Die Alevitische Gemeinde Deutschland K.d.ö.R. (AABF) ist die Dachorganisation der in Deutschland lebenden Alevit*innen und vertritt die Interessen von deutschlandweit 160 Mitgliedsgemeinden. Ziel der AABF ist es, die soziale und gesellschaftliche Teilhabe von Menschen mit Zuwanderungsgeschichte, unabhängig von Herkunft, von kulturellen und religiösen Orientierungen und Zugehörigkeiten zu fördern.

Als Programmpartner des Förderprogramms „Bündnisse für Bildung – Kultur macht stark“ des Bundesministeriums für Bildung und Wissenschaft fördert AABF im Rahmen des Vorhabens „Open Air Culture“ lokale Projekte, die sich künstlerisch mit naturnahen Themen auseinandersetzen bzw. von diesen inspiriert werden. Besonders relevant ist dabei der Einbezug der Lebenswelten der Kinder und Jugendlichen.

Für das Vorhaben „Open Air Culture“ suchen wir ab sofort ein/e Sachbearbeiter*in, in Vollzeit, für unsere Geschäftsstelle in Köln. Die Stelle ist vorerst bis zum 31.12.2025 befristet, mit Option zur Verlängerung um weitere 2 Jahre.

Was sind die Kernaufgaben?

Was bringen Sie mit bzw. was erwarten wir von Ihnen?

Was können wir Ihnen bieten?

HABEN SIE INTERESSE?

Dann freuen wir uns auf Ihre vollständigen und aussagekräftigen Bewerbungsunterlagen, mit Angabe des frühestmöglichen Eintrittstermins!
Ihre Bewerbungsunterlagen richten Sie in einer PDF-Datei bitte an: oezcan.uelger@aabf.de
Kontakt für weitergehende Auskünfte zu der Stellenausschreibung: Leiter Stabstelle Projekte, Özcan Ülger: +49 221 94 98 56-41.

Das Kulturzentrum E-Werk in Erlangen ist seit 1982 ein wichtiger Taktgeber im soziokulturellen Geschehen der Region und gehört mit einer Gesamtkapazität von rund 2.300 Besuchern, 4 Veranstaltungsräumen, einem Kino und einem Biergarten mit Open-Air-Bühne zu einem der größten soziokulturellen Zentren in Deutschland. Etwa 220.000 Besucher erleben bei uns jedes Jahr ein abwechslungsreiches Kulturprogramm von Live-Konzerten über Party-Veranstaltungen hin bis zu Lesungen, Theatervorstellungen und Tagungen. Zudem bieten wir ein vielfältiges Angebot mit Initiativen, Selbsthilfewerkstätten, Beratungsangeboten, kultureller Nachwuchsförderung und unterschiedlichen Projekten. Neben einer eigenen, umfangreichen Gastronomie betreibt das E-Werk einen Kartenvorverkauf, ein Proberaumzentrum und die städtische Kultur-Plakatierung. Als anerkannter Träger der Jugendhilfe ist das E-Werk zudem Träger eines offenen Jugendtreffs sowie der Streetwork Erlangen. Das Kulturzentrum ist Kooperationspartner für viele Initiativen, Vereine und Organisationen und stellt seine Räumlichkeiten auch für Nutzungen durch Dritte zur Verfügung.

Wir suchen ab 01.10.2022 eine

Bereichsleitung Veranstaltungstechnik (w/m/d)

Sie leiten den Bereich Veranstaltungstechnik mit derzeit vier festen Mitarbeitern und drei Auszubildenden. Sie sind für den reibungslosen technischen Ablauf der Veranstaltungen im Haus verantwortlich. Weiterhin koordinieren sie die Zusammenarbeit mit den anderen Abteilungen des E-Werks – insbesondere die enge Zusammenarbeit mit der Betriebstechnik. Personalführung, Dienstplangestaltung, Organisation im Allgemeinen, Ausbildung der Azubis und Sicherheitsfragen sind ebenfalls Bestandteil Ihres Tätigkeitsfeldes sowie die technische Betreuung und Durchführung von Veranstaltungen. Neben dem Fokus auf das Sachgebiet sollten Ihre Entscheidungen auch immer von einer globalen Sichtweise auf das komplette Haus geprägt sein.

Idealerweise bringen Sie mit:

Wir bieten Ihnen:

Die Stelle kann in Vollzeit oder Teilzeit besetzt werden.

Für evtl. Fragen steht Ihnen Herr Drechsler unter der Rufnummer 09131 8005-57 zur Verfügung. Wenn wir Ihr Interesse geweckt haben, freuen wir uns auf Ihre Bewerbung.

Bitte senden Sie die üblichen Unterlagen an:

E-Werk Kulturzentrum GmbH
Herrn Andreas Drechsler
Fuchsenwiese 1
91054 Erlangen

Sie können sich auch gerne per E-Mail bewerben – bitte mit nur einer pdf-Datei an: andreas.drechsler@e-werk.de

150 Kulturzentren in ländlichen Räumen haben vom Soforthilfeprogramm LAND INTAKT, umgesetzt durch den Bundesverband Soziokultur, profitiert. Mit der Bundesförderung wurden dringende Investitionen in den Häusern durchgeführt und die Rahmenbedingungen für Kultur und Partizipation verbessert. Soziokulturelle Angebote und Formate konnten weiterentwickelt und professionalisiert werden. Die Fördermittel in Höhe von 2,76 Millionen Euro, bereitgestellt von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien, kamen deutschlandweit zum Einsatz. LAND INTAKT wurde in den Jahren 2020/2021 umgesetzt und erfolgreich abgeschlossen.

Zielgenaue Förderung – ein Meilenstein für die Umsetzung von Investitionen
Der Förderschwerpunkt bei LAND INTAKT lag in der Durchführung von Maßnahmen zum Bauunterhalt und zur Instandsetzung der Häuser. Die Förderanträge signalisierten deutlich den riesigen Bedarf und bestätigten die Passgenauigkeit des Soforthilfeprogramms. Rund zwei Drittel des gesamten Fördervolumens flossen in diesen Bereich.

Wirkung und Ergebnisse: Kurze Projektlaufzeit – schneller Nutzen vor Ort
Vielerorts konnte ein Beitrag zum Abbau des Investitionsstaus geleistet werden: 12 Kultureinrichtungen haben durch die Sanierung buchstäblich „wieder ein Dach über dem Kopf“, andere konnten alte Fenster und Türen austauschen. Durch den Ausbau von Dachböden und zuvor ungenutzten Räumen ist mehr Raum für die Kultur entstanden. Ob Empore, Probenraum oder Büro – optimiert wurden auch die brandschutztechnischen Voraussetzungen in den Häusern. Nicht zuletzt vereinfachen zeitgemäße Ausstattung und moderne Veranstaltungstechnik die Arbeit der Kulturschaffenden vor Ort. Die maximale Fördersumme lag bei 25.000 je Einrichtung, durchschnittlich belief sie sich auf 15.000 Euro.

Für eine nachhaltige Unterstützung und Verstetigung des kulturellen Lebens in ländlichen Gemeinden!
Die Strahlkraft kultureller Orte auf dem Land ist nicht zu unterschätzen. Kurze Projektberichte, die die vielfältigen Ergebnisse vor Ort in den Blick nehmen, finden sich auf der Webseite in der Rubrik Blog. Ausführlichere Einblicke gibt es hier zu lesen. Und nicht zuletzt lohnt das Anschauen des Kurzfilms, welcher ebenfalls Projekte aus dem gesamten Bundesgebiet  ins Bild rückt.

Ellen Ahbe, Geschäftsführerin des Bundesverbandes Soziokultur:

„Wenn wir von Soziokultur in ländlichen Räumen sprechen, dann haben wir es mit Ideenreichtum, Engagement mit Leib und Seele und einer Vielfalt an Themen, Genres und Zielgruppen zu tun. Soziokulturelle Zentren halten Räume vor, erworbene Immobilien, die häufig mit viel Eigenleistung renoviert und somit einer neuen Nutzung überführt werden. Deshalb freuen wir uns überaus, dass wir mit diesem Projekt das überwiegend ehrenamtliche Engagement durch Investitionen und damit verbundenen ideellen Zuspruch  grundlegend unterstützen konnten.“

Im zeitraumexit in Mannheim ist experimentelle Kunst lebendiger Teil des nachbarschaftlichen Engagements.

Wolfgang Sautermeister wächst im Ländle auf, studiert hier Sonderpädagogik und widmet sich autodidaktisch dem Zeichnen, Malen und Performen. Als er knapp dreißig ist, lockt ihn eine anthroposophische Einrichtung mit einem Jobangebot nach Mannheim. Damit beginnt für ihn herrlich intensives Leben. Die Mannheimer*innen begegnen ihm freundlich, sie sind neugierig, für vieles offen und für manches zu haben. Beruflich darf er experimentieren. Er bekommt Kontakt zur Kunstszene. Bald lernt er Menschen kennen, die ticken wie er. Sie heißen vor allem Gabriele Oswald, Tilo Schwarz und Elke Schmidt.

Kunst, denken sie, gehört weder auf den Sockel noch in den Elfenbeinturm. Jeder und jedem soll sie mehr sein als nur ein abstrakter Anspruch. Nämlich ein sehr persönliches, sehr konkretes Instrument, um sich selbst und verborgene Welten zu erkennen, sich selbst auszudrücken und mit anderen auszutauschen. Wie lassen sich, überlegen die vier, Kunst, Stadtgesellschaft und Alltagsleben miteinander verbinden? Was kann Kunst alles sein, was lässt sich mit ihrer Hilfe zur Synthese führen? Die vier sprühen vor leidenschaftlichem Elan, wollen in Mannheim etwas auf die Beine stellen, brauchen dafür eine Struktur und gründen 1995 den Verein Zeitraum Büro für Kunst, vereinigen sich 2001 mit EX!T Ausgangspunkt Theater. Gemeinsam heißen sie seitdem zeitraumexit.

Wegstrecken

Inzwischen hat sich im zeitraumexit die Crème der experimentellen Kunst die Klinke in die Hand gegeben. Die wundersam spektakulären Ereignisse aus Bildern, Bewegungen, Klängen und Worten ziehen regelmäßig begeisterten Applaus, enthusiastische Presseberichte, anerkennende Kritiken und auch Laudationes für diesen oder jenen Preis nach sich.

Am Anfang jedoch erweisen sich die Türen, die zeitraumexit öffnen will und muss, als durchaus sperrig. Ausdauer und Stehvermögen sind gefragt. Für die Konzepte braucht es eine Unzahl künstlerischer und institutioneller Kooperationspartner*innen mit jeweils ganz unterschiedlichen Denk- und Arbeitsweisen. Unablässige Gänge und Anträge um Finanzen lassen Blasen an den Füßen wachsen und Finger über Tastaturen ermüden. Teilnehmer*innen und Besucher*innen der Projekte halten letztlich das Team immer wieder mit ihrer Faszination bei der Stange.

Großes Krabbeln

2002 hat zeitraumexit sein Quartier noch unter Hinterhofbedingungen im Stadtteil Neckarstadt-Ost. Dort gründen sie in Kooperation mit Hygiene Heute den „Mannheimer Ameisenstaat“. Das heißt: Unterstützt durch die deutsche Ameisenschutzwarte richten sie über mehrere Räume hinweg ein Terrarium ein, in dem Millionen der kleinen schwarzen Gesellen herumkrabbeln und sich ihre staatliche Ordnung schaffen. Das können die Leute beobachten. Sie tun’s erst zögerlich, dann in großer Zahl. Die Insekten bilden die Bühne und Kulisse, um sich gemeinsam ein Bild darüber zu erarbeiten, was menschliche staatliche und gesellschaftliche Ordnungen ausmacht, quer durch die Geschichte bis heute. Dabei wird allerlei auf den Kopf gestellt.

Kunst als Saat

Ameisen haben es leichter als Menschen. Die komplizierte Aufgabe, ihr geregeltes Zusammenleben zu bewerkstelligen, können sie ihren Körpern überlassen. Egal ob es für sie Gründe gibt, Alarm zu schlagen, sich über Nahrung zu freuen oder den Bau zu sichern, sie sondern ein entsprechendes Hormon ab. Das dringt ohne Umwege in all die winzigen Mitbürger*innen ein, so dass sie sofort Bescheid wissen. Menschen hingegen müssen sich einander in ziemlich komplexen Kommunikationsvorgängen mitteilen. Das ist schon schwierig genug, wenn sie sich über Jahrhunderte aneinander, an die gleichen Chiffren und Regeln gewöhnt haben. Denn auch dann sind große Bevölkerungsgruppen nur bedingt mit von der Partie.

Zum Beispiel weil es, wie nicht nur Peter Weiss in der „Ästhetik des Widerstands“ feststellt, nach einem harten Tag körperlicher Arbeit unausdenkliche Mühe bedeutet, sich mit dem klassischen Kanon der sogenannten Hochkultur oder mit den Feinheiten gehobenen Redens abzugeben. Was aber, wenn die hart Arbeitenden, wie hier in Mannheim-Jungbusch, auch noch aus 160 Nationen kommen und mindestens ebenso viele unterschiedliche Vorstellungen davon haben, wie man sich in welcher Situation richtig verhält und mitteilt? Wo diverse Tabus der Communities und Gruppen als Grenzen im jeweils Inneren wie nach außen wirken?

Aus all dem Gesellschaft wachsen zu lassen ist eine Kunst und: Kunst kann dabei wirklich helfen. Ganz so easy wie die cleveren Hormone der Ameisen funktioniert sie nicht. Aber als welches Genre auch immer ist sie so raffiniert verdichtete Kommunikation, dass sie von Blutbahn zu Blutbahn in die fühlenden Bäuche der Menschen gelangen kann, ohne unterwegs über die unterschiedlich besetzten und deshalb leicht missverständlichen Wörter und Begriffe in den Köpfen der beteiligten Menschen zu stolpern. So kann eine Grundvoraussetzung aller Gesellschaft wachsen – Bindung.

Hürden umlegen

Zu dumm, dass ausgerechnet diejenigen, denen Kunst eine große Hilfe sein kann, oft höchste innere Hürden überspringen müssen, um sich auf sie einzulassen. Genau das nehmen Wolfgang und das zeitraumexit eben nicht als unabänderlich gegeben hin. Ob Wolfgang hier mit Jungbuscher*innen ein Projekt durchführt, als Gastprofessor lehrt, psychisch Kranken den eigenen künstlerischen Ausdruck als Weg aus der Sprachlosigkeit öffnet oder ursprünglich fremdelnde Leute verblüfft begreifen lässt, dass sie sich in diesem oder jenem Museum plötzlich heimisch fühlen – mit allem, was er tut, beweist er konkret und praktisch, dass fast jeder Mensch eine ihr oder ihm gemäße Art des Selbst-Ausübens von Kunst finden kann. Es gelingt ihm, die Neugier von Menschen zu wecken, die nie von sich gedacht hätten, dass sie einmal eine Bühne betreten, einen Pinsel oder ein Instrument zur Hand nehmen würden – und: sie zum Mitmachen zu bewegen. Er prägt ihre Leben, positiv.

Manche sprechen ihn noch viele Jahre nach dem ersten Zusammentreffen an. „Was für ein Glück“, bedanken sie sich, „Kunst ist zu einem wichtigen Teil meines Lebens geworden“. Direkt nach Projekten oder Veranstaltungen kommen in den seltensten Fällen Teilnehmer*innen zu Wolfgang, um zu sagen: Wow, was ich heute gelernt habe! Doch er spürt, dass genau das Glück, eben im Moment etwas verstanden zu haben, wozu man auf keine andere Art einen Zugang hätte finden können, dass solches Glück immer wieder geschieht. Wenn es auf ganz spezielle Weise in den Köpfen der Beteiligten klickt, dann teilt sich das mit als intensives Hochgefühl im Raum, als Leuchten in Gesichtern, als besonders berührender Applaus.

Kunst der einfachen Worte

Zusammen mit Gabriele Oswald und Tilo Schwarz verantwortet Wolfgang bis 2016 die künstlerische Leitung des zeitraumexit. Weil sie einen Generationswechsel für wichtig halten und sich auf eigene Projekte konzentrieren wollen, übergeben sie dann die Geschäfte an Jan-Philipp Possmann.

Jan-Philipp kommt mit dem Studium von Theater-, Politik sowie Kulturwissenschaft und mit viel praktischer Erfahrung aus der Arbeit an unterschiedlichen Theatern und Projekten. Seit er in seiner Schulzeit in Frankfurt am Main ein Praktikum im Theater am Turm absolvierte, strebt er nach der Symbiose aus Dramatik, Weltoffenheit und gesellschaftlichem Anspruch, zieht es ihn zu internationalen Produktionen, zum Experiment, zur Straße und zu unbekannten Orten. Unter anderem bei Rimini-Protokoll hat er als Dramaturg, Produktionsleiter und Regieassistent diverse dramatische Stoffe in Szene gesetzt und auf die Bühne gebracht. Er ist es gewöhnt, auf der Höhe des künstlerischen Fachdiskurses mitzureden.

Jetzt heißt es für Jan-Philipp, in Wolfgangs Fußstapfen auf die Jungbuscher Straßen zu gehen, dort Leute anzusprechen, die Einkaufbeutel oder ein Werkzeug in der Hand, die eine Behinderung oder ein Sprachproblem haben oder vielleicht einen kniffligen Familienkrach im Kopf. Ganz normale Passant*innen also soll er dafür begeistern, sich in den Dunstkreis abgefahrenster experimenteller Kunst zu bewegen und dort sogar mitzuwirken. Seine vielen Fachwörter und die angesagten Wendungen der aktuellen Kunstdebatten helfen ihm nun nicht. Hier braucht es einfache Worte für den Sinn von Kunst im ganz normalen Leben. Das ist eine Herausforderung, doch wegen der täglichen kreativen Ungewissheit vor allem aufregend flirrendes Leben.

Lebenselixiere

2017, in Jan-Philipps erstem Jahr als Geschäftsführer, findet das „Mannheimer Erbe der Weltkulturen statt. Zeitraumexit fragt die Migrant*innen der Stadt nach dem, was sie an Wichtigem mitgebracht haben, von dort, wo sie einmal hergekommen sind. Viele stellen etwas vor. Aus der Tatsache, dass sie als zugewanderte Menschen solche Aufmerksamkeit genießen, dass sie mit ihren spezifischen Prägungen, mit ihren Erinnerungen an andere Lebensweisen wichtig genommen werden, entstehen wochenlange Freude und Feiertagsstimmung. Jan-Philipp liebt und genießt das, auch, dass er heute noch, und sei’s beim Friseur, darauf angesprochen wird, wie toll das war. Unvergesslich.

Wie sollte er nicht gern mit seinen Begrüßungsworten für Veranstaltungen oder Ereignisse vorn stehen und in die Vielzahl erwartungsfreudiger Augen blicken. Erfahren, dass ein Neunjähriger aus einer bulgarischen Familie hierher kommt, um offen übers Schwul-Sein zu reden, was bei ihm zuhause ein Tabu ist. Im zeitraumexit an einer Tür vorbeikommen, wo aus der Scheu vor Geigen, Gitarren oder Flöten in popartiger Weise Lust am Musizieren wird. An all dem hängt Jan-Philipp sehr.

Wechsel

Trotzdem geht er. Denn er ist auch erschöpft. Von der geringen Zeit, die ihm für eigene inhaltliche Arbeit bleibt. Die administrativen Aufgaben fressen ihn auf, besonders die niemals nachlassende Notwendigkeit, Fördermittel zu beantragen und Spenden einzuwerben. Davon hängen die Projekte und nicht zuletzt auch die Einkommen des Teams ab. Ihm blutet das Herz, dauernd sehen zu müssen, wie leidenschaftlich engagiert das Team arbeitet und wie schlecht es dafür entlohnt wird. Die Förderungen durch die Stadt Mannheim und das Land Baden-Württemberg ergeben zusammen gerade einmal die Hälfte der Betriebskosten. Zeitraumexit verfolgt nicht das Konzept, möglichst viel Publikum dafür ins Haus zu holen, dass es Künstler*innen zuschaut, zuhört und zahlt. Hier geht es darum, dass viele Einzelne gemeinsame Wege in eigene künstlerische Aktivität und Produktion finden, dass Jungbusch ein liebenswert verbindendes kulturelles Zentrum hat. Der selbst erwirtschaftete Teil des Finanzbedarfs kann deshalb kaum über zehn Prozent liegen.

Künftig wird das zeitraumexit durch zwei Geschäftsführende geleitet. Einen davon gibt es schon. Wolfgang, nach wie vor im Vereinsvorstand aktiv, sagt: „Wer am Ende die oder der Zweite auch sein mag. Er oder sie bringt neue Impulse, neue Nuancen mit. Das hält uns lebendig und jung.“

 

Dieser Artikel ist erschienen in der SOZIOkultur Heft 4/2021 zum Thema NEUE FORMATE.

Das Pilotprogramm zu NEUSTART KULTUR, durchgeführt vom Bundesverband Soziokultur, wurde erfolgreich beendet: 1223 Kultureinrichtungen konnten mit Fördergeldern der Bundesbeauftragten für Kultur und Medien in Höhe von 26,8 Millionen Euro bei der Wiederöffnung nach dem ersten Lockdown und der Aufrechterhaltung von Kulturangeboten während der Pandemie unterstützt werden. In unserem Abschlussvideo haben wir kurzweilig die wichtigsten Zahlen sowie konkrete Beispiele der Umsetzung zusammengefasst.

Im Mai 2020 startete die ehemalige Bundesbeauftragte für Kultur und Medien (BKM) Staatsministerin Monika Grütters das NEUSTART Sofortprogramm als direkte Reaktion auf den ersten pandemiebedingten Lockdown. Es war der Pilot zum milliardenschweren Programm NEUSTART KULTUR, das nun von Staatsministerin Claudia Roth fortgeführt wird.

Der Bundesverband Soziokultur erklärte sich bereit, die dringend notwendige Sofortmaßnahme spartenübergreifend für kleine und mittlere, gemeinnützige und überwiegend öffentliche geförderte Kultureinrichtungen durchzuführen. Gefördert wurden investive Umbau- und Ausstattungsmaßnahmen, um die Ausbreitung der Covid-19-Pandemie zu reduzieren und die Voraussetzungen für die Wiederaufnahme des Betriebs zu schaffen. Die Entwicklung digitaler Vermittlungsformate und der Ausbau technischer IT-Infrastruktur sollte zur Aufrechterhaltung des kulturellen Angebots beitragen.

Nachdem der Bundesverband Soziokultur in Windeseile die Verwaltungsstrukturen und ein digitales Förderportal aufgebaut hatte, wurden bereits Mitte Mai erste Mittel verausgabt und bis Ende des Jahres 2020 sämtliche Mittel ausgezahlt. Das Jahr 2021 stand im Zeichen der Abrechnung der 1223 Verwendungsnachweise.

Das Gesamtfördervolumen von 26,8 Millionen Euro verteilt sich wie folgt auf die drei Förderbereiche: 10,7 Millionen Euro im Bereich Museen, Ausstellungshallen und Gedenkstätten, 8,5 Millionen Euro im Bereich Veranstaltungsorte für Konzert-, Tanz- und Theateraufführungen, 7,6 Millionen Euro im Bereich soziokulturelle Zentren und Kulturhäuser. Zusätzlich brachten die Kultureinrichtungen insgesamt 3,4 Millionen Euro an Eigen- und Drittmitteln ein.

Die bundesweite Verteilung lässt sich anschaulich auf der Förderkarte des NEUSTART Sofortprogramms auf der Website sofortprogramm.neustartkultur.de nachvollziehen. Ausführliche Projektberichte, die lebhaft die diversen Maßnahmen, den Erfindungsreichtum sowie das beeindruckende Durchhaltevermögen der Kultureinrichtungen beschreiben, finden sich auf der Webseite unter #neustartwirkt.

Ellen Ahbe, Geschäftsführerin des Bundesverbandes Soziokultur:
„Der Lockdown im März 2020 hat vor allem die kleineren, oftmals ehrenamtlich geführten Kultureinrichtungen hart getroffen. Die schnelle Bereitstellung von Fördergeldern durch die BKM und die zügige und umsichtige Antragsbearbeitung, Mittelausreichung und Abrechnung im NEUSTART Sofortprogramm konnte 1.223 Museen, Bühnen und soziokulturellen Zentren dabei helfen, ihre Häuser umzubauen und den dringend notwendigen Digitalisierungsschub voranzutreiben. Diese gemeinsame Pionierarbeit von allen Beteiligten in kürzester Zeit bildete die Grundlage für das darauffolgende Förderprogramm NEUSTART KULTUR.“

Kreativ auf gesellschaftliche Herausforderungen zu reagieren, ist der Soziokultur immanent. So wurden besonders im letzten Jahr eine Vielzahl an neuen Formen und Formaten erprobt und entwickelt – die aktuelle Ausgabe der SOZIOkultur stellt diese konkret vor.

Ein Feuerwerk an Ideen machen Open-Air-Formate, hybride und virtuelle Projekte deutlich: Ob Urban-Art-Schatzsuche in Kassel, öffentliche Chorproben in Dresden, Balkonkonzerte in Ludwigshafen oder das digitale Rund-um-Programm des Stadtteilprojekts Light Up! Neunkirchen – vielfach musste nicht nur die Umsetzung der Projekte, sondern auch die Zusammenarbeit der Akteur*innen neu strukturiert werden.

Von Bund, Ländern und Kommunen gefördert, stellten die soziokulturellen Zentren und Initiativen ihre Wendigkeit einmal mehr unter Beweis. Sie experimentierten zwischen technischen, gesellschaftlichen und künstlerischen Herausforderungen und zeigten innovative Wege für die Fortsetzung der Kunst und Kultur während der Pandemie auf.

Das Thema Raum bekam einen neuen Stellenwert. Jochen Molck regt an, die Beziehungen zwischen Nahräumen, öffentlichen und digitalen Räumen neu auszutarieren. Mit seinen Überlegungen gab er den Impuls zur Online-Konferenz von UTOPOLIS – Soziokultur im Quartier. Unter dem Thema „Neue Formate der Stadtteilarbeit“ stand dort die Frage im Mittelpunkt, was künftig spannend für die künstlerische Nachbarschaftsarbeit sein könnte. Das digitale Setting der Konferenz kam bei den Teilnehmenden gut an, denn es war experimentell, spielerisch und somit auch unterhaltsam.

Doch wie absolut, radikal oder relativ ist das Neue in der Soziokultur? Braucht es überhaupt noch mehr Bemühungen um neue Inhalte mit neuen Formaten zu erfassen? Dazu verständigen sich zum einen Susann Köbernick, Newcomerin der Soziokultur aus dem Spreewald, und Andreas Kämpf, Vertreter der Gründergeneration. In der Rubrik „Meinung“ äußert sich Georg Halupczok zu diesen Fragen: Kontinuität sei ausschlaggebend, nicht die oftmals förderpolitisch angeheizte Jagd nach der Innovation. Auch das Bewährte brauche Beachtung.

Das „Porträt“ widmet sich mit zeitraumexit einem Kulturort in Mannheim mit besonderer Programmatik. Dem Team geht es um nichts weniger als die Verbindung von experimenteller Kunst, Stadtgesellschaft und Alltagsleben. Diese selbst gesetzten hohen Ansprüche kontinuierlich zu erfüllen, kostet viel Kraft und Ausdauer, doch zeitraumexit gelingt es in exzellenter Art und Weise immer wieder, die Menschen in der Nachbarschaft zum kunstvollen und aktiven Mitgestalten zu bewegen.

Das und noch mehr lesen Sie in der aktuellen SOZIOkultur.

Der Landesverband Soziokultur Mecklenburg-Vorpommern e.V. feierte im August 2021 sein 30-jähriges Bestehen mit einer Festwoche. Derzeit zählt der Verband 49 soziokulturelle Zentren und Kulturvereine im ländlichen Raum und in den Städten zu seinen Mitgliedern. Das sind Orte der kulturellen Vielfalt, der Fantasie und der kreativen Ideen, Orte voll positiver sozialer Energie, Orte der Toleranz – hier findet Miteinander, Teilhabe, Austausch und gelebte Demokratie statt oder einfach: Soziokultur.

Die Festwoche lud ein, die Soziokultur zu entdecken. Es gab im ganzen Land Veranstaltungen, ein Schwerpunkt lag in Greifswald, da sich die Geschäftsstelle des Landesverbandes dort im soziokulturellen Zentrum St. Spiritus befindet. Auch der im letzten Jahr ausgefallene 30-jährige Geburtstag des St. Spiritus‘ wurde bei dieser Gelegenheit nachgefeiert. Dieses in einem atmosphärischen Denkmal in der Innenstadt beheimatete soziokulturelle Zentrum wurde in der Wendezeit auf einen Beschluss des Runden Tisches hin gegründet. Seitdem befindet es sich in städtischer Trägerschaft.

Der grüne Oberbürgermeister Dr. Stefan Fassbinder kam zur Eröffnung der Festwoche und überbrachte Geburtstagsgrüße und einen großen Dank an alle Akteur*innen der Soziokultur, die Kultur für alle aktiv erlebbar machen. „Soziokultur steht nicht im Duden, ist dennoch unverzichtbar. Kultur nicht nur konsumieren und genießen, sondern gestalten, mitwirken, sich einmischen, sich streiten – Greifswald leistet sich das und das muss auch so bleiben“, so Dr. Fassbinder.

Festakt mit Ministerin Bettina Martin

Vor seinem Grußwort spielte die Ska-Punk-Band KRACH den Song „Ich bin noch da – wir sind noch da“ – ein gutes Auftakt-Motto zum Feiern einer lebendigen Soziokultur in Mecklenburg-Vorpommern nach 30 Jahren – und nach 18 Monaten Pandemie. Eine Ausstellung im St. Spiritus präsentierte das reiche künstlerische Schaffen seiner Kurse. An den weiteren Tagen der Festwoche gab es Kindertheater, Konzerte, Kurse, einen Filmabend mit Diskussion zur Klimakrise, Lesungen, Diskussionen zu Widerstand und Sophie Scholl. Den Höhepunkt bildete ein Festakt am 13. August, zu dem auch die Kultusministerin des Landes Bettina Martin anwesend war, außerdem die Geschäftsführerin des Bundesverbandes Soziokultur Ellen Ahbe sowie Kooperationspartner*innen, Politiker*innen und Vertreter*innen der Verwaltung und die Mitglieder des Landesverbandes.

Förderpreis Soziokultur an radio 98eins e.V.

Ministerin Bettina Martin würdigte die Soziokultur und stellte die weitere Unterstützung durch das Ministerium in Aussicht. Das ist eine wichtige Aussage, denn diese fast hundertprozentige Unterstützung durch das Land sichert die Geschäftsstelle und die Projektmittel. Die Ministerin verlieh auch den Förderpreis in Höhe von 1500 Euro, den der Landesverband Soziokultur alle drei Jahre auslobt. Die Entscheidung fiel der Jury nicht leicht, denn es hatten sich viele engagierte Vereine und Projekte beworben. Die Wahl fiel auf radio 98eins e.V.

Das lokale Bürgerradio für Greifswald und Umgebung ist ein Standort des Offenen Kanals der Medienanstalt Mecklenburg-Vorpommern. In zwei mit moderner Technik ausgestatteten Studios können interessierte Menschen selbst Radio machen. Gesendet wird täglich zwischen 19 und 23 Uhr auf der UKW-Frequenz 98,1 MHz sowie rund um die Uhr im Livestream. Etwa 30 Ehrenamtliche gestalten mit Leidenschaft und Engagement ein spannendes Programm mit Musiksendungen, Literatur- und Kulturtipps, gesellschaftspolitischen Themen, Talkrunden, lnterviews und Livekonzert-Mitschnitten.

Kultur auch in der Corona-Zeit erleben

In der Corona-Zeit hat sich radio 98eins besonders eingebracht, um Kultur weiterhin erlebbar zu machen. So entstand das Format „Radiokonzert“ mit wöchentlichen Konzert-Liveübertragungen in Ton und Bild. Ob die „Fête de la Musique“, die „Kulturnacht“, Lesungen, Poetry Slam, Performances oder Festivals – der Verein stand für alle Anfragen von Künstler*innen und Kultureinrichtungen offen und hat ehrenamtlich viele Extrastunden mit dem Übertragen, Aufnehmen und Schneiden der Sendungen verbracht. Dadurch konnte in der Region gerade in einer Zeit ohne Treffen und Veranstaltungen ein lebendiges Kulturprogramm gesendet werden – und das nicht nur digital, sondern im guten alten Medium Radio.

Nach der Förderpreisübergabe dankte Elle Ahbe in ihrer Rede auch den drei Geschäftsführerinnen dieser drei Jahrzehnte Soziokultur in Mecklenburg-Vorpommern: Gudrun Negnal, Ulrike Hanf und Andrea Döteberg, die den Landesverband entscheidend prägten. Zum Abschluss gab es ein Konzert der finnlandschwedischen Band Bubbeli & the Runeberg Orchestra, das der Verein Nordischer Klang beisteuerte, der jährlich das größte Kulturfestival der nordischen Länder außerhalb dieser in Greifswald veranstaltet. Die Reggaeklänge passten perfekt zu dem Sommerabend und luden auch zum Tanzen – auf Abstand und mit Maske – ein.

Geballtes „Schwarmwissen“ im Reiseführer

Ein besonderes Geschenk zum Geburtstag bereitete sich der Verband selbst: Dank einer Sonderförderung des Landes präsentiert ein frisch gedruckter Reiseführer auf 180 Seiten geballtes „Schwarmwissen“ – die Orte der Soziokultur in Mecklenburg-Vorpommern und weitere kulturelle und landschaftliche Geheimtipps der Mitglieder.

Dazu wurden auch gleich zwei Touren angeboten: Am 12. August wurde zu einem kurzweiligen soziokulturellen Stadtspaziergang in Greifswald eingeladen, vier Mitglieder stellten sich vor, kulturelle und kulinarische Überraschungen säumten den Weg. Der Verein BoddenFolk forderte zum Mittanzen auf, im Funkhaus von radio 98eins konnten Jingles eingesprochen werden, beim Nordischen Klang gab es nordische Sounds und Selbstgebackenes und im Kultur- und Initiativenhaus STRAZE warteten nach der Hausführung ein Minikonzert und ein Abend im Biergarten.

Soziokulturelle Landpartie im „Kultursommer 2021“

Soziokultur im ländlichen Raum konnte man am 15. August bei einer soziokulturellen Landpartie erkunden. In Anklam, Broock und Lubmin warteten spannende Entdeckungen, Livemusik begleitete die Bustour. Sehr schön war, dass Ellen Ahbe und Claudia Ballschuh vom Bundesverband mit von der Partie waren. Im Demokratiebahnhof Anklam wurde in einem Spiel erfahrbar, dass gemeinsames Handeln ein gutes Miteinander erfordert. Das Kunstlabor im Tollensetal des Kulturvereins Schloss Brook hatte als Überraschung ein spontanes Konzert monogolischer Sängerinnen organisiert – die Weite des vorpommerschen Dorfes und der mongolischen Steppe haben ja auch Parallelen und in Mecklenburg-Vorpommern muss man bei einer solchen „vollen Packung Kultur“ auf alles gefasst sein.

 

Die Erkundungen durch die Soziokultur in Stadt und Land wurden im Rahmen des Projektes Kultursommer 2021 durch den Landkreis Vorpommern Greifswald aus Mitteln der Bundeskulturstiftung gefördert. Ein großer Dank für die Organisation der Festwoche geht an die Geschäftsführerin des Landesverbandes Andrea Döteberg.

Dieser Artikel erschien in der SOZIOkultur Heft 3/2021 zum Thema FRAUEN.


Weitere Informationen:

Manchmal fügt es die Geschichte einfach wunderbar. In Köln-Mülheim zeigt sie Sinn für produktive Ironie. Um die Beschäftigten der Rüstungsbetriebe und deren Angehörige im Zweiten Weltkrieg am Leben zu halten, wird in der Berliner Straße ein Hochbunker errichtet. Er ist jetzt als Kulturbunker Treff- und Ausgangspunkt kulturellen Reichtums. Seine Geschäfte führt Sevgi Demirkaya.

Kein dolce vita

Sevgi wird in Malatya im Südosten der Türkei geboren. Als die boomende deutsche Autoindustrie um Gastarbeiter wirbt, ergreift Sevgis Vater die Chance. Ihre Eltern können sich lange nicht entscheiden, wo sie bleiben wollen. Wie viele Kinder ihrer Generation lebt Sevgi als Kofferkind erst in der Türkei, dann in Deutschland, wieder in der Türkei und schließlich ganz in Deutschland. Das und die neue Sprache erschweren den Bildungsweg. Sie schafft das Abitur und lernt bis dahin viel mehr als das Schulwissen. Als kurdische Aleviten sind ihre Eltern zwar liberaler als viele andere Einwandererfamilien, aber das traditionelle Rollenverständnis bleibt Streitthema. Sevgi darf nicht auf Klassenfahrten, nicht ausgehen, keinen Freund haben. Die schwierigsten Auseinandersetzungen um ihre Rechte müssen Frauen mit ihren Allernächsten führen, in der Familie. Die Eltern schwanken zwischen Tradition und Realität.

Sevgi behauptet sich und setzt sich schließlich durch. Zu Beginn ihres Studiums der Wirtschaftswissenschaft zieht sie aus. Um die gerade aufscheinenden Möglichkeiten der IT nutzen zu können, schließt sie einen Aufbaustudiengang in IT-Mediengestaltung an. Sie macht sich selbständig als Öffentlichkeitsberaterin für deutsche und türkische Unternehmen, die die Einwanderercommunities verstärkt in den Blick nehmen wollen.

Wandlungen

Richtig still wird es nach Kriegsende im Hochbunker nie. Bald nach dem Krieg nutzt man ihn als Hotel, dann für Proben, Konzerte, Theater, Kino, Ausstellungen, Tanz. Immer wieder wird hier etwas saniert, dort etwas umgebaut. Die Mülheimer*innen brauchen dringend einen Raum für öffentliches Kulturleben. Doch alle Versuche zeigen: Der Betrieb des Bunkers für Stadtteilkultur funktioniert auf Dauer privatwirtschaftlich nicht. Was sich kommerziell viel eher rechnet, sind Veranstaltungshallen, die mehrere Tausend Besucher*innen fassen. Davon hat Mülheim gleich drei. Viele Plätze also für zahlendes Publikum, aber keine Orte, an denen die Mülheimer*innen miteinander ihr eigenes Ding machen können. Aus einer Kulturinitiative heraus, die genau das will, gründet sich 1991 der Verein Kulturbunker e.V. Nach sechs Jahren haben sie den Kölner Rat so weit, dass er den Umbau zum Kulturbunker beschließt. Es entstehen ein neuer Treppen-aufgang, ein Ateliergeschoss, Seminar- und Büroräume sowie der Anbau eines Cafés. 2000 findet die Eröffnung des Stadtteilkulturzentrums statt.

Zu dieser Zeit studiert Vera Krämer, die heute Veranstaltungsmanagement, Presse- und Öffentlichkeitsarbeit sowie Vermietungen verantwortet, gerade Kulturwirtschaft in Passau. Sevgi wohnt noch in Wuppertal, wo es ihr aber zu eng wird. Sie findet endlich im rechtsrheinischen Stadtteil Mülheim eine Wohnung.

Fürs Veedel

Die Arbeitslosigkeit liegt im Viertel mit knapp 13 deutlich über den 7,5 Prozent der Gesamtstadt. Jede*r dritte Einwohner*in ist Ausländer*in. Der Verein muss und will einen Spagat schaffen zwischen dem ständigen kritischen Umgang mit der Geschichte des Orts und den alltäglichen kulturellen Bedürfnissen der Mülheimer*innen. Ehrenamtlich und geduldig arbeitet der Verein für einen lokalen Kulturort mit offenen Türen und niedrigen Schwellen. Die Eintrittspreise müssen aufgrund der Sozialstruktur gering sein. Gleichzeitig sollen diese Einnahmen aus Vermietungen und die Gewinne aus dem Cafébetrieb das Kulturprogramm finanzieren. Das Kulturamt stellt lediglich die Mittel zur Unterhaltung des Baus zur Verfügung. Trotz der schwierigen Bedingungen reicht die Ausstrahlung des Programms bald weit über den Stadtteil hinaus.

Bevor es sich ergibt, dass Sevgi Veranstaltungen besucht, läuft sie oft am Bunker vorbei, ohne den Betonklotz bewusst als einen Ort der Kultur zu registrieren. Das ändert sich ungefähr zu der Zeit, als Vera im Kulturbunker angestellt wird. Vera fühlt sich dort sofort unendlich wohl. Sie liebt es, wenn mit unterschiedlichen Formaten das ganze Haus bespielt wird. Die Hörspielmesse, das Kneipenhopping der Mülheimer Nacht!

Kultur als Sozialfall

Ende 2012 muss die Stadt sparen. Das Kulturamt beschließt, sich auf die „professionelle Kunstszene“ zu konzentrieren. Das „semiprofessionelle Veranstaltungsprogramm“ des Kulturbunkers passt ihm nicht mehr ins Konzept. Ab 2013, informiert es, soll die Förderung des Bunkers entfallen, ersatzlos. Empörung bricht aus. Es kommt zu Demonstrationen, Unterschriftensammlung, Solidaritätsfest und viel kritischer Presse.

Parallel dazu stellt die Kämmerei fest, dass Köln bei einer Schließung 300 000 Euro Fördermittel zurückzahlen muss. Der Kulturbunker bleibt schließlich, jedoch aus dem Sozialbudget bezuschusst. Die Botschaft: Elitentaugliche Kunst verdient Kulturförderung, der Stadtteilkultur gewährt man Sozialhilfe.

Innere Erweiterung

Im Viertel leben Menschen, die sind aus Japan oder Ostpreußen, Griechenland oder Korea, Marokko oder Polen, Brasilien oder Schlesien, Portugal oder Ghana, Vietnam oder der Türkei oder von noch anderswo gekommen. Mehr als die Hälfte der Einwohner*innen hat eine Migrationsgeschichte.

Das spiegelt sich nicht in den Besucher*innen des Bunkers wider, stellt der Verein fest und will das ändern. 2014 bittet er deshalb Sevgi, im Vorstand mitzuarbeiten, zwei Jahre später übernimmt sie die Geschäftsführung. Die einhergehenden Veränderungen stellen auch den Verein auf die Probe. Einigen wird das Programm buchstäblich zu bunt. Sevgi arbeitet unermüdlich an Konzepten und schreibt Anträge. Mit doppeltem Erfolg. Der Kulturbunker erhält Projektfördermittel. Die Besucher*innen und Nutzer*innen kommen aus breiteren Bevölkerungsgruppen und ihre Zahl nimmt zu – bis zur Pandemie steigt sie auf das Vierfache.

Heimat und Zukunft

Als Horst Seehofer Anfang 2018 das Innenministerium in Heimatministerium umbenennt, ist das keine schöne Überraschung. Nicht nur Sevgi, auch viele Mitstreiter*innen und regelmäßige Kulturschaffende und Künstler*innen erkennen die Absicht: Seehofers Heimat meint sie nicht als Mitwirkende, sondern als Hinnehmende. Das nehmen sie aber gerade nicht hin, sondern machen es selbst viel besser: Der Kulturbunker wird zum „Mülheimer Heimatministerium – Zentrum für Heimat, Gemeinschaft und Kulturen“. Das Land NRW fördert das dreijährige Projekt. Hier verschaffen sich die Akteur*innen erst einen Überblick, welche Heimaten die Mülheimer*innen so alles mitgebracht haben. Dann erforschen sie die Gegenwart dieser Heimaten im Viertel, um im dritten Schritt zu überlegen, wie sie daraus gemeinsam Zukunft gestalten können.

Heimat jetzt

Das Kulturleben, das Miteinander im Kulturbunker, zieht immer mehr Menschen an und erzeugt Wünsche an das Programm, steigenden Bedarf an neuen Projekten. Die wollen konzipiert und finanziert werden. Projektförderung bedeutet wie überall in der Soziokultur auch für Sevgi und Vera zusätzliche unbezahlte Arbeit. Von der haben sie mehr als genug. Sie brauchen Verstärkung im Team.

Die Räume des Kulturbunkers werden zunehmend für eigene Veranstaltungen benötigt und deshalb seltener für kommerzielle Events oder private Feste vermietet. Hochzeiten zum Beispiel. Da ist es schon vorgekommen, dass eine 16-Jährige verheiratet werden soll, dass Männer oben im großen Saal und gleichzeitig die Frauen von ihnen getrennt unten im kleinen Gruppenraum feiern sollten. Mit solchen Kollisionen zwischen dem eigenen Selbstverständnis und den traditionellen Bräuchen mancher Gruppen konnte und kann im Kulturbunker nicht abstrakt umgegangen werden. Die Neugestaltung des Programms ist immer mit Konflikten verbunden. Die verschwinden nicht durch aufgeschriebene Formulierungen. Sie lassen sich nur von Angesicht zu Angesicht, im ganz konkreten Hier und Jetzt wirklich lösen.

Sevgi erweist sich für den Verein Kulturbunker e.V. als Glücksgriff. Sie besitzt aus Lebenserfahrung neben Gefühl auch Kraft in den Fingerspitzen.

 

Dieser Artikel ist in einer ausführlicheren Fassung erschienen in der SOZIOkultur Heft 3/2021 zum Thema FRAUEN.


Weitere Informationen:

Seit nunmehr 35 Jahren ist das Haus Felsenkeller ein Ort für innovative Bildungs- und Kulturangebote und ein Treffpunkt für unterschiedliche Gruppen und Initiativen, vom Lesben- und Schwulenstammtisch über Jagdpächter und NABU bis zu Freiwilligendiensten oder Trommelgruppen mit Teilnehmer*innen aus ganz Deutschland.

Das Haus selbst ist ein ehemaliges Hotel am Rande der Kleinstadt Altenkirchen im Westerwald, umgeben von einem großen naturbelassenen Grundstück – ein ungestörtes Gelände am Waldrand für die unterschiedlichsten Aktivitäten.

Über Pionierarbeit in Altenkirchen – Engagement für ein lebendiges Umfeld

Was wir hier Mitte der 1980er und Anfang der 1990er Jahre begonnen haben, war in dieser ländlichen Region innovativ und Pionierarbeit für unterschiedlichste Themen, Inhalte und Formate. So gab es bei uns Jazztanz- und Bauchtanzkurse, wir zogen mit den ersten Computern in die Dorfgemeinschaftshäuser und boten für Frauen Kurse am Vormittag an, wenn neben den Kindern Zeit dafür war, oder trafen uns dort zu Frühstücksrunden mit Diskussionen und Vorträgen.

Auch mit unseren Kulturangeboten zogen wir in die Dorfgemeinschaftshäuser, um die Schwelle für den Besuch dieser neuartigen Angebote wie Kabarett, Kleinkunst oder Musik aus anderen Ländern möglichst niedrig zu halten. Im Haus gab es den Restaurantbetrieb mit einem legendären Sonntagsfrühstück – etwas, was hier völlig unbekannt war und schon damals den Anspruch einer Vollwertküche hatte.

Soziokulturelle Angebote und berufliche Qualifizierung in naturnaher Umgebung

Im Haus gibt es inzwischen statt der Jazz- oder Bauchtanzgruppen Yoga- oder Qi-Gong-Angebote, aber auch unterschiedliche berufliche Weiterbildungen. Seit der Corona-Zeit wird, soweit möglich, das Gelände für Kurse genutzt. Der Übernachtungsbereich wird – inklusive der Selbstversorgerküche – von Teilnehmer*innen der überregionalen Bildungsangebote und häufig von bis zu 30 Freiwilligen aus Nordrhein-Westfalen belegt, die hier ihre Seminarwoche abhalten und Haus und Gelände beleben.

Vornehmlich in den Sommerferien toben 50 Grundschulkinder zwei Wochen lang über das Grundstück, bauen im Wald Hütten, machen Schnitzeljagden, spielen auf der Wiese Fußball oder erstellen künstlerische Werke. Senioren halten im Kneipp-Verein ihre Tanzstunde im Bewegungsraum ab, Hochzeitsgruppen nutzen Vollwertrestaurant und Gelände. Es ist immer was los im und ums Haus.

„Wir lassen uns nicht unterkriegen!“ Herausforderungen und Chancen im ersten Lockdown

Umso schrecklicher war der Lockdown, vor allem im Übernachtungsbereich, der fast eineinhalb Jahre geschlossen war. Es war plötzlich still im und ums Haus herum – sehr still. In der ersten Zeit durfte ja nicht einmal etwas auf dem Gelände stattfinden. Wir nutzten die Zeit dennoch intensiv, um zum Beispiel für den Übernachtungsbereich die notwendigen Brandschutzauflagen baulich umzusetzen: Wir ließen Türen in die Außenwände einsetzen, Treppenaufgänge wurden mit brandsicherem Material abgedichtet, neue Zwischentüren für den Rauchschutz eingebaut und vieles mehr – es gab genug zu tun. Dazu kam der Anbau der über LAND INTAKT finanzierten zwei Außenfluchttreppen. Eine fast fünfjährige Odyssee durch den Dschungel an Brandschutzvorschriften hat dadurch ein Ende gefunden. Die Umsetzung dieser Maßnahme ermöglicht uns nun eine sichere Weiterführung des Betriebes.

Eine neue Webseite und Sanierung des Außengeländes

Im Herbst 2020 waren wir fertig und hätten wieder starten können, aber mit dem erneuten Lockdown kam es anders. So folgten weitere Anträge auf Unterstützung für den Übernachtungsbereich und ein Antrag im Rahmen von NEUSTART KULTUR „Programm“, der es uns ermöglichte, eine neue Internetseite mit einer umfassenden Anmeldesoftware zu erstellen, Know-how vor Ort zu schulen, uns neue Bildungsangebote im Online-Bereich zu überlegen und dafür entsprechende Referenten zu finden.
Durch eine Förderung über NEUSTART KULTUR „Zentren“ konnten wir zusätzlich unser Außengelände so sanieren, dass es für Aktivitäten im Freien besser nutzbar sein wird. Wir waren und sind mehr als gut beschäftigt und haben keine Zeit, den Kopf hängen zu lassen, obwohl uns oft danach zumute war.

Der Kulturbereich des Felsenkellers ist seit 2008 in einem eigenständigen Verein mit Sitz in der Stadt aktiv. Er bietet im Haus Felsenkeller nur noch selten Veranstaltungen an, weil die Räume zu klein sind und das Restaurant verpachtet ist, aber er war durch die Pandemie natürlich ebenso betroffen. Das alle zwei Jahre stattfindende kulturelle Highlight für die Region ist das „Spiegelzelt“, das Ende August bis Mitte September 2020 wieder in der Stadt aufgebaut werden sollte. Bereits mindestens 50 Prozent der Karten waren verkauft und doch musste es schweren Herzens auf 2021 verschoben  werden – zum Glück wussten wir damals noch nicht, dass es auch in diesem Jahr nicht würde stattfinden können. Nun kam zu der Sorge um den Bestand der nur über Projektmittel geförderten Vereine noch die Not: Wie nehmen wir Kontakt zu unserem Publikum, zu unseren Teilnehmer*innen auf?

Open Air-Veranstaltung im Sommer und erneuter Lockdown im Winter

Hatte der Bildungsbereich die Möglichkeit, schon bald die ersten Online-Angebote für den einen oder anderen Kurs durchzuführen, war dies im Kulturbereich nicht so einfach. Live-Veranstaltungen durften nicht stattfinden und die Technik für Aufnahme und Streaming besaßen wir noch nicht. Also organisierte der Kulturbereich des Felsenkellers im Sommer 2020 ein dreitägiges Open Air auf dem Schloßplatz der Stadt, um dem Publikum, so gut es ging, wenigstens etwas Kultur und den Künstler*innen Auftrittsmöglichkeiten zu bieten. Beide Seiten waren gleichermaßen begeistert und nahmen das Angebot dankbar an.

Für Veranstaltungen im Herbst und Winter hatte der Kulturbereich eine ehemalige Kaufhausetage angemietet, sie entsprechend umgestaltet und eingerichtet. 4000 Quadratmeter boten reichlich Platz für sichere Veranstaltungen – so glaubten wir. Nachdem die Genehmigungsverfahren abgeschlossen, die Reinigung erledigt und alles fertig aufgebaut war, wurden Künstler*innen verpflichtet und Programme gedruckt, es sollte endlich losgehen. Zwei Stapel vorverkaufte Karten lagen bereit und es kam – ein neuer Lockdown und damit erneut die Notwendigkeit, alle Veranstaltungen zu verschieben. Bis auf einige wenige war das Publikum zum Glück im Großen und Ganzen verständnisvoll.

Es geht weiter! Feier zum 35-jährigen Jubiläum

Doch das 35-jährige Jubiläum des Zentrums sollte gefeiert werden!
Für die Monate Juli bis September  2021 organisierte der Kulturbereich deshalb 35 unterschiedlichste Kulturangebote, von Konstantin Wecker und Pippo Polina über Lisa Eckert und Jess Jochimsen bis hin zum Kindertheater und regionalen Künstlern. Alle Veranstaltungen fanden Open Air statt, glücklicherweise mit einem großen Zeltdach, sonst wäre in diesem Sommer viel ins Wasser gefallen. Aber der Besuch war insgesamt – selbst bei bekannteren Namen – eher verhalten. So sind wir gespannt, wie das Publikum in nächster Zeit Veranstaltungen annehmen wird, die wieder in den Innenräumen stattfinden.

Der Felsenkeller hat sich verändert und wird es weiter tun, durch den Generationenwechsel in der Leitung des Bildungsbereiches und, noch bevorstehend, in der Kultur, durch neue Strukturen und durch die Förderungen durch LAND INTAKT und NEUSTART KULTUR. Ohne diese Mittel hätten wir all das nie stemmen können – bei aller Bereitschaft zu viel Eigenleistung. So war diese Pandemie auch eine Chance und wir sind gespannt, was die Zukunft uns bringen wird.

Frauen waren in der Soziokultur von Beginn an tatkräftig beim Aufbau von Einrichtungen wie auch bei der Entwicklung von Landesstrukturen dabei – auch in verantwortlichen Positionen. Davon zeugen die Ergebnisse unserer Recherche bei den Landesgeschäftsstellen zur Situation der Frauen seit der Gründung der Landesverbände bis heute. Es ergab sich ein interessantes Bild.

In ähnlicher Weise, wie sich seit Jahren in der regelmäßig erhobenen Statistik des Bundesverbandes ein ausgewogenes Bild der Beschäftigung von Frauen auch in Entscheidungsfunktionen präsentiert, hat – nach den erhaltenen Rechercheergebnissen – die Entwicklung der Landesverbände stattgefunden. So wurde ein Landesverband – Mecklenburg-Vorpommern– Anfang der 90er Jahre von Frauen angestoßen und aufgebaut und bis heute besetzen Frauen dort in der Überzahl wichtige Positionen. Komplett anders stellt sich die Situation in Thüringen dar. Dort vergrößerte sich sowohl auf Landes- wie auf Zentrenebene der Frauenanteil in den vergangenen Jahrzehnten allmählich. In Hamburg, Rheinland-Pfalz und Schleswig-Holstein waren Frauen aktiv in verantwortlichen Positionen bereits an der Verbandsgründung beteiligt und im Vorstand oft in der Überzahl. Auch andere Landesverbände, zum Beispiel Niedersachsen, hatten die gleichberechtigte Besetzung von wichtigen Positionen von Beginn an deutlich im Fokus.

Frauenförderung in der Soziokultur

Nordrhein-Westfalen startete sogar ein Unterstützungsprogramm – einen Frauenförderplan, der von der Mitgliederversammlung der Landesarbeitsgemeinschaft soziokultureller Zentren Nordrhein-Westfalen (LAG NRW) als verbindliche Grundlage für alle Mitgliedszentren verabschiedet wurde. Dieser Frauenförderplan entstand als Reaktion auf die Ergebnisse der ersten bundesweiten empirischen Erhebung, die in Kooperation mit dem Bundesverband 1992 erarbeitet wurde. Darin wurden detailliert Arbeitsfelder, die Ausprägung von Beschäftigungsverhältnissen und die Präsenz von Frauen in Entscheidungsfunktionen in soziokulturellen Zentren erfragt. Auf Basis der Auswertung der Umfrage führte die LAG NRW in Zusammenarbeit mit dem Bundesverband 1995 in Essen eine „Frauenkulturbörse“ durch. Ab 1996 praktiziert sie mit dem „Auftrittsnetzwerk Frauenkultur“ eine direkte Künstlerinnenförderung in Nordrhein-Westfalen. Das 1991 eingerichtete, als eingetragener Verein aktive und vom Land finanzierte Frauenkulturbüro NRW e.V. widmet sich seit nunmehr 30 Jahren der Frauenförderung. In ähnlicher Mission unterwegs ist das seit 2004 laufende Mentoringprojekt der LAG Soziokultur und Kulturpädgogik in Rheinland Pfalz – hier vor allem für bildende Künstlerinnen.

Seit den 1970ern in entscheidenen Positionen

Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass in der Soziokultur – im Gegensatz zu anderen Kulturbereichen – Frauen auf kommunaler und Landesebene in vielen Bundesländern von Beginn an in wichtigen Entscheidungsfunktionen dabei waren. In den letzten Jahrzehnten haben sie auch auf Bundesebene mehr Mitbestimmung erreicht. Seit mehr als 20 Jahren sind Frauen als Geschäftsführerinnen des Bundesverbandes Soziokultur tätig, seit mehr als zehn Jahren bringen sie sich verstärkt im Vorstand ein und wirken gleichberechtigt auf Bundesebene mit. Dies ist nur folgerichtig, wurden doch zahlreiche soziokulturelle Einrichtungen bereits seit Ende der 1970er Jahre von und mit feministischen Initiativen gegründet. In vielen Zentren gab es von Beginn an spezielle Angebote für Frauen und Mädchen. Vielfach gibt es diese bis heute – erweitert auch für Frauen mit anderen kulturellen Hintergründen und Fluchterfahrungen. Gerade vor diesem Hintergrund ist das heute genauso wichtig wie in den Gründungsjahren der Soziokultur.

Die ganze Ausgabe der Zeitschrift SOZIOkultur zum Thema FRAUEN finden Sie hier.