09.12.2022

#NACHBARSCHAFTEN, Porträt, Zeitschrift SOZIOkultur

Das QUARTIER Bremen: Zwischen Herzleuchten und Burnout

Von: Dr. Edda Rydzy

Mit Kunst, Kultur und Bildung setzt QUARTIER Bremen den Fliehkräften globaler Krisen und ökonomischer Entwicklungen lebendige Nachbarschaften entgegen.

Weitblick

Etwas Besseres als den Tod finden wir allemal, sagen die Bremer Stadtmusikanten und verlassen ihr Zuhause. Da sind sie nicht die Einzigen. In den 1970er und 1980er Jahren suchen neben den Ölkrisen auch die Werften-, die Stahl- und die Hafenkrise die Hansestadt heim. Abertausende, unter ihnen türkische Gastarbeiter, verlieren ihr Ein- und Auskommen. Besser Qualifizierte ziehen weg. Im gleichen Zeitraum treiben unter anderem Kriege und ein fanatischer Ajatollah in großer Zahl Menschen aus Sri Lanka, Marokko, dem Iran und von sonst wo nach Bremen. Dennoch sinkt die Einwohnerzahl binnen anderthalb Jahrzehnten um fast 70 000. Bürgerschaft und Senat beweisen in dem wilden Fahrwasser Weitblick. Sie verabschieden als eine der ersten Städte überhaupt einen Kulturentwicklungsplan. Darin richten sie ihren Fokus nicht nur auf die großen Tanker des bildungsbürgerlichen Kulturbetriebs, sondern auch ganz bewusst auf die soziale und urbane Peripherie. Sie schauen sich in anderen europäischen Städten mit ähnlichen Herausforderungen um. Paris schickt Animateurs culturelles in seine knirschenden Banlieues.

Bremen hat viele arbeitslose Akademiker*innen, darunter aber niemanden, den man auf der Stelle als Kulturanimateur*in losschicken kann. Studiengänge für Kulturvermittlung oder Kulturpädagogik gibt es an deutschen Universitäten noch nicht. 1988 legt der Kultursenator gemeinsam mit dem Arbeitsamt und der Volkhochschule ein Fortbildungsprojekt auf. Die 20 Teilnehmer*innen befassen sich darin von Kultur bis Pädagogik und Stadtentwicklung mit dem Wichtigsten, was sie brauchen, um in den sozialen Neubausiedlungen und Brennpunkten als Kulturanimateur*innen aktiv werden zu können. Drei der Absolvent*innen, eine davon die Sozialpädagogin Andrea Siamis, übernimmt 1990 der eigens zur Förderung der kulturellen Breitenarbeit gegründete Verein Kulturbüro.

Viel Armut, viele Brennpunkte, kaum oder keine soziokulturellen Netzwerke, keine Strukturen, auf die sich zurückgreifen lässt. In dieser Situation sind die drei frisch gebackenen Bremer Kulturanimateur*innen zunächst nicht mehr als ein winziger Keim, aus dem dann die QUARTIER gGmbH wächst.

Im Zeitraffer

Gemeinsam mit Künstler*innen und Kulturschaffenden gestaltet das Team Projekte der kulturellen Bildung nicht an zentralen Kultorten, sondern in Nachbarschaften, quer durch Altersgruppen, unterschiedliche Kulturen und soziale Schichten. Heute listet die Website eine Vielzahl von Unterstützer*innen, Kooperationspartnern, Preisen und Auszeichnungen auf.

Andrea sieht nach mehr als 30 Jahren den Weg dahin im Zeitraffer. Anfangs ist sie Organisatorin, Künstlerin, Buchhalterin, Drittmittelakquisiteurin – einfach alles in einer, durchlebt sie regelmäßig im Advent den existenziellen Elchtest ihrer vorsorglichen Kündigung. Keiner weiß, ob im nächsten Januar das Geld reicht. Inzwischen knüpft ein vierzehnköpfiges Team Knoten in einem gewaltigen Netzwerk aus Künstler*innen, Pädagog*innen, Einwohner*innen, Vereinen, Institutionen, Ämtern, Behörden. Der Senat finanziert die Basismittel für Personal, Miete und Ausstattung.

Inzwischen gilt als beispielhaft, wie friedlich Menschen aus 90 Nationen miteinander leben.

Zu Beginn der 1990er Jahre wird in Tenever, der Hochhaussiedlung, die Andrea zum Mittelpunkt ihres engagierten Lebens gewählt hat, mit ganzen Wohnblocks Monopoly gespielt, ist der Stadtteil durch Armut, Verwahrlosung und Ausgrenzung geprägt. Heute sind viel mehr als nur die Wohnblocks saniert. Immer noch braucht jede*r Dritte der 10 000 Einwohner*innen Transferleistungen. Doch inzwischen gilt als beispielhaft, wie friedlich die Menschen aus 90 Nationen, zu zwei Dritteln mit Migrationshintergrund, zu einem Drittel jünger als 18 Jahre, miteinander leben. Ein anregender, ein inspirierender Schmelztiegel der Kulturen. Andrea erinnert sich an die Iraner und Tamilen während der frühen 1990er. Sie sind mit Geld und Bildung gekommen, erkennen die Projekte sehr schnell als eine Möglichkeit der Integration und persönlichen Entwicklung. Manche von ihnen schicken ihre Kinder zum Studieren nach Amerika. Die später hier eintreffen, bringen neben existenzieller Not manches Tabu mit, auch patriarchale, einseitig enge Weltbilder. Eine aus Kasachstan eingebürgerte Russlanddeutsche begegnet einem Tamilen und ruft erschrocken:

„Huch, ein schwarzer Mann!“ Egal, ob die Menschen hier mit Wolle und Mode arbeiten, kochen, tanzen, Theater spielen, malen oder musizieren, sie lernen einander in aller Unterschiedlichkeit zu respektieren, indem sie gemeinsam ihre Umwelt gestalten. Und nein, man mag sich das Mikroklima von Tenever oder einem der anderen Bremer Brennpunkte wirklich nicht ohne die unzähligen soziokulturellen Projekte vorstellen.

Wertsachen

Auf die Frage, ob ihr die Teilnehmer*innen aus den Nachbarschaften Widerstände entgegensetzen, antwortet Andrea: „Nein, gar nicht, sie sind mindestens so aufgeschlossen wie bunt. Vorbehalte kommen eher aus der öffentlichen Verwaltung, aus kooperierenden Einrichtungen.“ Wer ihr da gegenüber sitzt, sind oft nicht direkt die geistigen Nachfahren von Alfons Spielhoff oder Hilmar Hoffmann. Sie haben auch nicht die inzwischen fast 30 Projektkataloge durchgeblättert oder den übergewichtigen Zwölfjährigen gesehen, der, statt sich allein vorm PC mit Süßigkeiten vollzustopfen, bei „Rhythm is it“ mitmacht und jubelt: „Ich wusste gar nicht, dass ich tanzen kann!“ Oder das kleine Mädchen, das hingebungsvoll zeichnet und malt, das sich zum Ende des Projekts schüchtern meldet: „Ich möchte gern weitermachen. Darf ich den Bleistift mitnehmen? Zuhause haben wir keinen.“ Zwar trägt der Senat die Basiskosten von QUARTIER Bremen, doch die Projektmittel müssen aus anderen Quellen herbeigeschafft werden. Also fängt Andrea wieder und wieder bei null an, den Wert und Sinn soziokultureller Arbeit zu erklären. Ihr Berufsalltag besteht aus hmzig Prozent Papageiendasein. Das ist mühselig.

Streiten, bitte

Doch wirklich Sorgen macht sie sich um eine andere Entwicklung. Die Arbeit mit Kindern nimmt im QUARTIER breiten Raum ein. Viele Pädagog*innen aus kooperierenden Schulen und Kitas sind daran beteiligt. Zu keinem Zeitpunkt zeigen sich auf Anhieb alle von den jeweiligen Projektideen überzeugt. Die Geister scheiden sich an der Frage, ob man Kindern die schwierigen Fragen von Leben, Tod, Sexualität und Gewalt zumuten darf. Viele sagen, das muss man. Die Kunst liegt eben im altersgerecht bestmöglichen Umgang mit den Themen. Manche äußern Bedenken. Zum Beispiel vor etwa zehn Jahren bei „Ich komme als Blümchen wieder“. Es geht da um Vergänglichkeit und Sterben. Das Projekt findet schließlich statt. Mit an die 40 Künstler*innen und Musiker*innen aus verschiedenen Kulturen an der Seite der Kinder verläuft es genauso bunt und lebendig wie alle anderen.

Die Geister scheiden sich an der Frage, ob man Kindern die schwierigen Fragen von Leben, Tod, Sexualität und Gewalt zumuten darf.

Während der letzten drei, vier Jahre spürt Andrea eine deutliche Zunahme von Bedenken angeblicher Unzumutbarkeit. Sie sagt: „Dabei haben die betreffenden Pädagog*innen gar nicht so sehr Angst, was sie etwa bei den Kindern anrichten. Sie fürchten sich vor den Eltern.“ Und sicher vor Shitstorms in sozialen Medien. Es schrillen alle Alarmglocken von Cancel Culture und zensurtypischer Schere im Kopf. Wie soll eine Demokratie existieren, die den Streit fürchtet? Wer nicht streitet, der ist unverbun- den, hat keine Beziehung, lebt aneinander vorbei, redet umeinander herum. Bestenfalls.

Allround

Nachdem er in einem der Projekte als Künstler mitgewirkt hat und die QUARTIER gGmbH 2013 einen neuen Geschäftsführer braucht, übernimmt das Uwe Martin. Er hat Bildende Kunst studiert, als Künstler gearbeitet, den Master für Kulturmanagement erworben, leitende Funktionen in mehreren privaten und öffentlich geförderten Einrichtungen ausgeübt. Er kennt sich in Kunst, Buchhaltung und Verwaltung aus, kennt Bremen und den Bremer Kulturbetrieb.

Auch aus persönlicher Erfahrung weiß er wie Andrea, welche große Bedeutung Kinder für gelingende Nachbarschaften haben. Sie knüpfen Verbindungen zwischen den Erwachsenen. Die Küchentische in den armen Vierteln sind mit schweren Sorgen beladen. Sitzen Kinder daran, auf deren Gesichtern der Abglanz der Kunstprojekte liegt, fühlen auch die Eltern, dass sie wahr- und ernstgenommen werden. Die Kinder bringen ungewohnte Themen mit und ermöglichen ihren Familien, sich ihnen zu öffnen. Das Projekt „FREI.RAUM“ mit seinem komplexen Ansatz liegt Uwe besonders am Herzen. Hier werden junge Frauen gefördert und zur Kreativität ermutigt, während ihre kleinen Kinder sich in guter Betreuung befinden. Die Frauen kommen miteinander in Kontakt, können in manchem Selbsthilfe entwickeln, finden beim Team offene Ohren und Beratung für alle Fragen von Kinderarzt und Familienhilfe über den Zugang zu einer Kita bis zu Problemen mit patriarchalen Strukturen.

Nach den Lockdowns

Die Zeiten der Isolation stellen auch für QUARTIER Bremen eine fast nicht aushaltbare Härte dar. Andrea erzählt von einer Ausstellung, die sie im menschenleeren Haus trotzdem auf die Beine stellen, die sie mit einer Drohne filmen und wenigstens via Bildschirm zu den Teilnehmer*innen bringen. Der Mangel an Begegnung bleibt trotzdem schmerzlich fühlbar.

Lange Wochen und Monate dürfen die Künstler*innen der Projekte nicht in die Schulen. Als die Türen sich endlich wie- der öffnen, strahlt ein Junge sie an: „Mein Herz leuchtet“, sagt er. Andrea findet es wunderbar, dass das Kind diesen Satz sagt. Im selben Moment ist ihr die seelische Dürre bewusst, die es während der Lockdowns erfahren musste. Wenig später spürt sie: Was sie an Kraft in einem Arbeits- leben verausgaben konnte, hat sie längst hergegeben. Jetzt kann sie einfach nicht mehr. Sie kündigt und geht in den Ruhestand. Das Team verabschiedet die letzte der Gründer*innen mit einer sehr liebevollen Feier. Nun ist sie weg, konsequent, ohne jedes Türchen zum Reinreden.

Kaum sind ein paar Monate ins Land gegangen, wird Uwe zum Ortsamtsleiter von Neustadt Woltmershausen gewählt, Dienstantritt am 1. August 2022. Das ist gut so. Soziokulturelle Sachkunde in der öffentlichen Verwaltung kann nur helfen. Uwe bleibt Partner von QUARTIER. In seinen Bereich fällt der Alte Tabakspeicher. Auf Initiative und in Regie von QUARTIER treten im Herbst über 100 Musiker*innen des Stadtteils in dessen neuen Räumen auf.

Das QUARTIER-Team muss sich neu sortieren. Was wünscht man ihnen? Viel Unterstützung, mehr Freude und Erfolg als Stress in den großen Fußstapfen der Vorangegangenen. Das verdienen sie.

Andrea Siamis war Mitbegründerin und bis 2021 Vorstandsmitglied und Gesellschafterin der QUARTIER gGmbH. Uwe Martin hatte von 2013 bis 2022 die Geschäftsführung der QUARTIER gGmbH inne. Er ist seit August 2022 Ortsamtsleiter des Stadtteils Neustadt/ Woltmershausen in Bremen.

 

Dieser Artikel ist erschienen in der SOZIOkultur 3/2022 Nachbarschaften

Autor*innen

  Dr. Edda Rydzy freie Autorin mit Lehr- und Vortragstätigkeit, Chefredakteurin der Zeitschrift SOZIOkultur

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