Baden-Württemberg

„I show you“ - Ein Musikprojekt mit Geflüchteten

Kurz vor acht ist im Foyer des E-WERKs in Freiburg die Hölle los – so viele Menschen allen Alters, aller Hautfarben und Herkünfte sind gekommen – ob alle Einlass finden werden? Der Saal mit dreihunderachtzig Plätzen sieht schon voll aus, aber die Besucher stehen noch bis auf die Straße. In allen Sprachen summt es, Deutsch, Arabisch, Urdu, Französisch, Englisch, afrikanische Sprachen und der Tee, den es heute umsonst gibt, ist beliebter als das Bier an der Theke.

Die Abendkasse kämpft noch, aber dann ist es geschafft, alle haben Platz gefunden und es geht los. Es wird ein langer Abend, so viele verschiedene Musiker stehen heute auf der großen Bühne. Manche sind Berufsmusiker, wie die vier, die sich zur I show you-Band zusammengeschlossen haben: Der coole Konrad Wiemann an den drums, der gelassene Ben Krahl am Bass, der differenzierte Ahmed Abdelali an der Oud und der energiegeladene Jan F. Kurth, der musikalische Leiter nicht nur dieses Abends sondern des ganzen Projekts.

Diese vier sind seit Ostern 2015 durch Freiburgs Flüchtlingswohnheime gezogen und haben Workshops gegeben, haben mit den internationalen Schülern der Caritas-Schule gekocht, gegessen und Musik gemacht und haben so einige musikalische Talente entdeckt. Zum Beispiel Porya, einen jungen Mann, der auf Farsi rappt und zwar nicht von Flucht und Vertreibung, die er erlebt hat, sondern von der ersten Liebe und dem ersten Verlassen, den ganz normalen Themen, die ihn und seine Altersgenossen bewegen. Sie haben den syrischen „Männergesangsverein“ Kulub Saghira mit Hani Hassan, Alaa Aldin Alswid, Fadhi Mhawesch und Maher Youssef aufgebaut, die textsicher und mit großem Gesangstalent sehr poetische Texte in eindrucksvoller Inszenierung aufführen werden.

Die monatelange Arbeit in den Wohnheimen hat sich gelohnt, war aber voller Überraschungen: „Nichts ist planbar, alles ist flexibel“ ist Jan F. Kurths Fazit aus dieser Projektphase. Darauf muss man sich einlassen und das hat der Freiburger Vokalartist, Musiker und Musikpädagoge mit Haut und Haar getan. Zu einem Termin, den die Sozialarbeiter dankenswerter Weise publik gemacht haben, kommen beispielsweise acht afrikanische Frauen und nur zwei Männer. Am folgenden Dienstag dagegen ist keine Frau mehr dabei und es sind mehr arabisch sprechende Leute als Afrikaner.

Die Lieder, Rhythmen, Wünsche und Träume, die sie mitbringen, sind auch sehr unterschiedlich, dies zeigt sich auch an diesem Samstag im E-WERK: Es ist ein äußerst bunter Abend geworden und nicht allen gefällt alles. Wenn die syrischen poetischen, an Arabesken reichen Melodien erklingen, gähnen manche junge Afrikaner im Publikum und gehen schon mal eine rauchen. Als die entfesselten jungen Drummer und Tänzer von Terricafó loslegen und die weiten Hosen rutschen, verdrehen so manch’ höfliche arabische Leute die Augen. Bemerkenswert aber ist, wie der ganze Abend von einer großen Solidarität aller Menschen so vieler Nationalitäten getragen wird. Die Laune bleibt ausgesprochen gut. Dazu trägt natürlich zum einen Jan F. Kurth als geübter Showbizzer bei, aber es ist nicht die Show, sondern die überragende musikalische Qualität, die das Publikum mehr als zwei Stunden auf den Sitzen fesselt.

Zu Gast in Freiburg ist auch das Haz'art-Trio mit dem syrischen Ney-Spieler Mohammed Fityan. Seine Virtuosität und konzentriertes Spiel verzaubert den Saal, der in diesen Minuten mucksmäuschen still ist. Am Vormittag erzählt Mohammed Fityan, der selbst erst vergangenes Jahr aus Syrien geflohen ist, bei der Podiumsdiskussion zum „Tag der deutschen Vielfalt“, bewegend von seiner Flucht, von seiner Odyssee durch die deutschen Flüchtlingswohnheime, aber auch vom Glück, als Musiker durch seine internationalen Kontakte nach Deutschland gekommen zu sein und hier nun sicher leben zu können.

Seit sieben Jahren veranstaltet das E-WERK an jeden 3. Oktober diesen Tag, an dem diskutiert wird, Filme gezeigt werden, Theater gespielt, Musik gemacht, aber auch getanzt und gefeiert wird. 2013 war der Filmemacher Moussa Touré aus dem Senegal zu Gast, dessen Film „La Pirogue“ ein bedrückendes Zeugnis der vielen Menschen ist, die im Mittelmeer teils den Tod gefunden haben, teils mit letzter Kraft das rettenden Europa erreicht haben – von ihnen wurden nicht wenige zurückgeschickt. Noch 2013 haben wir zwar alle durch Medienberichte davon gewusst, aber wenige haben sich klar gemacht, dass so viele Menschen eines Tages wirklich in Deutschland und anderen europäischen Ländern ankommen würden.

Als wir 2013 über die Fluchtursachen aus dem Senegal und anderen Ländern diskutierten, über Frontex und die EU-Poltik verzweifelten, waren wir damit in unseren soziokulturellen Zentren noch ziemlich alleine. Ende 2014 legte der Innovationsfonds Baden-Württemberg eine Förderlinie für Kulturprojekte mit Flüchtlingen auf. Im Nachdenken, welches Projekt dafür geeignet sein könnte, fragte ich Jan F. Kurth, ob er sich vorstellen könnte, so ein Projekt musikalisch zu leiten. Sehr viele Besucher des Abends am 3. Oktober 2015 waren glücklich darüber, dass er zugesagt hat und der Innovationsfond unser Projekt gefördert hat. Leider wurde das Folgeprojekt nicht genehmigt, bitter für uns, dass wir die Beziehungen zu den nun auftrittshungrigen Geflüchteten nicht fortführen konnten. Sie haben mit ihrer Show gezeigt, was sie für Talente besitzen, versprühen Lebenslust und haben uns allen Mut gemacht.

Immerhin, eines werden wir mit Hilfe einer kleineren Förderung der Stadt Freiburg tun können: Einen Chor von Geflüchteten und Deutschen aufbauen, der am nächsten „Tag der deutschen Vielfalt“ am 3. Oktober 2016 auftreten wird.

 Text: Laila Koller

 

I SHOW YOU 03.10.2015 um 20.00 Uhr im E-WERK zum „Tag der deutschen Vielfalt“

Projektleitung: Laila Koller

Musikalische Leitung: Jan F. Kurth

Mit I SHOW YOU-Band und Workshops: Jan F. Kurth (Gesang, Leitung), Ahmed Abdelali (Oud), Ben Krahl (Bass), Konrad Wiemann (Schlagzeug) und Ephraim Wegner (Klanginstallation).

Haz’art-Trio: Fadhel Boubaker, Jonathan Sell und als Gäste: Mohammed Fityan (Berlin) und Konrad Wiemann (Freiburg)

Klanginstallation: Ayoub, Dawda, Lamin, Bamusa, Kebbah, Muhammed, Omar, Salah, Hamet, Souleman, Moussa aus den Wohngruppen Simon und Andreas des Christopherus Jugendwerks

Kulub Saghira: Hani Hassan, Alaa Aldin Alswid, Fadhi Mhawesch, Maher Youssef | Gesang / Rezitation / Spiel)

African Voice Group: Khathuthshelo Muthivi, Neo Litsesane, Steriling Uri-Khos, Gabriel | Gesang

Mohammed Briem | Buzuq (Saz),

Porya | Raps und Texte

Lamin aka Young Drake | Raps und Texte

Terricafó – African Refugee Drum mit Kofi Onny: ein Projekt von StArt International e.V., Leitung: Christoph Bednarik

Gefördert durch den Innovationsfonds Kunst des Ministeriums für Wissenschaft und Kunst Baden-Württemberg; Stiftungen der Landesbank Baden-Württemberg, Förderverein des E-WERK Freiburg