In einem Streifzug durch die Republik zu exemplarischen Orten wird klar: Seit ihren Anfängen in den 1970er Jahren bis heute muss (und will) sich die Soziokultur die Räumlichkeiten, in denen sie ihre Aktivitäten entfalten kann, oft erst suchen und erobern. Heute finden soziokulturelle Aktivitäten vielerorts in Gebäuden statt, die nicht als kulturelle Bauten geplant wurden. Teils jahrelang werden ehemalige Kirchen- und Klostergebäude, alte Fabrikhallen und Elektrizitätswerke, Scheunen, Lagerstätten oder Höfe mit viel persönlichem Engagement und körperlichem Einsatz, mit Knowhow und Liebe zum Detail für die spartenübergreifende Nutzung ertüchtigt. Wir haben uns umgesehen und stellen exemplarische Häuser vor.

BADEN-WÜRTTEMBERG – Chapel, Göppingen

Seit die Fabrik für Kunst und Kultur e.V. im Jahr 1998 die alte Soldier Chapel von der Stadt Göppingen als Veranstaltungsort und Heimstatt für den Verein erhielt, hörten die Arbeiten am Haus eigentlich nie auf: erst Renovierungsarbeiten, dann die Instandsetzung der Fassade, kontinuierliche Optimierungen an der technischen Ausstattung bis zur großen Sanierung durch die Stadt Göppingen, zu der die Vereinsmitglieder weit über normales ehrenamtliches Engagement hinaus Hunderte von Stunden an Eigenleistung beitrugen.

Das Konzept des Umbaus ermöglicht eine große Wandelbarkeit der Location – ob für Ausstellungen, Konzerte, Theater, Filmdrehs, Festivals, Parties oder als Ort der Begegnung. Die Chapel verfügt über zwei Veranstaltungsräume, CHAPEL und KRYPTA für 700 beziehungsweise 200 Personen, sowie Vereinsraum, Mini-Kino, Werkstatt, Tonstudio, Proberäume, Vereinsbüro und Außenanlagen. Aktuell wird schon wieder gebaut: Der große Kirchenraum bekommt eine Bühne und eigene Technik. In naher Zukunft sollen dort auch kleine Veranstaltungen mit Abstand ohne Mehraufwand durchgeführt werden.

www.fabrikev.deDie Chapel auf Facebook

Text: Amyna E. Wolf

Der Artikel erschien in der Zeitschrift SOZIOkultur zur Thema HÄUSER. Hier die Ausgabe zum Download.

In zwei Wochen, am Sonntag, den 14. März 2021, finden in Rheinland-Pfalz Landtagswahlen statt. Wie sind die Positionen der Parteien zur Soziokultur? Wir haben nachgefragt: Welche Rolle spielt die Soziokultur in Ihren politischen Planungen?

GIORGINA KAZUNGU-­HASS, MdL (SPD)

Kulturpolitische Sprecherin der SPD-Landtagsfraktion Rheinland-Pfalz
Für uns Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten ist die Soziokultur ein zentrales Handlungsfeld unserer Kulturpolitik. Wir wollen Kultur so fördern, dass sie breit in die Fläche wirkt und alle gesellschaftlichen Gruppen partizipieren lässt. In den vergangenen fünf Jahren haben wir deswegen die Mittel im Bereich der Soziokultur deutlich erhöht. Als neues Instrument der Kulturförderung wollen wir in der kommenden Legislaturperiode einen landesweiten Kulturentwicklungsplan erarbeiten. Dabei kommt der koordinierenden Kraft der Akteure der Soziokultur eine wichtige Aufgabe zu. Als nicht kommerzialisierte „Dritte Orte“ dienen soziokulturelle Zentren der Entfaltung des Einzelnen und dem gesellschaftlichen Zusammenhalt. In ihrer Vielfalt wollen wir sie weiter unterstützen und fördern.

MARION SCHNEID, MdL (CDU)

Kulturpolitische Sprecherin und stellvertretende Vorsitzende der CDU-Landtagsfraktion Rheinland-Pfalz
Neben den klassischen Kulturbereichen leistet die Soziokultur einen wertvollen Beitrag zur Vielfalt des kulturellen Angebots in unserem Land, vor allem auch im Hinblick auf Kinder und Jugendliche wie auch im interkulturellen Bereich. So sind zum Beispiel Jugendkunstschulen ein idealer Ort, um Heranwachsende in ihrer Kreativität durch künstlerisch-gestaltende Angebote zu fördern. Auch wird die Aufgabe der Kulturbüros, Kulturschaffende zu unterstützen und zu vernetzen, gerade jetzt noch notwendiger. Uns ist es wichtig, die kulturelle Vielfalt und den Zugang zu Kultur auch für die Zukunft zu sichern und Kulturförderung einen verpflichtenden Charakter zu geben. Daher werden wir uns für ein Kulturfördergesetz einsetzen, das die Wertschätzung aller Kulturbereiche umfasst und eine planbare, finanzielle Förderung aller Sparten sicherstellt.

THOMAS ROTH, MdL (FDP)

Kulturpolitischer Sprecher der FDP-Fraktion Rheinland-Pfalz
Die Vielfalt an unterschiedlichen Lebensentwürfen ist der Kern unserer liberalen Gesellschaft und die entscheidende Antriebskraft für Innovation und Weiterentwicklung – unabhängig, ob durch Arbeit, Kunst oder eben Kultur. Kultur ist die soziale Basis unserer Gesellschaft und muss – unabhängig, ob Stadt oder Land – zugänglich sein. Die Corona-Pandemie hat diesen Auftrag noch verschärft. Wir werden uns daher für eine Enquete-Kommission „Kultur“ einsetzen. Zusammen mit den Kulturschaffenden wollen wir Kulturangebote sichern und weiterentwickeln. Hierfür müssen wir Freiräume schaffen, sie fördern und unterstützen. Finanzielle Unterstützungen in und nach der Corona-Pandemie sind für den Erhalt von flächendeckenden Angebote entscheidend. Dafür werden wir uns einsetzen.

KATHARINA BINZ, MdL (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Sprecherin für Integrations- und Asylpolitik, Hochschule, Wissenschaft, Forschung, Weiterbildung und Kultur, Verbraucherschutz, Gesundheit, Pflege und Drogenpolitik
Für uns GRÜNE ist Kultur absolut unverzichtbar für ein gutes Leben. Wir wollen deshalb sicherstellen, dass die Bedingungen für Künstler*innen und Kulturschaffende in unserem Land geeignet sind, sich mit voller Energie der Kunst zu widmen. In der kommenden Legislatur möchten wir eine Kultur-Enquetekommission einsetzen, mit dem Ziel, die Kulturförderung auf neue Füße zu stellen. Wir wollen mit den Kreativen über Fragen der Kulturförderung, aber auch über Entwicklungsmöglichkeiten der kulturellen Landschaft ins Gespräch kommen, um die Bedingungen für Kultur grundlegend zu verbessern. Die soziokulturellen Zentren nehmen wir dabei besonders in den Blick, da sie in einem Bundesland wie Rheinland-Pfalz oft die erste und manchmal die einzige Möglichkeit sind, Kultur mit allen Sinnen zu erleben.

Der Artikel erschien in der Zeitschrift SOZIOkultur zur Thema HÄUSER. Hier die Ausgabe zum Download.

Idee

Die Projektidee, die hinter „Das Foyer“ steckt, greift auf die Funktion des Foyers in Theatern und Museen zurück: Es ist bestenfalls ein Ort der Begegnung, des Austauschs über das Gesehene, ein Ort des Ankommens und Verweilens, ein Ort der Kommunikation. Wie muss solch ein Raum gestaltet sein, damit er diesen Ansprüchen gerecht wird? Wo fühlt man sich wohl, eingeladen, dazugehörend?

Um das herauszufinden, gestalten und bespielen Künstler*innen, Pädagog*innen und Nachbar*innen bei zeitraumexit – ein Ort für erweiterte Kunst in Mannheim – dessen größten Veranstaltungsraum für jeweils sechs bis zwölf Wochen. Hierbei sollen die Bewohner*innen sich einbringen und ihre Wünsche thematisieren können. Woran fehlt es im Stadtteil Jungbusch? Gibt es zu wenig Wiesen, Spielplätze, nichtkommerzielle Orte zum Verweilen, zum Abhängen nach der Schule? Wie soll der Raum gestaltet sein? Welche Möbel, Accessoires und Spielangebote werden benötigt und eignen sich, um temporär eingesetzt zu werden?

Lösungen

„Foyer I“ im Jahr 2019 – in diesem Jahr finanziell ermöglicht durch die Kulturstiftung des Bundes – basierte auf einer Quartiersbegehung und der Feststellung eines Mangels an Grünflächen. So schuf der erste „Foyer“-Künstler eine Indoor-Wiese mit einzelnen Kuben als Aufenthaltsorten, die gestaltet werden konnten. Die Einladung bestand darin, vorbeizukommen und diesen neu geschaffenen Raum als Treffpunkt, zum Picknick oder als eine Art Indoor-Spielplatz zu nutzen.

„Foyer II“ präsentierte sich in auffälliger äußerlicher Verkleidung und verwandelte den Raum in ein Abbild der Walhalla bei Regensburg. Der gestaltende Künstler stellte hier die Frage nach dem „Deutschsein“, wagte also eine Standort- und Identitätsbestimmung durch das Feedback der Anwohner*innen und Besucher*innen. Eine integrierte Eisdiele – welche es im Jungbusch ebenfalls nicht gibt – sorgte über die komplexe Fragestellung hinaus für ein niedrigschwelliges, attraktives Angebot, das von der Anwohnerschaft sehr gerne angenommen wurde.

Beim „Foyer III“, erstmals von einer Gruppe aus Gestalter*innen, Kunstpädagog*innen und Nachbar*innen kuratiert, entstand die Themensetzung aus einer aufsuchenden Befragung im Stadtteil. Ein Raum für (Familien-) Feiern wurde demnach vermisst und bei zeitraumexit angeboten. Eine Tischtennisplatte mit gelegentlichen Turnieren wurde vor allem für Kinder und Jugendliche im Jungbusch zum Anziehungsmagneten. Die visuell-skulpturale Gestaltung trat hier zugunsten einer prozesshaften, offenen Entwicklung sowie einer verstärkten Nutzung durch Anwohner*innen zurück.

Eine Schlüsselrolle bei dieser Öffnung nach außen kommt der aufsuchenden Stadtteilarbeit zu. Es gilt, eine tragfähige Beziehung zu den Stadtteilbewohner*innen aufzubauen: zuzuhören, ihre Anliegen ernst zu nehmen und Vertrauen zu gewinnen. Gute Erfahrungen wurden dabei beispielsweise mit der Unterstützung durch Menschen aus den migrantischen Communities gemacht, die als Sprach- und Kulturvermittler*innen Brücken bauen können.

Ausblick

Aktuell ist ein externer Faktor – eine Baumaßname im Quartier – ausschlaggebend für die Ausrichtung des vierten „Foyer“, das Ende 2020 gestartet ist. Der Umbau des zentralen Spielplatzes und Treffpunkts im Viertel betrifft vor allem Kinder und Jugendliche, aber auch Erwachsene mit Migrationshintergrund, die ihre Freizeit viel auf der Straße und den Plätzen verbringen und von der Gastronomie, die sich durch vermehrte Bestuhlung im Freien weiter in den öffentlichen Raum ausdehnt, zunehmend verdrängt werden. Die Künstlerin, die das vierte Foyer gestaltet, greift diesen Bedarf auf und möchte zusammen mit den Anwohner*innen eine Art Spieleparcours erarbeiten, der über mehrere Wochen zugänglich sein wird. Das Gesellschaftsspiel „Spiel des Lebens“ wird dazu als Grundlage dienen. Der Ansatz, auf aktuelle Problemlagen und Bedarfe einzugehen, verbindet „Das Foyer“ als Projektbaustein mit dem UTOPOLIS-Gesamtprojekt „Social Body Building“.

Für die Akteure von zeitraumexit ist mit dem „sozialen Muskeltraining“ die Hoffnung verbunden, dass das Haus von einem möglichst großen Spektrum der diversen Stadtteilbewohner*innen auch als Möglichkeitsraum genutzt wird, um eigene Ideen zu verwirklichen. Exemplarisch dafür steht das Format „Social Sunday“, bei dem Nachbar*innen mit eigenen Programmpunkten einen Sonntagnachmittag gestalten.

Im Jahr 2021 soll darauf aufbauend ein möglichst heterogener Nachbarschaftsbeirat die Arbeit des Kunsthauses und soziokulturellen Zentrums unterstützen: beratend, kritisierend, mit Vorschlägen für die Programmgestaltung und mit eigenen Aktivitäten im Sinne eines Empowerments.

www.zeitraumexit.de

Der Artikel erschien in der Zeitschrift SOZIOkultur zur Thema HÄUSER. Hier die Ausgabe zum Download.

Autorinnen: Nina Lenz, Mitarbeiterin für Stadtteilarbeit und Programm, und Stephanie Staib, Mitarbeiterin für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit bei zeitraumexit e.V.

Mit dem Programm „LAND INTAKT – Soforthilfeprogramm Kulturzentren“ werden soziokulturelle Zentren, Kulturhäuser sowie Kultur- und Bürgerzentren in ländlichen Räumen gefördert. Insgesamt 2,76 Millionen Euro hat die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien für nachhaltige Investitionen bereitgestellt. Was hat das vor Ort bewirkt? Wir haben uns umgehört.

Neue „Mütze“ in Hohenbüssow

In Hohenbüssow in Mecklenburg-Vorpommern erhält der alte Getreidespeicher des proVie Theaters eine neue „Mütze“. Das bisherige Dach aus asbesthaltigen Wellplatten diente jahrelang als zweckmäßige Lösung, die immerhin regensicher war. Nun wird dem Dach Schritt für Schritt sein ursprünglicher Charakter zurückgegeben: Mit alten Biberschwanz-Dachziegeln, die das proVie Theater durch eigene Suche auftreiben konnte, wird der Speicher neu eingedeckt. „Was für eine Herausforderung, einen denkmalgeschützten alten Getreidespeicher mit einer neuen Mütze auszustatten“, stellt der Vorsitzende Leo Kraus fest. Der ursprüngliche Plan, die Dachflächen mit Solarpaneelen auszustatten, wurde von der Denkmalbehörde nicht genehmigt. Zusätzlich sei es gar nicht so einfach, Dachdecker zu finden, die mit historischen Ziegeln vertraut sind. Nach über einem Monat Bauzeit sind Leo Kraus und das Team in Hohenbüssow noch sehr beschäftigt. Mit der Vorstellung eines „wunderschönen, gedämmten Speicherdachs vor Augen“ geht es optimistisch auf der Baustelle weiter, berichtet Leo Kraus.
www.provie-theater.de

Brandschutz in Altenkirchen

In Altenkirchen im Westerwald hat das soziokulturelle Zentrum Haus Felsenkeller zwei Fluchttreppen an der Außenfassade installiert. „Geschafft!“, freut sich die Vorsitzende Margret Staal. Eine fast fünfjährige „Odyssee durch den Dschungel an Brandschutzvorschriften“ hat ein Ende gefunden. Aufgrund der aktuellen Situation mit der Corona-Pandemie können Bildungsveranstaltungen im Haus nur im kleineren Rahmen stattfinden, doch das Team in Altenkirchen blickt zuversichtlich voraus. Wenn die Räume wieder umfassend genutzt werden können, wird brandschutztechnisch alles geregelt sein. Wir sind „heilfroh, dass die Treppen nun aufgebaut sind und dankbar für die finanzielle Unterstützung durch LAND INTAKT“, erklärt Margret Staal.
www.haus-felsenkeller.deHaus Felsenkeller auf Facebook

Mehr Raum für Besucher*innen in Hitzacker

In Hitzacker wird im Kulturbahnhof durch eine Empore mehr Platz für Besucher*innen geschaffen. Ursprünglich sollte mit den Fördermitteln die bisher ungenutzte Fläche über dem Veranstaltungsraum ausgebaut werden. Doch es kam anders. „Zutage kamen ein großer Brandschaden und an anderer Stelle ein Wasserschaden. Die tragenden Holzbalken waren schwer beschädigt“, berichtet das Vorstandsmitglied Birgitt Harms. Nach dem ersten Schrecken waren Ideenreichtum und Flexibilität gefragt, damit der Kostenrahmen trotzdem eingehalten werden konnte. Der Veranstaltungsraum wird nun nach oben hin geöffnet und erhält eine Saaldachdämmung. Durch die neue Höhe und die Empore gewinnt der Raum an Atmosphäre. Das Team in Hitzacker arbeitet hochmotiviert an der abschließenden Umsetzung.
www.kuba-ev.de – Kulturbahnhof Hitzacker kuba e. V. auf Facebook

Digitale Infrastruktur und Ausstattung in Bad Bevensen

Die Kulturstation Bad Bevensen ist draußen in der Natur und an ungewöhnlichen Orten unterwegs. Derzeit entsteht inmitten eines alten Kirchgartens eine Kulturstation im Freien. „Immer wieder neue Orte und Partner für Kooperationen zu suchen, ist Abenteuer und Chance zugleich. All das braucht Infrastruktur und Ausstattung“, erklärt die Vorsitzende Katja Schaefer-Andrae. Die mobile Kulturstation erweitert durch die Förderung durch LAND INTAKT ihr technisches Equipment sowie das Mobiliar für Seminare und Workshops. Außerdem wird zur Realisation hybrider Formate die Website überarbeitet, ein Blog sowie barrierefreie technische Zugänge werden eingerichtet. Damit wird die Kulturstation digital präsent und ist gerüstet für Zukunftsprojekte.
www.kultur-station.deKulturstation Bad Bevensen auf Facebook

Klangfreude in Barmstedt

In Barmstedt auf der Schlossinsel organisiert die Galerie III regelmäßige Kunstevents mit musikalischem Rahmenprogramm. Um den Dialog zwischen anspruchsvoller Klaviermusik und bildender Kunst zu realisieren und weiter professionelle Musiker*innen einladen zu können, hatte der Verein Fördermittel für ein Klavier beantragt. Das Vorhaben konnte ermöglicht werden. „Durch unser neues Klavier wird ein langer Traum wahr“, freut sich Karin Weißenbacher, Betreiberin der Galerie. Seinen ersten Konzerteinsatz hat das neue Instrument im Oktober 2020 schon absolviert. Der Kulturpreisträger und Jazzpianist Rainer Schnelle brachte das Klavier im Rahmen einer Finissage zum Erklingen.
www.galerie-atelier-3-barmstedt.deGalerie III auf Facebook

LAND INTAKT verzeichnete nach seinem Start am 15. April 2020 innerhalb weniger Wochen eine überaus große Nachfrage bei Akteur*innen aus dem ganzen Bundesgebiet. Das Portal für die Antragstellung musste vorzeitig geschlossen werden. Die Mittel für das Programm wurden daraufhin zweimal durch Kulturstaatsministerin Monika Grütters aufgestockt. Alle förderfähigen Vorhaben konnten ermöglicht werden. Insgesamt werden durch LAND INTAKT fast 150 Projekte in ländlichen Räumen gefördert. Diese sind so vielfältig wie das Wirken und die Arbeit der einzelnen Kulturzentren. Allen gemeinsam ist jedoch ein Gedanke: auch zukünftig die Kulturarbeit im ländlichen Raum zu sichern und weiterzuentwickeln, indem sich Verbündete zusammenschließen und ihr Know-how teilen. Einige Investitionsmaßnahmen sind bereits abgeschlossen, viele befinden sich bis zum Jahresende noch in der Umsetzungsphase.

Das Team von LAND INTAKT wünscht allen weiterhin gutes Gelingen in diesen herausfordernden, besonderen Zeiten!

Fakten

Der Artikel erschien in der Zeitschrift SOZIOkultur zur Thema HÄUSER. Hier die Ausgabe zum Download.

Das ehemalige Reichsbahnausbesserungswerk (RAW) in Berlin-Friedrichshain als sozialer und kultureller Freiraum

2017 feierte das RAW-Gelände seinen 150. Geburtstag. Nach der Wende wurde der Betrieb des Reichsbahnausbesserungswerks nach und nach stillgelegt, ab 1994 lag das 74000 Quadratmeter große ehemalige Industriegelände neben dem S-Bahnhof Warschauer Straße verlassen, bis es Ende der neunziger Jahre zu ganz neuem Leben erweckt wurde, und zwar von Anwohner*innen und Initiativen vornehmlich aus Friedrichshain.Deren Ziel war es, dort ein gemeinsames soziokulturelles Projekt zu schaffen und im Sinne einer „Stadtentwicklung von unten“ aufzubauen und langfristig zu sichern.

Ein Experimentierfeld alternativer Lebensentwürfe

Mit dem RAW-tempel e.V. entstand 1999 ein soziokulturelles Zentrum, das bis Ende 2013 vom Verein verwaltet und durch die Aktiven vor Ort entwickelt und gestaltet wurde. Der ehemalige Industriestandort wurde zu einem Experimentierfeld alternativer Lebensentwürfe, zu einem selbstverwalteten Freiraum für unabhängige Kunst und Kultur und für eine Lebens- und Arbeitsweise, die auf Autonomie, Basisorganisation und Selbsthilfe beruht. Über Vision oder temporäre Manifestation hinweg ist er heute ein zugänglicher physischer Ort, der neben der strukturellen eben die räumliche und damit auch eine soziale Basisbieten will und kann, für Aktivist*innen und Initiativen, für Kunst- und Kulturschaffende – am besten für all jene, die den Anschluss an einen solchen Ort suchen und brauchen.

Uta Kala ist Regisseurin und Theaterpädagogin und kam 2012 als künstlerische Leitung zum Obdachlosen Theater RATTEN 07 und so zum RAW. „Gerade für Menschen, die aus der Obdachlosigkeit kommen, war der Prozess des Verortens von immenser Bedeutung. Es war ihnen möglich, sich hier zu treffen, anzudocken und dabei so zu bleiben, wie sie sind.“ Uta berichtet, dass es kaum Anpassungsdruck gab, das war wichtig.

Wirkungsort für Menschen mit unterschiedlichen Biographien

Der RAW-tempel war Anlaufstelle und gemeinsamer Wirkungsort für Menschen mit unterschiedlichen Biographien. „Für alle Identifikation zu stiften, das war das besondere Potenzial des RAW – so etwas kann nicht jeder Ort leisten“, sagt Uta. Verstetigung und Kontinuität sind dabei elementar für Menschen, um sich sozial zu verorten, aber auch für die vielen ansässigen Kunst- und Kulturschaffenden, die existenziell auf ihre Arbeitsräume angewiesen sind. Bis heute bietet das soziokulturelle Zentrum auf dem RAW kostengünstige Produktionsräume und eine vielfältige und lokal verwurzelte, spartenübergreifende Mischung an kulturellen Nutzungen und Angeboten.

Planungssicherheit braucht auch Olaf Schenkenberg, Geschäftsführer der Vuesch gGmbH, die vor über 20 Jahren als Kollektiv startete und heute Träger des Zirkus Zack auf dem RAW und des Circus Schatzinsel in Berlin-Kreuzberg ist. 400 Kinder und Jugendliche lernen hier Zirkuskünste, daneben sind vielfältige regionale und internationale Projekte und ein großes europaweites Netzwerk entstanden. Ausgangspunkt für all das war und ist das RAW. „Das war die Plattform des Möglichmachens, des Gestaltens und der Netzwerkbildung, großartig. Das wächst und geht von einer auf die nächste Generation über bei Akteur*innen und Kindern. So ein Ort ist identitätsstiftend: Ohne das RAW wäre der Zack nicht der Zack.“ Einige der Kinder, die hier einmal für den Zirkus begeistert wurden, sind jetzt selbst Trainer*innen und Partner*innen des Zack.

Förderung durch Jugend ins Zentrum!

„Ganz vielen Kindern und Jugendlichen sollte der Zugang ermöglicht werden, die in spezifizierte Systeme nicht so leicht reinkommen – um im Machen ihren Platz zu finden.“ Dass es „ein offener Platz für alle“ sei, ist für Olaf die besondere Qualität des RAW. Neben der Vuesch gGmbH machen auch die ansässigen Vereine Drop In, Tune Up und RAW//cc Kinder- und Jugendarbeit auf dem RAW und wurden bereits von „Jugend ins Zentrum!“ gefördert.

Natürlich gab und gibt es Konfliktpotenziale: Kinder sind heute die Schwächsten gegenüber der Dominanz des Mainstreams, der auf dem Gesamtgelände seit Jahren in Richtung Partymeile und Kommerzialisierung geht. Wo es früher geschützt und wildromantisch war, geht es nun ganz anders zur Sache. „Die bestehende Nutzungsstruktur muss kanalisiert werden. Auch wir brauchen Veränderung“, ist Olafs Meinung dazu.

Scheitern und Weitermachen

Der Ort für alle stellt eine offene Struktur vor Herausforderungen. Auch die basisdemokratische Entwicklung bedarf bis heute enormer Leistungen und unzähliger Arbeitsstunden von freiwillig Engagierten. Diese Prozesse brauchen nicht nur viel Zeit und informelle Kommunikation, sie beinhalten auch Reibungsverluste, vor allem angesichts der Vielfalt an Projekten und Menschen mit unterschiedlichen Bedürfnissen. Nicht zuletzt mussten auch die genutzten denkmalgeschützten Gebäude vom Verein durch die Jahre als Bestand erhalten, verwaltet und vermietet werden. Es ist, wie viele andere auch, ein Ort, an dem Überforderung, Selbstausbeutung und Scheitern Teil der Geschichte sind, genauso wie die Solidarität und das Weitermachen.

Nach der Insolvenz des RAW-tempel e.V.2014 haben die Mieter*innen kollektive Einzelmietverträge direkt mit der Eigentümer-Gesellschaft abgeschlossen. Trotzdem konnten sie ihre Selbstorganisation weitgehend beibehalten und sogar ausbauen: In insgesamt drei Häusern bilden sie heute das Soziokulturelle Projektezentrum (RAWSKPZ) auf dem sogenannten Soziokulturellen L. Letzteres umfasst die in einem L angeordneten Gebäude auf dem Westteil des Areals, in denen daneben auch Sportnutzungen und kultur-gastronomische Betriebe verortet sind. 2018 wurde als Bestandteil des übergreifenden Netzwerks die Genossenschaft RAW Kultur L e.G. gegründet. Nun soll das gesamte RAW in einem Bebauungsplanverfahren neu entwickelt werden. Es geht um ein riesiges Filetstück innerhalb des Berliner S-Bahn-Rings, mit internationaler Strahlkraft, mit Potenzial und entsprechender Wertsteigerung. Im Jahr 2014 wurde der Westteil an die Kurth Immobilien GmbH aus Göttingen verkauft. Ungefähr zwei Drittel des Gesamtgeländes kosteten weit über 20 Millionen Euro.

Wie gelingt der Erhalt des RAWs?

Ab 2017 wurden in einem kooperativen Dialogverfahren Empfehlungen für einen konsensfähigen Bebauungsplan erarbeitet – unter Berücksichtigung des Erhalts der sozio-kulturellen Nutzungen. Erfolg und Ergebnis dieses Beteiligungsprozesses werden bis heute kontrovers bewertet und diskutiert. „Kontroversen sind kein Wunder, bei dem Verwertungsdruck, der auf dem Gelände lastet“, sagt Uta Kala. Es gibt verschiedene, auch widerstreitende Interessen und Standpunkte – im weiteren Prozess geht es darum, Mieter*innen und Stadtgesellschaft einzubinden und den verschiedenen Bedarfen und Bedenken Gehör und Geltung zu verschaffen. Gemeinsam ist allen ihr Ziel: der Erhalt des RAWs. Was das bedeutet, bleibt eine bewegende Frage.

Die Soziokultur braucht Zeit, Raum, Selbstbestimmung

„Für mich ist klar: Die Stadt wird sich weiterentwickeln, mit oder ohne uns. Die Soziokultur muss in dieser Stadt, muss auf dem RAW verankert werden“, meint Olaf Schenkenberg. Für den Erhalt sozialer und kultureller Freiräume braucht es Parameter, die in der Stadtentwicklung berücksichtigt werden müssen. Was die Soziokultur braucht, ist keine Frage: Zeit, Raum, Selbstbestimmung, günstige Mieten. Zur Sicherung des Soziokulturellen L wird von den Mieter*innen nun ein Generalmieter-Modell mit der Berliner Treuhandgesellschaft GSE (Gesellschaft für StadtEntwicklung gGmbH) als gemeinsames Dach verfolgt. Auf mindestens 30 Jahre. Plus.

Es wird spannend werden. Das RAW-Gelände wird sein Gesicht verändern.

www.raw-kultur-l.de, www.raw-skpz.de, www.rawcc.org, www.ratten07.de, www.vuesch-ggmbh.de, www.raw.kulturensemble.de

Hier der Artikel zum Download.