24.10.2019
#BEHEIMATEN

Heimat Europa

Von:  Dr. Beate Kegler 

Grenzüberschreitend entsteht in der Soziokultur und durch sie an vielen unterschiedlichen Orten so etwas wie Heimat. Die Vielfalt der Soziokultur befähigt Menschen, sich zu beheimaten, Heimat zu entdecken und immer wieder neu zu gestalten.

Das Wort „Heimat“ in seinem klassischen deutschen Begriffsfeld ist in anderen Sprachen ohne direkte Entsprechung. Deshalb wird etwa im Amerikanischen zur adäquaten Bezeichnung der deutsche Begriff verwendet (german heimat). Englisch homeland bzw. native land, französisch lieu d´origine bzw. pays natal sowie tschechisch domov, polnisch mała ojczyzna, russisch rodina, rumänisch ţara natala und ungarisch szülöföld besitzen große inhaltliche Nähe, ohne das gesamte Bedeutungsspektrum abzudecken.(1)

Ganz so leicht scheint es nicht zu sein mit dem internationalen oder europäischen Verständnis dessen, was wir als Heimat bezeichnen. Und auch im deutschen Sprachgebrauch lässt sich der Begriff nicht eindeutig fassen. Heimat ist mehr als ein Zuhause. Heimat kann etwas zu tun haben mit Wohlfühlen und Kindheit, mit „wir“ und mit „miteinander“. Vielleicht nicht nur mit den Menschen, denen wir uns familiär zugehörig fühlen, sondern auch mit denjenigen, die uns ans Herz wachsen. Wenn wir an Heimat denken, gehören zu diesem nebulösen Gebilde mit den unklaren Rändern vielleicht aber auch die Menschen oder Gegebenheiten einer Gemeinschaft, die wir uns anders gewünscht hätten. Der Bärbeiß im Viertel, die Klatschbase in der Nachbarschaft, die Enge des Dorfes, die Weite der Entfernung zum anderswo, die Geräusche der naheliegenden Autobahn, die Gerüche im Schulgebäude oder der Geschmack der Pommes an der Imbissbude ums Eck. Heimat kann zu tun haben mit Orten, mit Dörfern und Stadtvierteln, mit Traditionen, aber auch mit Immergleichem, mit Erstarrtem, Verstaubtem. Der Begriff – auch das soll nicht unerwähnt bleiben – wurde als Propagandabegriff des Faschismus gern und häufig verwendet und gehört auch heute wieder zum Vokabular derer, die mit unerträglicher Heimattümelei  nationalistischen und fremdenfeindlichen Haltungen Ausdruck verleihen.

In aller Vielfalt der Begriffsdefinition bleiben zwei Konstanten. Erstens: Das Wort Heimat bietet sich zur emotionalen Aufladung an. Und zweitens: Um die Deutungshoheit wird intensiv gerungen – auch in der Soziokultur. „Um einen aktiv zu gestaltenden Prozess“, gehe es hier und darum, dass sich Menschen miteinander beheimaten, sich miteinander und kritisch mit ihrer Umgebung auseinandersetzen. „Lebensmittelpunkte werden geteilt, wo Beheimatung erfolgt.“ So und ähnlich lautete beispielsweise das Ergebnis einer Begriffsdebatte innerhalb der Redaktionssitzung der Zeitschrift SOZIOkultur, die der Entstehung dieser Ausgabe vorausging. Und am Ende steht immer wieder die Frage, ob es wirklich richtig sei, diesen emotionalisierten Begriff zu verwenden.

 

Heimat in der Soziokultur

Worum geht es der Soziokultur in ihrem Kern? Ist eine der selbstgewählten zentralen Zielsetzungen nicht tatsächlich so etwas wie aktive Beheimatung? Heimat schaffen als Prozess, als aktiven Gestaltungsprozess des Miteinanders in Vielfalt und Transformation? Ging es nicht seit den Ursprüngen der Soziokultur genau darum? Die Hausbesetzungen in der „Gründerzeit“ richteten sich doch konkret auch gegen die „Unwirtlichkeit der Städte“ (2), der gemeinsame politische Widerstand ließ Communities mit ihrer ganz eigenen Kultur entstehen, die bis heute Bestand haben, das
Jetzt prägen und ihre Narrative aus dieser Vergangenheit ziehen. Die Soziokultur schaffte Orte, an denen die Vielfalt sich auch künstlerisch-experimentell beheimaten konnte, in denen Gruppierungen von Gleichgesinnten räumliche Heimat fanden. Und immer wieder ging und geht es darum, unterschiedliche Menschen zu gemeinsamer Aktion zusammenzuführen, um das Miteinander in Vielfalt zu erproben und in die jeweilige Regionalgesellschaft hineinzuwirken. All das sind Facetten der Soziokultur. All das sind Facetten zeitgemäßer Wege zur Beheimatung.

 

In Europa

Beheimatung durch Soziokultur ist selbstredend kein rein deutsches Phänomen. Selbst dort, wo das Wort „Heimat“ kein sprachliches Pendant aufweist, lassen sich diverse Wege zur Beheimatung durch Soziokultur identifizieren. In Lettland schaffen die mehr als 550 Kulturhäuser Orte kultureller Bildung und Kommunikation bis in die kleinsten Dörfer hinein. Die Förderung der Bildung und die Entwicklung und Tradierung des zeitgemäßen kulturellen Erbes sind hier zu Staatszielen geworden, die die Identifikation mit einem noch jungen Staat ermöglichen sollen, der mit extremer Abwanderung junger Menschen zu kämpfen hat. (3) Im kritischen Gegenüber dazu liefert eine wachsende freie Szene zwischen experimenteller Kunst und Soziokultur neue Impulse in der Auseinandersetzung um alte und neue Narrative. Wer wollen wir gewesen sein? Wer werden wir sein? Wer sind „wir“? Diese Fragen scheinen geradezu kennzeichnend für das Spannungsfeld zu sein, in dem lettische Akteur*innen nach Wegen im Umgang mit dem Heimatbegriff suchen.

In Dänemark vereint der Verband der Kulturhäuser, Kulturhusene I Danmark (KhiD), die rund 100 Zentren – vom dörflichen Gemeinschaftshaus unter ehrenamtlicher Leitung bis hin zum großen städtischen Kulturzentrum. „The cultural centres are seen as the necessary physical frame around cultural processes primarily based on local initiative. […] Since cultural centres in Denmark by nature are strongly locally rooted, we find it equally important to create lasting and vivid connections to cultural centres within Europe […] [It] is an important tool for the development and support of the activities in each centre as well as for the development of true respect and understanding of the qualities of cultural diversity.” (4) Bulgarien weist ein ähnliches System der kleinen und kleinsten Kulturzentren, der Chitalishta, auf. Die von zivilgesellschaftlichen Gruppen geführten Häuser gehören zur Tradition bulgarischer Breitenkultur und sind trotz
eher dürftiger staatlicher Unterstützung soziokulturelle Begegnungsorte und Stätten kultureller Bildung geblieben. Immerhin 3.100 solcher Einrichtungen sind aktuell im nationalen Verband Mitglied. (5) Auch hier geht es in den Auseinandersetzungen, in den lokalen und Netzwerkprojekten immer auch um die Frage nach der Gestaltung von Gemeinschaft sowie um die Frage nach dem, was wie zum Beheimaten gehören kann. Beispiele aus weiteren europäischen Ländern und Regionen könnten noch in großer Zahl genannt werden. Gemeinsam ist allen letztlich der Ursprung ihrer Suchbewegungen nach Wegen, diese Zielsetzungen zu erreichen.

 

Entwicklung

Die Gestaltung des Miteinanders als Prozess der Beheimatung ist in der Tat wesentlich älter als die Soziokultur selbst. Vielleicht fängt die Gestaltung des Miteinanders bereits beim Nestbau in der Tierwelt an. Sie wird in den Sozialgemeinschaften der Menschen zu vielfältigen Formen des Zusammenlebens, gestaltet nach individuellen und gruppenspezifischen Bedürfnissen. Wer mit wem und wie überhaupt und in Zukunft? – das gilt es immer wieder neu auszuhandeln und spielerisch zu erproben, zu verstetigen, aber auch jeweils zeitgemäß zu verändern – mit allen, die da sind, und mit allen, die dazukommen. Auch das ist nicht neu: Europaweit, weltweit und seit Jahrhunderten ist es die Breitenkultur kleiner und dörflicher Sozialgemeinschaften, die – solange sie generationsübergreifend im gemeinsamen Tun überliefert wurde – immer wieder neu Formate schuf, in denen das Zusammenleben und -wirken einer Dorfgemeinschaft eingeübt wurde. Der Rhythmus gemeinsamen Arbeitens und Lebens musste aufeinander abgestimmt werden, die Zielrichtung übereinstimmen – in aller Vielfalt der Menschen mit ihren unterschiedlichen Talenten. Sä- und Erntelieder sowie jahreszeitliche Feste gaben diesen Rhythmus vor. Generationsübergreifendes Lernen und die Einbeziehung aller in den ganzjährigen (Über-) Lebensprozess der  Gemeinschaft war selbstverständlich. Dies wandelte sich mit den Bedürfnissen der Gemeinschaft und durch äußere Impulse. Mit der industriellen Revolution änderten sich diese Gefüge. Dorfbewohner*innen verließen die Dörfer und versuchten neue Heimaten in Städten zu finden, Städter*innen entdeckten den Freizeitwert des Lebens im ländlichen Raum und zogen in die Speckgürtel der Städte. Gesellschaften veränderten sich rasant. In dieser Zeit entstand eine Welle von Chroniken und Festschreibungen dessen, was die Heimat suchenden Städter*innen am
Land bewahren wollten. Traditionen und Kultur wurden festgeschrieben und fortan ihrer lebendigen Veränderlichkeit beraubt. Die Tracht musste bleiben, wie sie historisch korrekt erschien, die Blaskapellen und Spielmannszüge begannen nach Noten das nun festgeschriebene Liedgut zu spielen und unverändert zu bewahren, die Lieder und Feste waren letztlich zum „Vintage-Style“
einer Gemeinschaft erhoben, die im Theaterstück „Heimat“ ihre Rollen spielte. Mit dem aufkommenden Tourismus sicherten zwar die „Heimatinszenierungen“ bis heute marktgängige  Alleinstellungsmerkmale, aber das, was letztlich zur Beheimatung führt, hat nur wenig gemein mit dem, was unter dem Label „Heimat“ festgeschrieben wurde.

 

Veränderung gestalten

Solange das „Wir“ einer Gemeinschaft sich nicht durch ein veränderliches Erproben und spielerisches Gestalten derjenigen, die die Gesellschaft bilden, immer wieder aufs Neue verändern darf und kann, ist Heimat nicht lebendig. Nicht in Buxtehude und nicht in Hintertupfingen, nicht in Bulgarien, Lettland oder Dänemark. Trotz aller Erfolge: Die große Herausforderung bleibt es, ein
Miteinander und Füreinander zu ermöglichen, zu initiieren und zu fördern, in dem sich das Wir stets aufs Neue mit allen und für alle gestalten lässt. Im Dorf und im Stadtviertel. In der Region und auch grenzüberschreitend. Wenn Soziokultur ihren selbst gesetzten Auftrag ernst nimmt, geschieht genau das: Soziokultur lässt aus Vielfalt Heimat entstehen. Immer wieder. Mit allen und für alle. Vor Ort und in Europa.


1 Seifert, Manfred: „Heimat“ (2016): Heimat. In: Online-Lexikon zur Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa, 2016. https://ome-lexikon.uni-oldenburg.de/p42287 (aufgerufen am 15.08.2019).

2 Vgl. Mitscherlich, Alexander (1965): Die Unwirtlichkeit unserer Städte. Anstiftung zum Unfrieden. Frankfurt am Main 1965.

3 Pfeifere, Dita (2017): „Cultural Policy for Rural Development. A Latvian Model”. In: Schneider, Wolfgang/Kegler, Beate/Koß, Daniela (Hg.): Vital Village. Entwicklung ländlicher Räume als kulturpolitische Herausforderungen. Bielefeld 2017, S. 163–167.

4 Søeborg Ohlsen, Søren (o. J.): Selbstdarstellung auf der Website des European Network of Cultural Centres, https://encc.eu/about/governance/soren-soeborg-ohlsen (aufgerufen am 19.08.2019).

5 Plovdiv 2019: Chitalishta Project. https://plovdiv2019.eu/en/platform/revive/189-culture-meets-people/417-chitalishta

Weitere Artikel

01.03.2021
Zeitschrift SOZIOkultur

BRANDENBURG: Kunsthaus Strodehne

Soziokulturelle Aktivitäten finden vielerorts in Gebäuden statt, die nicht als kulturelle Bauten geplant wurden. Wir haben uns umgesehen und stellen in einem Streifzug durch die Republik exemplarische Häuser vor.

BRANDENBURG: Kunsthaus Strodehne

Die Geschichte des Vereins Kunsthaus Strodehne e.V. begann zu DDR-Zeiten, als die Stadt Rhinow einer Gruppe junger Potsdamer Künstler*innen ein Haus in Strodehne im Havelland zur Verfügung stellte. Das erste „Sommerseminar für Bildende Künste“ fand 1988 statt. Erst 1991 wurde der Verein gegründet, der seinen Sitz in Potsdam hat, wo er auch das soziokulturelle Zentrum Waschhaus mit aufbaute.

Das Kunsthaus in Strodehne übernahm der Verein ab 2004 von der Stadt Rhinow langfristig in Erbbaupacht. In den 1990er Jahren war es mit viel Engagement der Vereinsmitglieder umfassend saniert und die Hofscheune zum Atelier umgebaut worden. Bis heute finden hier sowohl professionelle Künstler*innen als auch Kinder- und Jugendgruppen ideale Bedingungen für die künstlerische Produktion. Darüber hinaus hat der Verein einen Skulpturenpfad am Rande des umliegenden Naturschutzgebiets geschaffen, er veranstaltet seit 1995 eine Konzertreihe in der Strodehner Dorfkirche und ist Träger des Projekts „Schulhausroman“ in Brandenburg. Seine Arbeit leistet er fast ausschließlich ehrenamtlich.

Text: Michael Wegener

www.kunsthaus-strodehne.de  – Kunsthaus Strodehne auf Facebook

Der Artikel erschien in der Zeitschrift SOZIOkultur zur Thema HÄUSER. Hier die Ausgabe zum Download.

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26.02.2021
Zeitschrift SOZIOkultur

HAMBURG: Zinnschmelze

In einem Streifzug durch die Republik zu exemplarischen Orten wird klar: Seit ihren Anfängen in den 1970er Jahren bis heute muss (und will) sich die Soziokultur die Räumlichkeiten, in denen sie ihre Aktivitäten entfalten kann, oft erst suchen und erobern. Heute finden soziokulturelle Aktivitäten vielerorts in Gebäuden statt, die nicht als kulturelle Bauten geplant wurden. Teils jahrelang werden ehemalige Kirchen- und Klostergebäude, alte Fabrikhallen und Elektrizitätswerke, Scheunen, Lagerstätten oder Höfe mit viel persönlichem Engagement und körperlichem Einsatz, mit Knowhow und Liebe zum Detail für die spartenübergreifende Nutzung ertüchtigt. Wir haben uns umgesehen und stellen exemplarische Häuser vor.

HAMBURG – Zinnschmelze

Die ehemalige Zinnschmelze einer Gummiwarenfabrik wurde Ende der 1980er Jahre umgebaut und wird seitdem vom Trägerverein Zinnschmelze – Barmbeker Verein für Kultur und Arbeit e.V. als Kulturzentrum betrieben, zunächst mit Musik- und Tanzveranstaltungen in zwei Räumen auf insgesamt 270 Quadratmetern, ergänzt durch ein eigenständiges Kinder- und Jugendtheater und ein vereinseigenes Café. 2007 begannen die Konzeptstudien für einen Erweiterungsbau. Die Zinnschmelze wurde Bestandteil des Sanierungsverfahrens im Stadtteil und mit öffentlichen Mitteln und durch private Spenden saniert und erweitert. Nach 18-monatiger Bauzeit 2015 wiedereröffnet, trägt sie heute dazu bei, Attraktivität und Lebensqualität vor Ort zu verbessern. In zwei Räumen von 42 und 120 Quadratmetern finden bis zu 150 Besucher*innen Platz. Das Theaterdeck als Mieter und eine verpachtete Gastronomie nutzen die anderen zwei Drittel des Gebäudes. Das Angebot umfasst Veranstaltungen, Kurse und vielfältige Projekte. Künstlerische Qualität, Mitgestaltung und politische Themen leiten das Team in der Umsetzung.

Text: Dorothée Puschmann

www.zinnschmelze.deZinnschmelze auf Facebook

Der Artikel erschien in der Zeitschrift SOZIOkultur zur Thema HÄUSER. Hier die Ausgabe zum Download.

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25.02.2021
Förderung, UTOPOLIS

Kabinettsbericht ressortübergreifende Strategie Soziale Stadt beschlossen

Die Bundesregierung hat den Kabinettsbericht zur ressortübergreifenden Strategie „Soziale Stadt – Nachbarschaften stärken, miteinander im Quartier“ beschlossen. Mit dem Bericht werden u.a. auch die kreativen Methoden und vor allen Dingen die Ergebnisse der Zwischenevaluation des Modellprogramms „UTOPOLIS – Soziokultur im Quartier“ kommuniziert. Damit bildet der Bericht eine wichtige Weichenstellung für die Fortführung der ressortübergreifenden Strategie in der sozialen Stadtentwicklung.

Den Bericht findet ihr in voller Länge HIER.

Mikrofestival Bremen. Foto © Jan Meier

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25.02.2021
NEUSTART KULTUR, Zeitschrift SOZIOkultur

Frischer Wind in soziokulturellen Zentren

Mit dem milliardenschweren Förderprogramm NEUSTART KULTUR werden unter anderem dringend benötigte Investitionen in Kultureinrichtungen für den Weiterbetrieb unter Pandemiebedingungen unterstützt. Eine Analyse der eingegangenen Anträge zeigt, wo die Bedarfe besonders groß sind und was die Zentren tun, um auch in der Krise handlungsfähig zu bleiben.

Kleine Veranstaltungsräume, schlechte Luftverhältnisse und in die Jahre gekommene Sanitäranlagen: Soziokulturelle Zentren werden durch die aktuelle Situation vor besondere Herausforderungen gestellt. Die Maßnahmen zur Einschränkung des Infektionsgeschehens führen ohne entsprechende Investitionen für viele soziokulturelle Zentren wie für Kulturzentren zu enormen wirtschaftlichen Einbußen, sodass eine Öffnung der Häuser unter den gegebenen Umständen für viele aussichtslos erscheint. „Kein Abstand zur Kultur, aber Kultur mit Abstand zueinander“ – das fordern daher die Akteur*innen der (sozio-)kulturellen Szene.

Fördervolumen 25 Mio. Euro

Das Förderprogramm NEUSTARTKULTUR der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien unterstützt diese Forderung mit dem Programmteil „Pandemiebedingte Investitionen in Kultureinrichtungen zur Erhaltung und Stärkung der bundesweit bedeutenden Kulturlandschaft“. Vom Gesamtvolumen des Programmteils im Umfang von maximal 250 Millionen Euro stehen soziokulturellen Zentren, Kulturzentren und Literaturhäusern im Bereich 1d) („Zentren“) bis zu 25 Millionen Euro zur Verfügung, um ihren Weiterbetrieb und somit den Erhalt der vielfältigen (sozio-)kulturellen Landschaft zu gewährleisten.

Der Bedarf an Investitionen ist groß!

Dies wird schon durch den Ansturm auf das Förderprogramm deutlich. So schloss das Antragsportal für den Bereich „Zentren“ bereits am 28. Oktober 2020 wegen Überzeichnung, drei Tage vor dem spätesten Fristende. Insgesamt 626 Anträge mit Gesamtkosten in Höhe von rund 31 Millionen Euro sind beim Bundesverband Soziokultur, der mittelausreichenden Stelle für soziokulturelle Zentren, Kulturzentren und Literaturhäuser, eingegangen. Das Fördervolumen von 25 Millionen Euro ist damit voraussichtlich ausgeschöpft.

Den Anträgen lässt sich entnehmen, dass die Ausgangslage in den (sozio-)kulturellen Zentren und Literaturhäusern in Bezug auf die Corona-Maßnahmen nicht optimal ist. Lüftungsanlagen zur Aufrechterhaltung einer ausreichenden Lufthygiene sind dort entweder in veraltetem Zustand oder gar nicht erst vorhanden. Die Lüftung über Fenster und Türen bedeutet eine Zumutung für die Gäste, gerade in der kälteren Jahreszeit. Bei Einhaltung der Abstandsregelungen und der Lufthygienevorschriften können Veranstaltungen also derzeit nicht oder nur mit einer stark reduzierten Besucher*innenzahl stattfinden.

Maßnahmen gegen die Aerosol­belastung

Für insgesamt rund sechs Millionen Euro¹ beabsichtigen knapp 40 Prozent der Antragstellenden den Einbau, die Aufrüstung oder Anschaffung von Klima- und Belüftungssystemen mit einem Durchschnittswert von rund 25000 Euro. Laut RKI erhöht der längere Aufenthalt in kleinen und schlecht bis nicht belüfteten Räumen die Wahrscheinlichkeit einer Übertragung des Virus durch Aerosole auch über eine größere Distanz als anderthalb Meter. Neben der Einhaltung des Mindestabstandes ist also auch die Innenraumlufthygiene von immenser Wichtigkeit, um das Infektionsrisiko durch das SARS-CoV-2-Virus zu minimieren. Frische Luft zuzuführen und vorhandene Luft zu filtern sind Hauptaufgaben der raumlufttechnischen Anlagen. Ein reiner Umluftbetrieb sollte daher möglichst vermieden und stattdessen eine hohe Luftwechselrate durch Frischluft angestrebt werden.

Die Anträge beinhalten neben dem Einbau und der Reparatur von Frischluftanlagen auch die Anschaffung unterstützender Luftfiltersysteme. Laut Bundesregierung sind dabei HEPA-Filter (H13 und H14) generell zu bevorzugen. Die Antragstellenden sind angehalten, bei der Anschaffung oder Aufrüstung ihrer RLT-Anlagen vor allem den Gesundheitsschutz der Nutzenden, die technischen Möglichkeiten, die Art und Weise der Raumnutzung sowie das Verhalten der Nutzenden zu berücksichtigen, um ein optimales Ergebnis zu erzielen.

Lieber draußen statt drinnen

Wichtiger noch als die Aufrüstung der Innenräume ist für die Einrichtungen allerdings die Nutzbarmachung des Außenraums. Dies macht eine Analyse der eingegangenen Anträge deutlich. Laut RKI ist bei Wahrung des Mindestabstandes die Übertragungswahrscheinlichkeit im Außenbereich aufgrund der Luftbewegung sehr gering. Die kulturelle Arbeit soll entsprechend in den Außenbereich verlegt werden, besonders da, wo Innenräume mit den Vorgaben der Corona-Maßnahmen nicht mehr bespielbar sind. Knapp 4,5 Millionen Euro werden von den Antragstellenden für Maßnahmen zur Nutzbarmachung und Erweiterung der vorhandenen Nutzflächen benötigt. Dabei setzen die Antragstellenden auf kreative Lösungen wie den Ausbau von Dächern, aber auch auf die Erschließung von bisher brachliegendem Gelände.

Mit einem Antragsvolumen von über sieben Millionen Euro liegt der Schwerpunkt der Antragstellenden klar auf Ausstattungen für Open-Air Veranstaltungen. Gefragt sind sowohl mobile Bühnensysteme für das Außengelände als auch Licht- und Tontechnik. Wetterbefestigungen wie Pavillons, Zelte oder Überdachungen sowie Anschaffungen von Außenmobiliar, Stühlen und Tischen ergänzen die Anträge.

Kulturveranstaltungen, die normalerweise im Innenraum stattfinden, können mit der neuen Technik in den Außenraum verlagert werden. Dies entzerrt die Besucher*innenmassen und gewährleistet die gemeinsame Teilnahme an Veranstaltungen unter Einhaltung des Mindestabstandes und unter optimalen Luftverhältnissen.

Von Bad bis Büro: Modernisierungen machen die Zentren arbeits-­ und zukunftsfähig

Weitere Maßnahmen, deren bereits bestehende Dringlichkeit durch die Corona-Pandemie erneut hervorgehoben wurden, werden ebenfalls mithilfe des Förderprogramms angegangen. 26 Prozent der Antragstellenden planen die Modernisierung ihrer Sanitäranlagen, den Einbau barrierefreier Toiletten mit kontaktlosen Spülungen und Armaturen sowie adäquate Seifen- und Desinfektionsmittelspender mit Gesamtkosten von rund 2,5 Millionen Euro. Dies sorgt zum einen für die Einhaltung der erforderlichen Hygieneregeln, dient aber auch dem Wohlbefinden und dem gestiegenen Hygienebedürfnis der Gäste.

Die (sozio-)kulturellen Zentren werden mit entsprechenden Investitionen nicht nur für die aktuelle Situation gewappnet, sondern darüber hinaus zukunftsfähig ausgestattet. 44 Prozent der Antragstellenden nutzen das Programm mit dem Ziel, die eigene IT-Infrastruktur auszubauen, Streaming-Dienste einzurichten und technische Geräte anzuschaffen. So können Programme durch digitale Formate erweitert und kulturelle Angebote risikoarm genutzt werden. Workshops können gleichzeitig vor Ort und in den Wohnzimmern der Teilnehmenden stattfinden. Dies bedeutet einerseits eine Entzerrung der Gruppengrößen, befördert darüber hinaus aber auch in Zukunft die Zugänglichkeit zu kulturellen Angeboten und die kulturelle Teilhabe – ein erklärtes Ziel (sozio-)kultureller Arbeit.

Und nicht zuletzt kommt das Programm auch den Mitarbeitenden (sozio-)kultureller Zentren zugute. Digitale Aufrüstungen für Büroräume und die Einrichtung von Arbeitsplätzen im Homeoffice werden von den Antragstellenden beantragt, damit auch hier eine Entzerrung stattfinden kann.

„Kultur auf Abstand – aber kein Abstand zur Kultur“

Das Programm NEUSTART KULTUR wird einer Vielzahl soziokultureller Zentren, Kulturzentren und Literaturhäuser den Weiterbetrieb in Zeiten der Corona-Pandemie, aber auch darüber hinaus ermöglichen. Bis zu 15 Millionen Euro kommen soziokulturellen Zentren und Initiativen darüber hinaus in der Fördersäule „Programm“ zur Unterstützung ihrer Programmarbeit zugute.

Der Artikel erschien in der Zeitschrift SOZIOkultur zur Thema HÄUSER. Hier die Ausgabe zum Download.

Wie greifen die Förderungen? Was wird mit den Geldern umgesetzt? Erfahren Sie mehr auf www.neustartkultur.de.

Grafik © Johanna Götz

¹ Bei den Teilmengen handelt es sich um die Gesamtkosten der Maßnahmen, das heißt die Fördersumme plus den Eigenanteil.

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