenen Bundesländern sowie Bundesförderprogramme vor. Die vorgestellten Programme betreffen nicht die Sonderprogramme, die im Rahmen der Corona-Pandemie aufgelegt wurden. Hier zum Nachlesen.
Mehr lesen
07.05.2021
Förderung, LAND INTAKT, ländliche Räume, Zeitschrift SOZIOkultur

Land intakt! Investitionen für die Zukunft

Mit dem Programm „LAND INTAKT – Soforthilfeprogramm Kulturzentren“ werden soziokulturelle Zentren, Kulturzentren, sowie Kultur- und Bürgerzentren in ländlichen Räumen gefördert. Insgesamt 2,76 Millionen Euro hat die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien für nachhaltige Investitionen bereitgestellt. Wie wurden die Mittel eingesetzt und welche Ergebnisse wurden vor Ort erzielt? Wir ziehen Bilanz. Erstmals Investitionsmittel für Kulturzentren in ländlichen Räumen Anfang letzten Jahres war die Freude groß: Erstmalig wurde ein Soforthilfeprogramm angekündigt, welches sich an Kulturzentren in ländlichen Räumen richtet und bundesweit Modernisierungsmaßnahmen sowie programmbegleitende Investitionen fördert. Bereits eine Befragung von Mitgliedern des Bundesverbands Soziokultur e.V. hatte vorab gezeigt, wie dringend Investitionsmittel zum Erhalt der Häuser benötigt werden. In Windeseile galt es für das neue Projektteam, Ausschreibungsunterlagen zu entwerfen und ein Antragsprozedere zu entwickeln. Um Förderanträge komplett digital verwalten zu können, wurde in enger Zusammenarbeit mit einem externen Dienstleister eine eigene Förderdatenbank entwickelt. Ein Novum für den Bundesverband – und ein großer Fortschritt zugleich. (...) Fast 150 Kulturzentren erhielten eine Förderung – durchschnittlich 16 250 Euro +++ 2,21 Millionen Euro flossen in Bauunterhalt und Instandsetzung, davon rund 300 000 Euro in technische Modernisierung zur Steigerung der Energieeffizienz. +++ Mehr als 1 Million Euro wurden in Ausstattung für den Veranstaltungsbetrieb investiert, 291 000 Euro in den Verwaltungsbereich und in die Öffentlichkeitsarbeit. Den gesamten Artikel, erschienen in der SOZIOKULTUR zum Thema "LAND", lest ihr hier.
Mehr lesen
26.04.2021
Kulturpolitik, ländliche Räume, Zeitschrift SOZIOkultur

Land – Aktuelle Ausgabe Zeitschrift SOZIOkultur

Im urbanen Kontext nimmt die Soziokultur einen festen Platz ein, aber auch auf dem Land ist sie längst fest verwurzelt. Als Ort für Begegnung und Bildung, Kreativität und Kunst ist sie oft der einzige kulturelle „Player“. Demografische Entwicklung und Digitalisierung lassen ihre Relevanz sogar noch steigen. Der Soziokultur in ländlichen Räumen widmet sich die aktuelle Ausgabe der SOZIOkultur. Offenes, positives soziales Klima in soziokulturellen Zentren Zu den ersten Zentren weitab städtischen Lebens gehörte das Haus Felsenkeller in Altenkirchen im Westerwald. Margret Staal beschreibt, wie nicht nur Angebote geschaffen, Akteur*innen vernetzt und Räumlichkeiten instandgesetzt wurden, sondern wie sich damit das soziale Klima generell wandelte, positiver und offener wurde. Das gilt bis heute und zeigt sich vielerorts: Die Künstlerstadt Kalbe in der Altmark begegnet den Folgen des demografischen Wandels. Ein umgebauter Kleintransporter, die „Fette Elke“, tourt für Demokratie und Weltoffenheit durch Mecklenburg-Vorpommern. Im brandenburgischen Stechlin-Institut trifft Kunst auf Visionen und Zukunftsfragen. In Schleswig-Holstein lässt die KulturAkademie Segeberg während der „SE-KulturTage“ Scheunen und Ställe, Kirchen und Werkstätten zu ungewöhnlichen Kulturorten werden. Mit Medienkunst befeuert der KulturBahnhof Viktoria in Itzehoe Partizipation und Teilhabe. Die aktuelle Krise ist dabei Katalysator für Entwicklungen, die sich ohnehin vollziehen. Gerd Dallmann ist gespannt, wie sich mit dem Leben auch die Soziokultur auf dem Land verändert. Schwierig bleibt es allemal. Die strukturschwachen Regionen stellen die Akteur*innen vor große Herausforderungen. Deshalb fordert Katrin Budde, MdB (SPD), gerade im Hinblick auf ländliche Räume, dass Kultur fester Bestandteil der Daseinsvorsorge werden muss, denn kulturelle Angebote gehören zur Schaffung gleichwertiger Lebensverhältnisse dazu. Förderprogramme des Bundes Mehrere Förderprogramme des Bundes helfen derzeit, die Programmarbeit fortzusetzen und die Rahmenbedingungen zu verbessern. Mit „LAND INTAKT – Soforthilfeprogramm Kulturzentren“ konnten die Ausstattung verbessert und dringend notwendige Baumaßnahmen realisiert werden. Das „NEUSTART Sofortprogramm“ und „NEUSTART KULTUR“ reagierten direkt auf die Pandemie. Die Förderprogramme „UTOPOLIS - Soziokultur im Quartier“ und „Jugend ins Zentrum!“ fördern die soziokulturelle Projektarbeit auch in ländlichen Räumen. Mit der Umsetzung der Förderprogramme unterstützt der Bundesverband Soziokultur nicht nur soziokulturelle Zentren, sondern auch viele andere Kultureinrichtungen, um die einzigartige kulturelle Landschaft in Deutschland zu erhalten. Auch auf dem Land. Das und noch mehr lesen Sie in der aktuellen SOZIOkultur. Ihre Ute Fürstenberg und die Redaktion SOZIOkultur _________________________________________________ Die Pressemeldung hier zum Download. Zum Download hier die Ausgabe der SOZIOkultur zum Thema „LAND“. Die Printversion können Sie in der Geschäftsstelle des Bundesverbands Soziokultur bestellen.
Mehr lesen