aus dem Bundesverband, 5.4.2009

Artikel von Christiane Ziller in der PUK 3/09 - Zeitschrift des Deutschen Kulturrates

Mehr Wertschätzung, Geld und mehr Nachhaltigkeit
Zu den Handlungsempfehlungen der Kultur-Enquete für die außerschulische kulturelle Bildung

Auf diese knappe Formel kann man die Handlungsempfehlungen (HE) der BT-Kulturenquete zur außerschulischen Kulturellen Bildung für Kinder und Jugendliche bringen. Aus der Sicht der rund 500 Zentren und Initiativen, welche die Bundesvereinigung Soziokultureller Zentren derzeit vernetzt und von denen jede(s) zweite als Träger der freien Jugendhilfe anerkannt ist, sind vor allem die Forderungen nach mehr und langfristiger angelegter Finanzierung sehr zu begrüßen. Denn daran mangelt es vor allem, wie die statistischen Erhebungen alle Jahre wieder belegen. Um dies durchzusetzen, bedarf es natürlich auch eines stärkeren Bewusstseins für die gesellschaftliche Bedeutung von Kultureller Bildung, insbesondere jenseits der Grenzen der Kulturressorts.

Die HE 1, in der die Aufnahme von kulturellen Bildungsangeboten verpflichtend in die Bewilligungsbestimmungen für öffentlich geförderte Kultureinrichtungen gefordert wird, erscheint aus soziokultureller Perspektive unterstützenswert, insbesondere wenn sie sich an die großen traditionellen Kultureinrichtungen richtet. Nur so können und werden die „Kulturtanker“ relevante Teile ihrer – bestehenden – Budgets auch für solche Aktivitäten einsetzen. Derzeit ist es oft so, dass die großen Einrichtungen für kurzfristige Aktivitäten hohe Beträge zusätzlich erhalten, während die kleinen, meist viel geringer geförderten Einrichtungen – selbst bei Kooperationsprojekten mit den großen – die notwendigen Projektmittel bei Dritten akquirieren müssen. Allerdings sollte vor einer solchen Verpflichtung immer die Überprüfung stehen, dass der Bedarf vor Ort auch besteht und ob es nicht bereits andere Angebote gibt, die dann verdrängt würden. Sinnvoll, insbesondere bei nachhaltiger Anlage, sind solche Verpflichtungen vor allem an Entwicklungsstandorten.

Die Aufnahme einer solchen Verpflichtung in Arbeitsverträge von Leitungen (HE 2) erscheint dagegen wenig sinnvoll. Zum einen, weil sie einen zu starken Eingriff in die Trägerautonomie darstellen würde, zum anderen, weil Kulturelle Bildung Qualifikationen voraussetzt, die nicht mit jeder Leitungsfunktion vereinbar sind. Ehrenamtliche Führungskräfte müssen zudem ihren eigenen Interessen folgen können, sonst erlahmt deren Bereitschaft über kurz oder lang. Besser aufgehoben wäre eine entsprechende Verpflichtung etwa in Ziel- und Leistungsvereinbarungen für die Einrichtungen (s.o.).

Die Forderung nach einer Verstetigung von Angeboten der Kulturellen Bildung (HE 3) kann man nur mehrfach fett unterstreichen. Dabei sollten alle betroffenen Ressorts möglichst zusammenwirken. Die weit verbreitete „Projektitis“, verbunden mit enger Befristung, der Bindung an Haushaltsjahre, der Forderung nach Modellhaftigkeit, widerspricht jeder Erfahrung mit der nur langfristig erzielbaren Wirkung solcher Maßnahmen, insbesondere bei bildungsfernen Zielgruppen!

Ermäßigungen und Zugangserleichterungen (HE 4) sind sehr zu begrüßen, sofern sie nicht zu Lasten der Veranstalter gehen. Sonst steht diese Forderung im direkten Widerspruch zu der nach immer höherer Wirtschaftlichkeit von Kultureinrichtungen. Weit wichtiger aber ist, dass den Kindern und Jugendlichen zuerst der eigene Umgang mit Kunst und Kultur ermöglicht wird und dass sie an die selbstverständliche Nutzung solcher Einrichtungen herangeführt werden. Sonst verwendet den Gutschein nur wieder derjenige, der sonst auch ohne gekommen wäre.

Kinder und v.a. Jugendliche als MentorInnen und MultiplikatorInnen für Kulturelle Bildung (HE 5) zu gewinnen, ist gewiss sinnvoll, wie Erfahrungen auch aus anderen Bereichen zeigen. Allerdings darf dies nicht zu Entprofessionalisierung führen. Auch muss die fachliche Begleitung der Jugendlichen sowie die Vor- und Nachbereitung von deren Einsätzen bei der Finanzierung der Angebote mit berücksichtigt werden. Wichtig ist zudem, dass die MentorInnen aus der jeweils eigenen sozialen Gruppe (resp. Schulform) kommen.

Mit den HE 6 und 7 soll versucht werden, dem Dilemma der „Freiwilligkeit“ kommunaler Kulturförderung zu entkommen. Doch wird mit der Festlegung auf außerschulische „Schulen“ (Musik- oder Kunst-) das Kind mit dem Bade verschüttet. Vielmehr sollte die Leistung – also als Kulturelle Bildungsarbeit – als verpflichtende Aufgabe für die Kommunen formuliert werden, ohne spezielle Einrichtungstypen gesetzlich abzusichern. Was hieße das sonst z.B. für ein Soziokulturelles Zentrum, in dem viele „bildungsferne“ Kinder und Jugendliche an Kunst und Kultur herangeführt werden, aber die Kommune qua Gesetz zur Finanzierung der Musikschule gezwungen wäre? Zeitgemäßer wäre zudem die Entwicklung neuer Förderstrukturen, z.B. Anschubfinanzierungen für Existenzgründungen in diesem Bereich, bei denen zu einem definierten Zeitpunkt entschieden würde, ob sie sich ökonomisch selbst tragen können oder in eine Regelförderung übernommen werden sollten.

HE 8 nimmt die Länder in die Pflicht, sich an der Finanzierung der außerschulischen Kulturellen Bildung zu beteiligen, vor allem hinsichtlich eines „ausgewogenen Verhältnisses von haupt- und nebenberuflichem Personal sowie ehrenamtlicher Tätigkeit. Aus soziokultureller Perspektive kann nicht genug betont werden: Wer A (= Bürgerschaftliches Engagement) will, muss auch B (= professionelle Begleitung/Trägerschaft) ermöglichen! Aber auch hier lohnt sich, die Forderungen genau zu adressieren: Die Ausstattung mit hauptamtlichen Personal in Soziokulturellen Zentren ist definitiv zu gering. Anderen Kultureinrichtungen würde dagegen – von außen betrachtet – mehr personelle Durchlässigkeit durchaus gut bekommen.

Die Forderung der Enquete, etwa durch spezielle „Regelungen“ zu einer Kooperation „auf Augenhöhe“ zwischen Schulen und Kultureinrichtungen zu kommen (HE 9), haben wir selbst mit eingebracht, sie ist auch 4 Jahre nach unserer ersten Stellungnahme akut. Zwei Kulturen begegnen sich hier oft, nicht nur bei den Akteuren, sondern auch in der zuständigen Politik und Verwaltung. Zwar lässt sich – wechselseitige – Wertschätzung nicht verordnen, aber ein entsprechendes Regelwerk kann bei ausreichend langem Atem für die notwendigen Erfahrungen sorgen, die im gemeinsamen Miteinander zur Wertschätzung führen. Sehr gute Ergebnisse haben vor allem Netzwerkansätze, wie sie z.B. vom Themenatelier Kulturelle Bildung der Dt. Kinder-und Jugendstiftung verfolgt werden.

Methoden des generationsübergreifenden Dialogs, deren „exemplarische Dokumentation“ die HE 10 vor allem bezogen auf politisch-historische Themen fordert, gehören zu den Essentials soziokultureller Arbeit. Wer dies fordert, muss sich auch hier bewusst sein, dass solche Art „Geschichte von unten“ auch Geld braucht und Qualifizierung. Auch hier muss in gewissem Sinne ein interkultureller Dialog stattfinden. Vor der Dokumentation muss allerdings aufsuchende (!) Forschung stehen, um das breite Spektrum dessen, was es schon gibt, zu erfassen und den tatsächlichen Handlungsbedarf für die Politik zu definieren. Vieles, was in diesem Bereich bereits existiert, ist nur begrenzt übertagbar. Unterstützung für Neueinsteiger wie Fortgeschrittene könnten vielleicht auch eine Datenbank sowie die Entwicklung von Fortbildungsbildungskonzepten bieten.

Abschließend sei noch darauf hingewiesen, dass auch die anderen Kapitel zur Kulturellen Bildung für die Soziokulturellen Zentren von Relevanz sind. Abgesehen von der Forderung nach einer Bundeszentrale für Kulturelle Bildung (HE 2 in diesem Abschnitt) , die auch aus soziokultureller Perspektive wenig Sinn macht, sind vor allem die Handlungsempfehlungen zur Kulturellen Bildung als gesellschaftlichem Auftrag nur zu unterstützen. Das gilt insbesondere für die Forderung nach einer besseren finanziellen Ausstattung und einer Vervielfachung der Plätze für das Freiwillige Kulturelle Jahr (HE 4), die unser Verband selbst mit eingebracht hat und deren Effekte für die Betroffenen wie für die Gesellschaft nicht überschätzt werden können!

Die Handlungsempfehlungen zur Interkulturellen Bildung scheinen in ihrer Knappheit der Relevanz dieses Themas, auch in der öffentlichen Debatte, nicht ganz angemessen. So sinnvoll Forschung und Evaluierung (HE 1)auch in diesem Bereich sind, so notwendig die Förderung der deutschen Sprache (HE 2) und die Einbeziehung von mehr LehrerInnen mit Migrationshintergrund (HE 5) erscheinen, so viel komplexer ist doch das Feld der Kulturellen Bildungsarbeit mit, für und von MigrantInnen. Hier verfügen die Soziokulturellen Zentren über umfangreiche Kenntnisse und Erfahrungen, sie sind für viele Menschen mit Migrationshintergrund die – im Wortsinne – am nächsten liegende und niedrig schwelligste Kultureinrichtungsform in Deutschland. Alle Forderungen, die für den Bereich der außerschulischen Kulturellen Bildung erhoben wurden (s.o.), gelten insofern auch für die interkulturelle Bildung.

Nicht wenige Zentren arbeiten mit Einrichtungen der kindlichen Früherziehung zusammen oder betreiben sie gar selbst. Hier, bei der kulturellen Bildungsarbeit mit Kindern und ihren Eltern (HE 1), liegt ein Hauptschlüssel zur Bildungsgerechtigkeit. Um diese zu befördern, bedarf es nicht nur einer entsprechenden Ausbildung der ErzieherInnen und der geforderten „langfristigen Zusammenarbeit von Kindertagesstätten und Kultur- und Bildungseinrichtungen“(HE 3), es müssen auch die Zeit und der Aufwand, die ein solches Networking kosten – anders als bisher – angemessen bei der finanziellen Ausstattung beider Einrichtungstypen berücksichtigt werden.

Ein sehr wichtiger Bereich für die Stärkung des Ansehens und der erhöhten Wirksamkeit Kultureller Bildung ist die Aus- und Fortbildung. An dieser Stelle sei nur erwähnt, dass viele Soziokulturellen Zentren auch Ausbildungsbetriebe sind, nicht nur für Kulturberufe. Hier wirkt die Kulturelle Bildung direkt und indirekt. Im Sinne eines gesamtgesellschaftlichen Auftrages sollten die Forderungen in diesem Bereich nicht auf die spätere berufliche Tätigkeit im sozialen und pädagogischen Kontext beschränkt werden.

Aus dem – für Soziokulturelle Zentren ebenfalls relevanten – Bereich der Erwachsenenbildung soll hier nur ein Aspekt (HE 7) unterstrichen werden, der auch für alle anderen Bereiche gilt: So sinnvoll und wünschenswert die immer wieder geforderte Kooperation von Kultur- mit anderen Einrichtungen ist: Sie darf nicht zum Zwang oder zur Beliebigkeit führen, sondern muss im Interesse sowohl der kooperierenden Einrichtungen als auch der jeweiligen Zielgruppen liegen und muss den Einrichtungsprofilen entsprechen. Und natürlich macht Networking Arbeit, die bei der Bemessung der – möglichst langfristig angelegten – Förderung unbedingt berücksichtigt werden muss. Nur dann entsteht eine tatsächlich „bessere Infrastruktur“.

Christiane Ziller
Geschäftsführerin der Bundesvereinigung Soziokultureller Zentren e.V.