Rheinland-Pfalz, 5.9.2012

Kulturszene soll enger zusammenrücken

Im Westerwald-Städtchen Altenkirchen feierte am Wochenende eine Institution ihren 20. Geburtstag, die in der breiten Öffentlichkeit weniger bekannt sein dürfte als die Mehrzahl ihrer derzeit gut zwei Dutzend Mitglieder: die Landesarbeitsgemeinschaft (LAG) Soziokultur und Kulturpädagogik Rheinland-Pfalz. Unter dem sperrigen Namen sind Einrichtungen vereint wie Koblenzer Kulturfabrik oder Jugendkunstwerkstatt, Mainzer KUZ, Trierer Exzellenzhaus und Tuchfabrik; daneben in kleineren Orten und in der Fläche etwa das Bell-vue Bell/Hunsrück, das Jugenkulturzentrum Lahnstein, die Kunstwerkstatt Bad Kreuznach oder das Haus Felsenkeller Altenkirchen.  

Vielfach handelt es sich dabei um Gründungen aus den 1980er-Jahren. Unter widrigen Bedingungen von engagierten jungen Leuten als Alternative zum etablierten Kulturbetrieb auf die Beine gestellt, wurden die Initiativen damals von Lokalpolitik und Mehrheitsgesellschaft oft misstrauisch bis feindselig beäugt. Heute indes sind sie als Kultureinrichtungen im Interesse des Gemeinwohls allgemein anerkannt, wenngleich den großen Hochkultur-Dampfern längst nicht gleichgestellt. Ihr Angebot an ganz unterschiedlichen Veranstaltungen, vor allem ihre praktische Arbeit für und mit Kindern, Jugendlichen, auch Erwachsenen - nicht zuletzt aus bildungsfernen Milieus - wird als wertvoller Beitrag zu Kulturmix und Bildungsangebot in den Städten und auf dem Land verstanden.
 
 „Jeder Mensch ist ein Künstler“ (Joseph Beuys), „Kultur für alle“ (Hilmar Hoffmann), „Kultur ist ein unverzichtbares Lebensmittel“ (Rose Götte): Diese Maximen haben in der sogenannten soziokulturellen Bewegung des späten 20. Jahrhunderts, zu der die besagten Einrichtungen gehören, ihren wohl unmittelbarsten Niederschlag gefunden. Doch so wertvoll die soziokulturelle Arbeit war und ist, das Ringen um Anerkennung, finanzielle Förderung, inhaltliche und organisatorische Weiterentwicklung war mühsam, ist es bis heute. Weshalb sich in vielen Bundesländern Soziokulturzentren zu Gemeinschaften zusammenschlossen zwecks gegenseitiger Unterstützung und Inspiration, zwecks gemeinsamer Weiterbildung sowie Öffentlichkeits- und politischer Lobbyarbeit.
 
So kam es im Oktober 1992 auch zur Gründung der rheinland-pfälzischen LAG. Deren anfangs ehrenamtliche Koordinationsstelle in Koblenz hat sich seither zum gewichtigen Kulturbüro Rheinland-Pfalz gemausert, unter anderem mit einem breiten Service- und Weiterbildungsangebot für die gesamte Kulturszene. Es darf als typisch für die stets inhaltlich diskussionsfreudige Soziokultur-Bewegung gelten, dass der 20. Geburtstag der LAG nicht nur mit Festreden und großer Fete gefeiert wird. Das zwar auch, aber erst nach einer Diskussionsveranstaltung zu einem aktuell die Kulturlandschaft umtreibenden Thema. „Kulturpolitik für die Zukunft – Zwischen Markt und Subvention – Umbau statt Abbau“.
 
Im Altenkirchener Spiegelzeit sollten vor dem Hintergrund des jüngst heftig umstrittenen Buches „Kulturinfarkt“ dessen Mitautor Stephan Opitz mit Gerd Dallmann von der LAG Soziokultur Niedersachsen und dem Mainzer Kulturstaatssekretär Walter Schumacher in den Clinch gehen. Die eigentlich erwartete scharfe Kontroverse mochte allerdings nicht entbrennen, so sehr Moderator Thomas Leif auch mit bissigen Fragen zündelte. Opitz hielt nicht an der provokanten Buch-Forderung fest, man solle die Hälfte der staatlich subventionierten Kunsttempel dicht machen. Dallmann ließ sich nicht auf die alte Frontstellung ein, die Hochkultur werde gemästet, während die Soziokultur verhungere.
Möglicherweise spiegelt das weitgehend friedvolle Dahinplätschern der Debatte die inzwischen eingetretene Lage: Hochkultur und Soziokultur sehen sich immer weniger als Gegensatz, gar als Gegenspieler oder Feinde. Vielmehr verstärken seit einigen Jahren die etablierten Kunstinstitutionen deutlich ihre Anstrengungen auf soziokulturellen Feldern: Theater, Museen, Orchester legen Mitmachprojekte und Kinder- und Jugendprogramme auf, ziehen in Schulen und Stadtteile. Bisweilen bauen sie dabei auf Kooperationen mit erfahrenen Akteuren der Soziokultur-Bewegung.
 
Umgekehrt stoßen Letztere in zunehmenden Maße auch bei den Etablierten auf offenere Ohren und Türen. Weshalb einer der interessantesten Vorschläge in Altenkirchen lautete: Die Kulturakteure sollen insgesamt mehr miteinander machen und sich um „strategische Partnerschaften“ bemühen, inklusive vermehrter Nutzung der hochgerüsteten Infrastruktur der großen Kulturdampfer durch die permanent unterfinanzierten Soziokultur-Einrichtungen. Ein überlegenswerter Anstoß, vor allem vor diesem Hintergrund: Wenn Hochkultur und Soziokultur sich in einen Verteilungskrieg gegeneinander treiben lassen, verlieren am Ende beide – und es gewinnt die weder der Kunst noch dem Sozialen noch dem Bildungsauftrag verpflichtete Eventkultur.                                                              

Beitrag: Andreas Pecht