Definition soziokulturelles Zentrum

27 Millionen Menschen besuchen jährlich bundesweit Veranstaltungen in Kulturzentren, -häusern oder -läden, in Stadtteilzentren oder Bürgerhäusern. Und die Tendenz ist weiter steigend. Die wenigsten Besucher und Nutzer sind sich dabei bewusst, dass die Einrichtungen, in denen sie ein vielfältiges Kulturangebot erleben, soziokulturelle Zentren sind. Was verbirgt sich eigentlich hinter dieser Bezeichnung?

Soziokulturelle Zentren sind grundsätzlich Kultureinrichtungen. Die Konstituente "Sozio-" verweist darauf, dass über diese Einrichtungen Kultur und Kunst eng mit der Gesellschaft (dem Sozium) verknüpft werden. Der kulturelle Wirkungsanspruch reicht folglich in viele Arbeitsbereiche hinein, die nicht im klassischen Sinn zum Kulturbereich gehören, wie Kinder- und Jugendarbeit, Bildung, Soziales, Siedlungsentwicklung und Umwelt.

Der besondere Wert der Verknüpfung liegt nicht in der möglichst großen Vielzahl unterschiedlicher Arbeitsfelder, sondern in der Art und Weise, wie diese miteinander und mit der Lebenssituation vor Ort in Beziehung gesetzt werden.

Darüber hinaus sind soziokulturelle Zentren auch „Dienstleister“ in einem Stadtteil, einer Stadt oder Region. Sie überlassen kulturell, sozial oder politisch tätigen Vereinen, Gruppen und Initiativen Räumlichkeiten und technische Infrastruktur, stellen Proben- und Produktionsmöglichkeiten für Musik- und Theatergruppen sowie Ateliers für KünstlerInnen und andere zur Verfügung. Außerdem gehört zu fast allen Einrichtungen ein offener Kommunikationsbereich mit Gastronomie. Wichtige Merkmale sind auch der große Einsatz von ehrenamtlichen HelferInnen (rund 60% der Aktiven).

Ursprünglich aus selbst verwalteten Kommunikationszentren, Kulturläden oder Bürgerhäusern entstanden, bildeten sich erst im Laufe der Jahre feste institutionelle Strukturen heraus. Heute befinden sich die Zentren in sehr unterschiedlichen Trägerschaftsformen: von Vereinen über freie Trägerschaften, private GbR, Stiftungen oder gemeinnützige GmbH, bis hin zu einigen (wenigen) kommunalen Eigenbetrieben. Wobei eine freie Trägerschaft selten als Nachteil angesehen wird, denn auf diese Wiese erhält sich der Betrieb „soziokulturelles Zentrum“ ein hohes Maß an Selbstorganisation.

Die finanzielle Förderung erfolgt - in den einzelnen Bundesländern unterschiedlich - institutionell oder projektbezogen. Sie obliegt zumeist den Kommunen und Ländern. Weitere Finanzmittel fließen aus Stiftungen und Fonds (z.B. Fonds Soziokultur). Daran schließt sich die Europäische Union und letztlich der Bund an. Der Anteil der Einnahmen durch Sponsoring ist im Durchschnitt sehr gering.

 

Geschichte
 
Anfang der 70er Jahre entstanden die ersten soziokulturellen Zentren im Zusammenhang mit den neuen sozialen Bewegungen. Sie wurden gegründet als Selbstverwaltete Kommunikationszentren, Kulturläden oder Bürgerhäuser, vielfach gegen den politischen Widerstand von Parteien und Kommunalverwaltungen. Auch als Antwort darauf schlossen sich 1979 in Wilhelmshaven bundesweit Einrichtungen zur Bundesvereinigung sozio-kultureller Zentren zusammen.
 
In ihrer Entstehungsphase wollten soziokulturelle Zentren Modell sein für andere gesellschaftliche Arbeits- und Lebensformen. Ihr Selbstverständnis fand Ausdruck in Begriffen wie "Alternativkultur", „Gegenkultur“ und „Gegenöffentlichkeit“ zum bürgerlichen Kunstbetrieb, sie wollten sich bewusst absetzen von den traditionellen Kulturinstitutionen und klassischen Kunstformen.
 
In den neuen Bundesländern indes beschritten soziokulturelle Zentren einen anderen Weg. Einrichtungen der ehemaligen DDR-Breitenkultur, Kulturhäuser, Jugendclubs u.ä. aber auch Initiativen, die sich in der unmittelbaren Umbruchzeit gründeten, suchten nach Perspektiven oder strebten nach Vergleichbarkeit mit der westdeutschen Praxis. Bestehende Strukturen wurden aufgelöst und es entstanden nichtstaatlich getragene Einrichtungen, deren Schwerpunkt sich von den alten Bundesländern zum großen Teil durch einen hohen Anteil der außerschulischen kulturellen Kinder- und Jugendbildung unterscheidet. Künstlerische Nachwuchsförderung und eine enge Zusammenarbeit zwischen Zentren und Kirchen zeigen die Traditionslinien der DDR-Kulturpolitik und deren breitem Verständnis von Kultur auf. Der Großteil der soziokulturellen Einrichtungen in Ostdeutschland entstand nach der Wende.
 
Heute sind soziokulturelle Zentren - unabhängig von veränderten gesellschaftlichen Ansprüchen, individuellen Standortwechseln und plakativen Begrifflichkeiten - integraler Bestandteil der Kulturlandschaft in Ost und West. Sie bieten ihrem Publikum ein genreübergreifendes und lebensraumnahes "365-Tage"-Veranstaltungsprogramm, leisten einen Beitrag zur Förderung des künstlerischen Nachwuchses in den Sparten Theater, Musik, Literatur, Film und bildender Kunst und ermöglichen breiten Bevölkerungsschichten die aktive Teilhabe am kulturellen und politischen Leben.
 
Oft wurden und werden etablierte soziokulturelle Einrichtungen selbst Standortfaktoren und Impulsgeber: Menschen ziehen in eine Region, weil es dort eine lebendige Kulturszene gibt – Nachbarorte lassen sich anstecken.
 
Im Laufe der Jahrzehnte erfuhren soziokulturelle Zentren Veränderungen wie kaum eine andere Kulturinstitution. Die Anpassung an konkrete regionale und lokale Erfordernisse und die sozial, kulturell, ökonomisch oder durch den demografischen Wandel bedingten Veränderungen der Zielgruppen und ihrer Bedürfnisse sind wesentliche Bestandteile eines soziokulturellen Zentrums und haben einen vielschichtigen, facettenreichen Kulturbereich hervorgebracht.
 
Die Ergebnisse der Umfrage der Enquête-Kommision zeigen, dass die Anerkennung soziokultureller Zentren weiter zunimmt und die in ihnen praktizierten besonderen Zugänge zu Kultur und deren Vermittlungsformen, die aus ihrer Entstehungsgeschichte resultieren, dabei nicht an Bedeutung verloren, sondern – über die eigene Arbeit hinaus – viele Anregungen für andere Kulturinstitutionen gegeben haben.
 
 
Tätigkeit
 
In soziokulturellen Zentren findet man eine bunte Mischung aus kulturell-künstlerischen Angeboten, Veranstaltungen, Bildung und Beratung, sozialem Engagement, sowie Begegnung und Kommunikation. Meist befinden sich mehrere Vereine unter einem Dach, denn soziokulturelle Einrichtungen werden meist von vielen Leuten getragen, egal in welcher Trägerschaft sie letztendlich vorkommen.
Das Geschehen vor Ort hebt sich vor allem auch dadurch ab, dass soziokulturelle Zentren keine „Einpunkt-Häuser“ sind: Im Konzept eines jeden soziokulturellen Zentrums sind 50% aller Sparten und Bereiche enthalten. „Hin und Wieder“, einmalig, kontinuierlich - auch die Angebotsformen können dabei sehr variabel sein (Kurse, Workshops, Seminare, etc.). Eine häufig auftauchende Form sind z.B. zeitlich und thematisch begrenzte Projekte, die meist einen großen Bezug zur Aktualität haben.

Soziokulturelle Zentren bieten Raum für das Erleben der eigenen Kreativität jedes Einzelnen - und lassen auch Platz zum Scheitern.
Da bauen Kinder mit Hilfe von KünstlerInnen und HandwerkerInnen unter Anleitung der ZentrenbetreiberInnen eine Stadt aus Schrott; da können Jugendliche mit Migrationshintergrund Ihr Talent im Deutsch-Rap professionalisieren; dort treffen die SeniorInnen der Geschichtswerkstatt auf die neue Jugendband der Region und die Stadtteilgruppe trifft sich gleich nach dem „Frauenfrühstück“ ... Nirgends sonst findet sich solch eine programmatische Vielfalt der Angebote wie in den soziokulturellen Zentren. Das wiederum ist Prinzip der Arbeit eines soziokulturellen Zentrums. Also: Vielfalt aus Prinzip!
 
 
Die soziokulturellen Zentren betätigen sich mit unterschiedlicher Akzentuierung heute vor allem
  • in der Kinder- und Jugendarbeit (Kinderläden, offener Bereich, Hausaufgabenhilfe, Kreativkurse, Ferienfreizeiten, Berufsvorbereitung und -ausbildung, Beratung, Beschäftigungsprojekte, offene Werkstätten)
  • in der Stadtteilarbeit, (Stadtteilzeitung, Stadtteilfeste, stadtentwicklungspolitische Initiativen, Zusammenarbeit mit BürgerInnen-Initiativen, Vereinen und Schulen)
  • in der Programm- und Veranstaltungsarbeit (Theater, Kabarett, Musik, Ausstellungen, Lesungen, Kino, Disco- und Tanzveranstaltungen)
  • in der SeniorInnenarbeit (Kreativ- und Gesundheitsvorsorgekurse, soziale Versorgung, Geschichtswerkstätten, Tanzveranstaltungen, Buchausleihe)
  • in der Geschlechtergerechtigkeit/Frauenarbeit
  • in der inter-, trans- und multikulturellen Arbeit
  • in der Ökologie und dem Umweltschutz
  • in der Bildungsarbeit und politischen Arbeit (Seminare, Workshops, Bildungsurlaube, Diskussionsveranstaltungen, Sprachkurse)
  • in der Arbeit mit MigrantInnen,
  • in der Sozialarbeit und Lebenshilfestellung (z.B. Rechts- und Gesundheitsberatung)
  • und in der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit.
 
Aus der Vielfalt der individuellen Fähigkeiten, der regionalen Traditionen, der jeweiligen Finanzierungsmöglichkeiten, aber auch aus der unterschiedlichen MitarbeiterInnenstruktur und der sozialen und altersmäßigen Zusammensetzung der NutzerInnen hat sich eine heterogene Zentrenlandschaft mit unterschiedlichen Angeboten entwickelt, die sich einer abschließenden Verallgemeinerung entzieht.