17.07.2020
#LOCKNROLL, Zeitschrift SOZIOkultur

Dimensionen des Notwendigen – Ein Appell an uns selbst

Von:  Redaktion

Wir Akteur*innen der Soziokultur sind herausgefordert. Und zwar bis zum Anschlag unserer Kräfte. An unzähligen Orten lassen wir mit unseren Ideen und kreativen Aktionen Funken von Mut, Elan und Lebensfreude in die krisenbestimmten Alltage springen.

Dabei kämpfen wir um die Existenzen von Mitarbeiter*innen, Einrichtungen, Partnern und Netzwerken. Die Pandemie zeigt uns währenddessen in unerhörter Tiefenschärfe die Gefahren, die Absurditäten und die Widersprüche unserer gesellschaftlichen Seinsweise – jedoch auch Ansatzpunkte für mögliche positive Entwicklungen. Den Wirbel der Ereignisse spüren wir gleichzeitig als einen Moment des ruhelosen Innehaltens, der es uns erlaubt und der es uns abverlangt, darüber nachzudenken, in welche Richtungen wir künftig wachsen wollen.

 

Bestandsaufnahme harter Einsichten

Wir sind verletzlicher, als wir das vorher schon dachten. Die bereits vor der Pandemie vorhandenen Problemlagen und Konflikte waren nur vorübergehend in den Hintergrund getreten. Sie haben sich verschärft.

Existenzielle Unsicherheit prägt europa- und weltweit seit Langem das Leben großer Bevölkerungsgruppen, auch in Deutschland. Sie ist jetzt zur alles beherrschenden Kondition geworden. Dies nicht wegen des Virus selbst, sondern weil sich in seiner Folge zeigt: Die global und komplex interagierenden Kräfte lassen sich mit den geltenden Regeln nicht mehr in ihrer ohnehin fragilen Balance halten. Die multiple Systemkrise, vor der Wissenschaftler*innen und europäische Thinktanks seit Langem warnen, treibt ihrem kritischen Punkt zu. Selbst angesichts allein auf sich gestellter geflüchteter Kinder, die dem Virus in katastrophalen griechischen Lagern besonders schutzlos preisgegeben sind, hält sich die Empathie vieler europäischer Staatenlenker*innen strikt in den Grenzen ihrer jeweiligen Länder. Wo sie Bevölkerungsmehrheiten hinter sich wissen.

 

Wir sind verletzlicher, als wir das vorher schon dachten.

 

Die Aussicht auf einen moderaten endgültigen Brexit schwindet. Aus britischer Sicht stehen nun neben den Schuhen der EU auch die der Pandemie bereit, um dort die Schuld an den erwartbaren Folgen der harten Trennung hineinzuschieben. Die transatlantischen Beziehungen haben weiter gelitten. In Deutschland gibt es mehr als 150 Multimilliardär*innen. Allein die ersten hundert bringen es mit einem Privatvermögen von insgesamt mehr als 500 Milliarden Euro auf anderthalb Staatshaushalte. Im Unterschied zu den Millionen der geringer Betuchten zeigen sie wenig Hilfsbereitschaft. Das Packeis am Nordpol schmilzt. Irreversibel. Damit steigt der Meeresspiegel und nimmt über kurz oder lang den Bewohner*innen vieler dichtbesiedelter Küstengebiete ihre Heimat. Extremwetterlagen mit stark ungleich verteilten Regenmengen führen zum gleichen Effekt.

Verhaltensänderungen wie das Unterlassen von Konsum und Mobilität sollen und können den Klimawandel bremsen. Massenhaft vollzogen führen sie, wie der Shutdown zeigt, unmittelbar zum sozialen und ökonomischen Kollaps. Wir müssen anders über Nachhaltigkeit und unsere Zukunft nachdenken.

 

Primat des Politischen

Dynamisch oder kurz entschlossen sind nicht die Vokabeln, die uns zu unserem politischen System zuerst einfallen. Nach dem Zweiten Weltkrieg lag es in der vollen Absicht der Besatzungsmächte wie der Verfasser des Grundgesetzes, in Deutschland zentrale Machtausübung zu begrenzen und ihre Geschwindigkeit zu drosseln. Wir sind aus guten Gründen Kummer mit der zähen Trägheit von Entscheidungsprozessen gewohnt.

Als die tödliche Gewalt der Pandemie sichtbar wurde, hat sich die Politik überraschend handlungsfähig erwiesen. Ihre Entscheidungsträger*innen setzten der komplexen Problemlage eine lösungsorientierte, politisch ressortübergreifende und wissenschaftsgestützte Arbeitsweise entgegen. Machtkalküle, Profilboosting und partikularer Interessenzentrismus erlebten eine kurze Schweigephase.

 

Wir nehmen für uns in Anspruch, Role Models und Energiequellen der Demokratie zu sein, also nehmen wir sie wahr.

 

Inzwischen überlagern Stellungsmanöver der Parteien und karrieregerichtete Attitüden von Spitzenpolitiker*innen für die nächsten Bundestagswahlen die rational abzuwägenden Aspekte des weithin ungewissen Krisengeschehens. Zudem ist der Kampf um die Verteilung der postepidemischen öffentlichen Mittel heiß entbrannt. Weil Entwicklungen sich in Krisen beschleunigen, wird es demnächst bei politischen Entscheidungen nicht mehr nur darum gehen, unter relativ gleichbleibenden Bedingungen ein Stück mehr oder weniger in die Richtungen der bekannten politischen Lager zu gehen, sondern um grundsätzliche Weichenstellungen mit großer Reichweite in die Zukunft.  Deshalb müssen diese Entscheidungen auf einer breiten zivilgesellschaftlichen Debatte fußen. Es bleibt wenig Zeit. Für die Soziokultur als wichtiger zivilgesellschaftlicher Akteur bedeutet das: Verantwortung. Wir nehmen für uns in Anspruch, Role Models und Energiequellen der Demokratie zu sein, also nehmen wir sie wahr.

 

Empathie entwickeln

Die Pandemie legt die Hürden für das Gelingen einer breiten gesellschaftlichen Debatte noch einmal höher. Schon bevor sie ausbrach, hatten wir – siehe Ausgabe 1-20 – zu konstatieren: Die Digitalisierung und die Entwicklung künstlicher Intelligenz, die daraus rührenden Umbrüche in der Beschäftigungsstruktur, die kriegs-, armuts- und klimabedingten Wanderungsbewegungen wie der inzwischen auch hier spürbare Klimawandel werden zu einem Anstieg von Unsicherheiten, Ängsten und Konflikten führen. Nachdem die Voraussetzungen zur demokratischen Verhandlung von Konflikten sich seit Jahrzehnten verschlechterten.

Nun haben sich die globalen Lieferketten nicht nur als klimaschädlich, sondern auch als unzuverlässig erwiesen. Über die Tiefe der anrollenden Depression existiert mehr Furcht als Wissen. Die Ungewissheiten haben weiter zugenommen, mit ihnen die Ressentiments und Aggressionspotenziale. Wir erleben auf Corona-Demos Allianzen von Extremist*innen entgegengesetzter politischer Lager und Verschwörungstheoretiker*innen, die aus den Existenzängsten und Verlustgefühlen vieler Menschen kollektive Hysterie und zum Teil Gewalt generieren wollen. Politisch motivierte Straftaten nehmen zu. In dieser risikoreichen Situation braucht unsere Gesellschaft am dringendsten belastbare Empathie.

Voraussetzung dafür ist, die jeweils anderen nicht nur rational als Unseresgleichen zu bewerten, sondern sie als solche zu empfinden. Doch Studien kommen immer wieder zu dem Ergebnis, dass die Ressentiments aus ethnischem oder sozialem Überlegenheitsdünkel zunehmen. Hier können unsere Akteur*innen und Einrichtungen eine besondere Stärke einbringen. Kunst ist die intensivste, komplexeste und effektivste Weise gesellschaftlicher Kommunikation. Wir wenden uns mit ihren wunderbaren Möglichkeiten nicht nur an Publikum. Wir stellen nicht nur künstlerischen Karrierestarter*innen Experimentier- und Übungsräume zur Verfügung. Wir wenden uns an Teilnehmende und laden sie ein, sich auf künstlerische Weise selbst auszudrücken und die Welt zu erfahren – in ihren Nahbereichen, mit ihren unmittelbaren Mitmenschen, in ihren Alltagen. Genau dafür haben soziokulturelle Zentren unterschiedlichste Formate für alle Genres entwickelt. Ob in interkulturellen oder generationenübergreifenden Projekten oder solchen der Inklusion: Wir sehen überall mit unseren eigenen Augen, wie die Teilnehmenden sich über ihre kulturellen oder sozialen Unterschiede hinweg zueinander in Beziehung setzen. Wie sie sich miteinander an ihren Orten beheimaten, eben weil sie sich als Gleiche fühlen lernen. Genau das ist belastbare Empathie. Wo immer es uns möglich ist, sollten wir diese Formate weiterführen, ausbauen und erweitern.

 

Zivilgesellschaft und Debatte

Was die politische Aushandlung der unterschiedlichen Interessen betrifft, befinden wir uns nicht erst neuerdings in einer bedenklichen Situation. Bei Weitem nicht nur in der durch Social Media eskalierten Hasskultur besteht das Problem. Die Volksparteien, die Gewerkschaften und die Kirchen als große Institutionen der diskursiven Meinungsbildung haben einen langen Prozess ihrer grundsätzlichen Schwächung durchlaufen. Im öffentlichen Raum begegnen uns Bürgerinitiativen, Bewegungen und Lobbys, die auf punktuelle Ziele hinarbeiten oder partikulare Interessen verfolgen. Gerade jetzt erleben wir einen Chor aus Akteuren, die neben- oder gegeneinanderstehend alle „Wir fordern!“ rufen.

 

Die Zivilgesellschaft wird dringender denn je gebraucht.

 

Parallel dazu finden wir viele Engagierte, die sich in ihren Netzwerken im Bewusstsein gegenseitiger Verantwortung einbringen. Aber auch zu breite Bereiche, in denen die Demokratie zur Zuschauerdemokratie deformiert ist. Viel zu viele Menschen beobachten im Infotainment und der Presse die Performance bewusst konfrontierter Gegensatzpaare. Sie verleihen per Quote oder Wahl einem Favoriten oder einer Favoritin ihre Gunst und erwarten im Gegenzug, dass er oder sie „liefern“ möge. Wer hier den Anschein weckt, ein Problem lasse sich lösen, wenn man nur konsequent einen angeblichen Schuldigen bekämpft, hat besonders leichtes Spiel.

Die Zivilgesellschaft wird dringender denn je gebraucht. Doch die Strukturen ihrer mehr als 600.000 Organisationen stehen unter großem Druck. Sie finden im politischen Krisenmanagement zu geringe Berücksichtigung und sind ungenügend in die Entscheidungsfindungen einbezogen. Ein unendliches Aufgabenfeld. Die Frage ist: Was können wir jetzt und in absehbarer Zeit konkret tun? Unsere bisherige Entwicklung legt nahe, unsere Präsenz als Teilnehmer und Organisatoren der nötigen Diskussionen zu erhöhen. Am Rande all unserer Kurse, Workshops und sonstigen permanenten Angebote erleben wir den Austausch zu den brennenden Themen, besonders konzentriert in den unterschiedlichen Formaten der politischen Bildung und der aktuellen Debatte. Diese Formate sollten wir verstärken und weiter entwickeln, sie gegebenenfalls um Komponenten digitaler Kommunikation ergänzen. Dies kann ein Weg sein, um intelligent und beschleunigt deutlich stärkere Bürger*innen-Beteiligung zu erreichen. Dass es einen großen Bedarf daran gibt, zeigen nicht nur unsere eigenen wachsenden Teilnehmer*innen-Zahlen, sondern auch viele Initiativen für mehr Demokratie.

Wir vereinen Tausende hochgebildete und erfahrene Kulturakteur*innen, die sich dank ihrer Netzwerk- und Projektarbeit sehr gut in der Zivilgesellschaft auskennen. Gleichzeitig sehen wir die kommunale Ebene seit Jahren Mangel an guten Kulturpolitiker*innen leiden. Viele von uns sollten sich entschließen, für Stadt- und Gemeinderäte zu kandidieren, um dort die Belange und das Wissen aus dem Kulturbereich und der Zivilgesellschaft einzubringen.

Weitaus größer als in Deutschland fallen die Defizite an zivilgesellschaftlicher Mitwirkung in der Europäischen Union aus. Um uns hier einzubringen, können wir zum einen Kontakte zu Abgeordneten des Europäischen Parlaments nutzen und gemeinsam mit ihnen Projektideen entwickeln. Zum anderen engagieren wir uns im ENCC, dem europäischen Netzwerk von Kulturzentren. Bislang befasst sich das ENCC kaum oder nicht mit politischen Fragestellungen. Es ist Zeit, dass wir hier eine Debatte über demokratische Mitwirkung initiieren. Die Europäische Union hat die europäische Zivilgesellschaft bitter nötig für Schritte aus ihrer Krise.

 

Nachhaltigkeit neu denken

Die Menschheit fährt auf den Weltmeeren Waren hin und her zu letztlich keinem anderen Zweck, als sie möglichst schnell durch die nächste Produktgeneration zu ersetzen. Das ist an sich schon aberwitzig. Wir gehören seit Jahrzehnten zu denjenigen, die die damit verbundenen tödlich absurden Müllberge und Klimaschäden nicht tatenlos hinnehmen wollen. Wenn Fridays for Future verlangen: „Tut was!“, fühlen wir uns angesprochen und an ihrer Seite. Die meisten unserer Einrichtungen organisieren ihre eigenen Arbeitsprozesse zielstrebig sparsam und ressourcenschonend. Dieses Konsumverhalten wünschten wir uns bis vor Kurzem ganz selbstverständlich von allen. Der Shutdown zeigt nun: Was die Gesundung der Atmosphäre betrifft, wirkt Konsumverzicht tatsächlich eindrucksvoll reinigend. Er zeigt aber auch: Wenn die Leute nicht in die Läden gehen und viele unnötige Sachen kaufen, funktioniert unsere ganze Wirtschaftsweise nicht. Ausgebremster Konsum verursacht ökonomische und soziale Kollateralschäden, die die hochentwickelten Gesellschaften ihrerseits existenziell gefährden. Damit müssen wir uns auseinandersetzen. 

Im Kern kann es nicht darum gehen, dass – jedenfalls schlagartig – viel weniger produziert und konsumiert wird, sondern es muss darum gehen, dass dies auf andere Art und Weise geschieht. Es ist ja bei Weitem nicht so, dass Globalisierung gleichbedeutend sein muss mit Lohndumping, mit aberwitzig langen Wertschöpfungsund Lieferketten. Die technologischen und logistischen Voraussetzungen für flexible Kleinserienfertigungen, für Produktion on demand und damit für verbrauchernahe Herstellung sind längst vorhanden. Seit Unzeiten diskutieren wir über Glokalisierung und über regionale Wirtschaftskreisläufe. Aufgrund ihrer Pandemie-Erfahrungen beginnen Konzerne weit über die Pharmaindustrie hinaus, lange Lieferketten als Risiko zu betrachten. Es ist einiges in Bewegung. Wir selbst kennen aus unseren Orten eine große Anzahl sozial und ökologisch ambitionierter Firmen.

Vor fast genau einem Jahr nahm auf unserer UTOPOLIS-Konferenz ein Vertreter des UPJ – Netzwerk engagierter Unternehmen und gemeinnütziger Mittlerorganisationen – teil. Er sagte, wir mögen doch bitte die Unternehmen nicht nur als potenzielle Sponsoren, sondern auch als inhaltliche Partner sehen. Das war eine ernst gemeinte Einladung. Wir sollten sie dringend annehmen.

 

Die Einrichtungen der Soziokultur können eine Eigenerwirtschaftungsquote von 50 Prozent und darüber vorweisen.

 

Bislang nutzen unsere Einrichtungen bevorzugt die Erzeugnisse und Angebote regionaler Unternehmen. Eine Zusammenarbeit in gemeinsamen Projekten findet eher punktuell statt. Das mag auch daran liegen, dass manche unserer Akteur*innen die Wirtschaft als „das ganz Andere“ empfinden und sich in dem fremden Gelände zu unsicher fühlen, um sich Kommunikation auf Augenhöhe zuzutrauen. Dafür besteht kein Grund. Die Einrichtungen der Soziokultur können eine Eigenerwirtschaftungsquote von 50 Prozent und darüber vorweisen. Unsere inneren Abläufe genügen allen betriebswirtschaftlichen Maßstäben. Wir sind den Umgang mit Risiken gewohnt und bewirken durch hohe Effizienz mit unseren bescheidenen Mitteln große Effekte. In inhaltliche Kooperationen mit den Firmen unserer Kommunen und Regionen können wir auch deshalb durchaus selbstbewusst gehen.

 

Wege zu einer echten Leistungsgesellschaft

„Geld regiert die Welt“ ist nicht nur ein alter Spruch. Als unsere Urahnen in grauen Vorzeiten seine frühen Formen erfanden, war diese Welt noch übersichtlich. Man wusste voneinander, wie viel Muskelkraft, Hirnleistung und Nerven in die Waren investiert worden waren, die man mittels Geld gegeneinander tauschte. Es wog also die tatsächlichen menschlichen Leistungen gegeneinander auf. Davon sind wir nicht nur zeitlich, sondern auch faktisch weit entfernt.

Während der ersten Pandemiewochen haben sich auf den Bildschirmen und in den Zeitungen von Kranken- und Altenpfleger*innen über Lkw-Fahrer*innen, Paketzusteller*innen bis zum gastronomischen Servicepersonal all die Berufsgruppen abgelöst, die für harte Arbeit schlecht oder sehr schlecht bezahlt werden. Von den südosteuropäischen Erntehelfer*innen schweigen wir hier. Unterbezahlung wird zu Recht als faktische Geringschätzung der eigenen Leistung empfunden. In Deutschland gilt das für fast alle humanzentrierten Tätigkeiten. Auch für unsere.

 

In den letzten Jahren spüren wir als Verband […] zunehmend gewachsene Wertschätzung für unsere Arbeit.

 

In den letzten Jahren spüren wir als Verband, was kein Widerspruch ist, zunehmend gewachsene Wertschätzung für unsere Arbeit. Sie spricht aus dem permanent größer werdenden Zuspruch für unsere Angebote, aus den Partner*innen, die aufgrund unserer Kompetenzen und Zuverlässigkeit Kooperationen mit uns suchen. Es wird gewürdigt, dass wir für viele Menschen Chancen eröffnen, dass wir uns anstrengen, wo ansonsten fast nichts mehr gehen will, sei es in strukturschwachen, ländlichen Gebieten oder in Problemquartieren der Großstädte. Wir sehen das an den gestiegenen Fördersummen vom Bundaktuell besonders an der Kultur-Milliarde im Konjunkturpaket. Fast alle Länder bemühen sich ebenfalls sehr, auch die Soziokultur so gut es geht über die Krise zu bringen. Sie wenden dafür zum Teil beträchtliche Mittel auf. Die Bundesministerien und die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien vertrauen uns große Aufgaben an – wie die Projekte „Jugend ins Zentrum!“, „UTOPOLIS – Soziokultur im Quartier“, „LAND INTAKT – Soforthilfeprogramm Kulturzentren“ und gerade jetzt NEUSTART, das Sofortprogramm für coronabedingte Investitionen in den Kulturbereich. Es wird uns helfen, etwas von unserem Investitionsstau abzubauen und Löcher unserer digitalen Ausstattung zu stopfen.

Bei all dem bleibt dennoch: Wir sind strukturell unterfinanziert und werden weiter um unsere Strukturen und Projekte ringen müssen. In den soziokulturellen Zentren arbeiten hochqualifizierte Mitarbeiter*innen und freie Partner*innen – die meisten unterbezahlt, oft unter prekären Bedingungen. Später werden auch sie sehr arme Rentner*innen werden. In Deutschland genügt es eben nicht, hochgebildet zu sein und engagiert zu arbeiten, um „es zu schaffen“. Die Soziokultur ist einer von vielen Bereichen, die das betrifft.

 

Bei all dem bleibt dennoch: Wir sind strukturell unterfinanziert und werden weiter um unsere Strukturen und Projekte ringen müssen.

 

Noch schwieriger wird es werden, uns auf neue Regeln zu einigen, nach denen wir die gesellschaftlich notwendigen Arbeiten und Leistungen künftig gegeneinander austauschen wollen.

Wir brauchen sie dringend und stehen damit nicht nur vor Verteilungsproblemen, sondern auch vor tiefgreifendem kulturellem Wandel. Am Ende müssen ja Menschen bereit sein, einen Teil der Ausgaben, die sie jetzt für Produktkonsum verwenden, stattdessen für humanzentrierte Leistungen aufzubringen. Mit dem Einkaufen von Dingen sind – besonders für weniger gut Situierte – wirkmächtige Illusionen verbunden. Es scheint dabei etwas übrig zu bleiben vom Geld, was man dann vorzeigbar hat, vielleicht sogar wieder veräußern und erneut zu Geld machen kann. Der Vorgang des Einkaufens selbst ist auch ein Substitut, eine Illusion tatsächlicher Teilhabe. Niedrigschwellige, haustürnahe Möglichkeiten echter Teilhabe und die Entwicklung neuer Vorbilder gehörten und gehören zu den Hauptmotiven, sich soziokulturell zu engagieren und Zentren zu gründen. Im notwendigen kulturellen Wandel gewinnt beides noch stärker an Gewicht.

 

Lösungen finden

Die Gesellschaft steht vor der Aufgabe, gleichzeitig die Folgen der Pandemiekrise zu bewältigen, die klimatischen und ökologischen Bedingungen für menschliches Leben auf der Erde zu erhalten und zu verbessern, die globalen Wirtschaftsgeflechte vernünftig zu gestalten und neue Regeln für den Austausch der gesellschaftlich notwendigen Leistungen und Arbeiten zu verabreden.

Wer als einzelner Mensch oder einzelne Gruppe von sich behauptet, allein zu wissen, wie das hinzukriegen ist, und dass er die Risiken und Nebenwirkungen seiner Ideen über blickt, der überschätzt sich entweder maßlos selbst oder führt Übles im Schilde.

Damit Lösungen gelingen können, müssen wir Grenzen des Denkens überspringen. Wir brauchen Synergien aus den Expertisen der unterschiedlichen Berufsgruppen, politischen Ressorts, Wissenschaftsdisziplinen und dem Erfahrungswissen der Bürger*innen.

In den Räumen der offenen gesellschaftlichen Debatte, für die wir uns stark machen, geht es also nicht nur darum, uns zu dem einen oder anderen Vorschlag eine qualifizierte Meinung zu bilden. Wir müssen die Lösungsvorschläge selbst gemeinsam entwickeln.

Es wird uns Kreativität und Kraft kosten. Mit unseren Prinzipien des Respekts und der Augenhöhe haben wir eine reale Chance, wichtige Beiträge leisten zu können. Unser Gebot der Stunde besteht darin, einen alten Ulkspruch mit dem Prinzip Hoffnung zu einem Motto zu verbinden:

Wir tun das uns Mögliche und vollbringen Wunder, täglich viele kleine.

 

Ein Beitrag aus der Zeitschrift SOZIOkultur 2/2020 von Ellen Ahbe, Georg Halupczok, Andreas Kämpf, Edda Rydzy und Margret Staal

 

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