Am Anfang des Elchtests

Vertreter*innen des kargah e.V. mit Banner des Bündnisses „Menschenrechte grenzenlos“, Foto © D. Czepurny

Die Demokratie muss lernen, mit noch größerem Stress umzugehen. Dazu leistet die Soziokultur wichtige Beiträge.

„Auf Hoher See“ heißt ein Theaterstück von Sławomir Mrożek. Ohne Nahrung und ohne Land in Sicht klammern darin ein Schmächtiger, ein Mittlerer und ein Dicker an Floßplanken und am nackten Leben. Ihnen bleibt nur der kannibalische Weg. Sie verrenken sich in aberwitzigen Argumentationen, um eine Mehrheit zu bilden, welcher von ihnen – sachlich und sittlich begründet – den beiden anderen geopfert werden soll. Eigentlich sonnenklar, dass den potenziell Verbleibenden der größte Vorteil, die längste Frist entsteht, wenn der Schmächtige und der Mittlere den Dicken schlachten. Das tun sie nicht. Es scheint absurd. Aber indem sich der Mittlere und der Dicke gegen den Schmächtigen verbünden, folgen sie einer starken Verhaltenskonstante. Menschen orientieren sich am gesellschaftlichen „Oben“. Der Soziologe Norbert Elias zeigte genau dies als treibenden Impuls der soziokulturellen Evolution. Dazu gibt es den archaischen Reflex, alles Fremde zunächst einmal zu fürchten. Im Konfliktfall wandelt sich diese Furcht in Abwertung und Ablehnung. Das Fremde wird ausgegrenzt.

 

Die Unsicherheiten werden absehbar zunehmen, die Konfliktlagen und Ängste auch.

 

Jemanden in der gesellschaftlichen Hackordnung unter sich zu wissen, bietet nicht wenigen Ersatz für souveränes Selbstbewusstsein. Die Demokratie, deren existenzieller Sinn ja im Schutz der Schwachen vor der Willkür und dem Unrecht der Mächtigen besteht, ist nichts ein für alle Mal Errungenes. Sie hat immer starke psychosoziale Antagonisten. Solange alles einen einigermaßen ruhigen Gang geht, tragen die Grundwerte, funktionieren die Institutionen der Demokratie, fällt Gastfreundschaft leicht – besonders für zahlungsfähige Tourist*innen. In ungewissen Zeiten nimmt die evolutionär mühsam erlernte Solidarität mit schwachen Fremden ab, so weit, dass radikalisierte Psychopathien sich immer wieder in rassistischen Mordorgien entladen. Die Kraft der Grundwerte und potenziell auch die der Institutionen schwindet.

Reminder

Wir befinden uns mitten in grundstürzenden Umbrüchen. Deren Dimension überblicken wir nur in Ansätzen. Seit Jahren sprechen Wissenschaftler*innen und Analyst*innen der europäischen Thinktanks von komplexen, multiplen Systemkrisen. Das heißt: Die interagierenden und interdependenten zentralen Subsysteme der Gesellschaft – Wirtschaft/Landwirtschaft, Finanzen, Soziales, Gesundheit/Pflege – bewegen sich jedes für sich und in ihrem Zusammenspiel krisenhaft. Parallel dazu gerät die Menschheit an den Rand des unvermeidlichen ökologischen Kollapses, verlieren internationale Institutionen des Völkerrechts und der Interessenverhandlung an Autorität. Produkt- und Produktivitätsentwicklungen schaffen in wachsender Geschwindigkeit immer neue Tatsachen. Die Unsicherheiten werden absehbar zunehmen, die Konfliktlagen und Ängste auch. Wir sind mit den zentralen sozioökonomischen und psychosozialen Voraussetzungen konfrontiert, unter denen im vorigen Jahrhundert der Faschismus zur Herrschaft kam. Politikern wie Trump, Johnson, Gauland oder gar Höcke von Populisten zu reden, ist die Untertreibung des jungen Jahrhunderts. Sie sind bedenkenlose Eskalateure von Konflikten.

Pulverfass

Das Beispiel Thüringen zeigt blitzlichtartig den Hochstress der Demokratie. Schon aufgrund ihrer weitest gehenden Abwesenheit im Land können Geflüchtete und Migrant*innen gar nicht der Grund für niedrige Renten, für fehlende Ärzte, Dorfkneipen, Bankfilialen oder für Mängel im öffentlichen Nahverkehr und Bildungssystem sein. Sie werden von der extremen Rechten als Ventil oder Sündenböcke instrumentalisiert, von zu vielen bereitwillig als solche angenommen. Nicht selten zieht man die DDR- Vergangenheit als Ursache dieser Neigung heran, manche auch die Deindustrialisierung. Kaum bedacht wird der gleichzeitig stattgefundene radikale Austausch nicht nur er politischen, sondern auch der fachlichen Eliten. Neben den Berufsbiografien erfuhren die erworbenen Ausbildungen durchgreifende Abwertung. Eine solide Ausbildung konstituiert im Osten wie im Westen das Selbstbewusstsein. Keine taugliche zu besitzen bedeutet den absoluten sozialen Abstieg. Das schrieb sich ins Langzeitgedächtnis der ostdeutschen Soziotope ein. Genau solche Vorgänge stehen nun für die nähere Zukunft der gesamten Bundesrepublik bevor. Die Digitalisierung, vor allem die künstliche Intelligenz befinden sich erst am Anfang. Außerhalb der unmittelbar humanzentrierten Bereiche erübrigen sie massenhaft Arbeitsplätze und entwerten sie unzählige Ausbildungen, ohne dass sofort – oder für viele jemals – Ersatz zur Verfügung stehen kann. Deutschland hat es versäumt, die Jahre der Hochkonjunktur für eine Umsteuerung hin zu Wirtschaftskreisläufen zu nutzen, die durch Regionalität gekennzeichnet sind und durch eine Konjunktur, die sich hauptsächlich auf innennachfrage stützt. Die deutsche Wirtschaft ist überproportional in globale Wertschöpfungsketten verflochten. Sie erweist sich deshalb im Blick auf die amerikanisch-chinesische Wirtschaftspolitik oder auf Ereignisse wie den Brexit und das Coronavirus störanfällig.

Zusätzlich wachsen die durch Armut, Klima und Kriege verursachten weltweiten Wanderungsbewegungen an. Und beim sozial-ökologischen Umbau, dessen Unterstützer*innen sich endlich mehren, handelt es sich auch im Gelingensfall um keinen Spaziergang, sondern um einen mindestens komplizierten, reibungsvollen Umbau von Wirtschaft und Infrastruktur bei laufendem Betrieb. Ganz zweifellos werden die Unsicherheiten und Ängste in der Gesellschaft in neue Höhen schnellen.

 

Über die Existenz der Demokratie entscheidet am Ende ihre Konfliktfähigkeit.

 

Hinsehen

Der Ramelow-Verhinderungstrick löste wunderbar heftige Reaktionen auf den Straßen und im politischen System aus. Bei den Rechtsextremen handelt es sich spürbar um eine Minderheit, der die Vielen leidenschaftlich gegenüberstehen. Dennoch zeigte sich an dem Vorfall deutlich, dass Gewöhnung an nationalistisches Gedankengut sich über das rechte Spektrum hinaus in die Gesellschaft geschlichen hat. Am Abend des fünften Februar ergab eine Blitzumfrage: 61 Prozent der FDP-Wähler*innen wollen von Fall zu Fall entscheiden, ob mit den Höckes & Co. kooperiert wird. Mehrere CDU-Mandatsträger*innen plädieren für eine Normalisierung des Verhältnisses zu ihnen. Faschistoide Parolen werden als lässliche Sünden verharmlost. In einigen thüringischen Orten sehen Bürger*innen mehrheitlich schulterzuckend den zahlreicher stattfindenden Rechtsrockkonzerten zu. An deren Rand finden völkisch-martialische Wettkämpfe statt und organisiert sich strategisch der politische Nazismus. Hier wird die Bereitschaft zu der physischen Gewalt vorgeführt, die die als Populisten verniedlichten Eskalateure provozieren.

Schwierige Übergänge

Über die Existenz der Demokratie entscheidet am Ende ihre Konfliktfähigkeit. Mehrere Faktoren deuten darauf hin, dass diese in den vergangenen Jahrzehnten beeinträchtigt wurde und neu erworben werden muss. Die Veränderungen in den Reaktionsweisen und der Landschaft der Medien bilden nur eine von mehreren Ursachen. Verhandlung von Konflikten setzt zweierlei zwingend vor- aus: zum einen emotional reife, sozial kompetente Streitpartner, zum anderen soziale Strukturen und Räume, in denen die notwendige Kommunikation stattfindet. Mit dem Industriezeitalter verbunden ist die von Soziologen so genannte Massengesellschaft. Sie geht in den westlichen Zivilisationen  seit  der  zweiten  Hälfte  des 20. Jahrhunderts immer schneller in hochdifferenzierte, hochkomplexe Gesellschaften über. Die Gewerkschaften, die Parteien und auch die Kirchen waren die strukturell großen „Tanker“, in denen während der Massengesellschaft die Kommunikation und Aushandlung der gesellschaftlichen Streitfragen entscheidend stattfanden. In den vergangenen zwanzig, dreißig Jahren haben sich die Mitgliederzahlen der Gewerkschaften, der CDU/CSU, der SPD sowie der Kirchen fast halbiert. Die Ausgeschiedenen finden sich nur zum sehr kleinen Teil in anderen Parteien und so gut wie nicht in neuen Vereinen wieder. Deren Anzahl ist zwar gestiegen, dies aber mit der gleichen Gesamtsumme aktiver Mitglieder. So sind in großem Umfang Kommunikationsbahnen und -räume abhandengekommen, bislang ersatzlos.

Verluste an Kommunikationspotenzialen entstehen unter anderem auch aus der Binnenwanderung. Junge Erwachsene hat es schon immer in Städte gezogen. Anders als bis vor etwa dreißig Jahren kehren sie aber nicht mehr in die ländlichen Gemeinden zurück. Familienbande lockern sich. Mit der Infrastruktur von Gesundheits- und Bildungswesen, Handel, Gastronomie und Banken gehen in dünn besiedelten Gebieten die letzten Begegnungsorte außerhalb der eigenen vier Wände verloren. In den Problemquartieren der Metropolen gibt es sie oft nur noch als vermüllte Sitzgelegenheiten im öffentlichen Raum.

 

Die Soziokultur verfügt damit über Schlüsselkompetenzen für das Gelingen von Demokratie.

 

Die digitale Kommunikation bietet freilich völlig neue Möglichkeiten. Mancher zähe, langwierige demokratische Entscheidungsprozess lässt sich mit ihrer Hilfe erfreulich verkürzen. Als historisch blutjunge Erscheinung befindet sie sich aber noch in der Testphase. Mit Begleiterscheinungen wie eskalierenden Echoräumen, in Lügen und Nonsensschwemmen ertrunkenen Fakten,  hate  speeches  ….  Auch  wenn  viele  der  Kinderkrankheiten eines Tages überwunden sein sollten: Das Internet kann die direkte Kommunikation nicht ersetzen. Orte und Strukturen für eine den ausdifferenzierten und komplexen Gesellschaften adäquate Auseinandersetzungskultur müssen noch gefunden werden. Das Engagement für sogenannte Dritte Orte ist ein wichtiger Schritt.

besonders geeignet

Das erfolgreiche Verhandeln echter Konflikte verlangt den Teilnehmer*innen bei allem Durchsetzungswillen immer Empathie, also emotionale Reife, und soziale Kompetenz ab. Treffen unterschiedliche Kulturen, Generationen und soziale Milieus aufeinander, stellen vorprogrammierte Kommunikationsunfälle und Missverständnisse besondere Herausforderungen dar. Mit ihren Prinzipien der Augenhöhe, der tatsächlich gleichberechtigten Partizipation und Teilhabe schafft die Soziokultur seit ihren ersten Tagen eine Atmosphäre von fühlbarer Würde und gegenseitigem Respekt. Sie verfügt damit über Schlüsselkompetenzen für das Gelingen von Demokratie. Wie die anderen Akteure des Kulturbereichs auch arbeitet sie mit Kunst und eröffnet so deren besondere Dimensionen des Selbstausdrucks, der Weltwahrnehmung und emotionalen Vermittlung. Allerdings wendet sie sich nicht hauptsächlich an ein zahlungsfähiges Publikum, sondern an Teilnehmer*innen. Unsere ersten Urmütter und -väter nutzten künstlerische Mittel als Methode, sich ihrer Gemeinschaft zu vergewissern. Sie bewegten sich rhythmisch, koordinierten Rufe und Geräusche, waren gemeinsam gleichzeitig die Produzent*innen und Rezipient*innen von Kunst. Die Trennung in Künstler*innen und Publikum ist später eine der zahlreichen gesellschaftlichen Arbeitsteilungen. Viele Einrichtungen der Soziokultur heben in ihren Projekten diese Trennung wieder auf. So entfalten künstlerische Prozesse ihre stärkste gesellschaftsbildende Kraft und vielleicht das intensivste zu erreichende gegenseitige Verständnis.
Unverzichtbar.

Vertreter*innen des kargah e.V. mit Banner des Bündnisses „Menschenrechte grenzenlos“, Foto © D. Czepurny