Aus den Ländern / NW, 18.4.2011

Basisarbeit ohne Basis? NRW plant Zukunftsakademie – bislang ohne die freie Szene und die soziokulturellen Zentren

NRW plant eine Zukunftsakademie für kulturelle Bildung und Interkultur mit Standort Ruhrgebiet. Anfang des Jahres stellte NRW-Kulturministerin Schäfer (SPD), zusammen mit der Stiftung Mercator, dem Bochumer Schauspielhaus und der Stadt Bochum das Projekt überraschend auf einer Pressekonferenz vor.
 
Die Zukunftsakademie soll eine „zukunftsfähige Stadtgesellschaft“ von morgen gestalten, indem sie Forschung, Praxisprojekte und Qualifizierung im Bereich der kulturellen Bildung voranbringt. Gesellschaftlicher Wandel soll „interdisziplinär und im Medium der Künste“ bearbeitet werden, gleichzeitig sollen Modellprojekte und regionale Entwicklungsprozesse eingeleitet werden. Bildung und Interkultur sollen die Schwerpunkte sein. „Es braucht einen Ort, an dem Disziplinen zusammentreffen, Diskurse geführt und gemeinsame Lösungen entwickelt werden, die dann in die Praxis umgesetzt werden. Das soll die Zukunftsakademie leisten.“, so die Ministerin.
 
Mit ihren drei geplanten Säulen „Labor“, „Praxis“ und „Qualifizierung“ soll die Akademie das Thema „Wandel durch Kultur“ weiter bearbeiten, um die angestrebte Nachhaltigkeit des Kulturhauptstadtjahres Ruhr 2010 über das Ruhrgebiet hinaus zu sichern. Ein Thinktank zur interkulturellen Entwicklung der Gesellschaft und ihres kulturellen Lebens soll damit entstehen.
  
Entwickelt wurde die Idee der Zukunftsakademie vom Bochumer Schauspielhaus-Intendanten Anselm Weber in Zusammenarbeit mit seinem Dramaturgen Thomas Laue. Erfahrungen sammelten sie mit dem recht aufwändigen  „Next-Generation-Projekt“. Bereits in seiner Essener Zeit hatte Weber das Theater zur Stadt ein wenig soziokulturell geöffnet. Auf der Pressekonferenz sagte der Intendant: „Die Idee ist unser geistiges Kind, doch das wird nur laufen lernen und darf dann gehen, wohin es möchte.“
 
Das Geld für die geplante Zukunftsakademie kommt von der Stiftung Mercator sowie aus dem angespannten Landesetat, 400.000 Euro bzw. 250.000 Euro jährlich sind für die ersten drei Jahre verbindlich zugesagt. Die Stadt Bochum stellt die Räumlichkeiten zur Verfügung. Mit der erst einmal bescheidenen Finanzierung sollen ein Büro im Bochumer Victoriaquartier sowie fünf bis sechs hauptamtliche Stellen geschaffen werden. Ein noch zu gründendes Kuratorium soll sich demnächst auf die Suche nach einem bzw. einer geeigneten LeiterIn machen, damit die Arbeit der Akademie im Herbst beginnen kann.
 
Überrascht, irritiert und verärgert waren die Akteure der freien Szene und der soziokulturellen Zentren vor Ort, die seit Jahren Ideen entwickeln, Konzepte zu diesem Thema vorgeschlagen haben und vor allem einen wichtigen Teil der konkreten Arbeit bereits leisten. Obwohl „aktuelle Partnerschaften und offene Zusammenarbeit mit den TrägerInnen der freien Szene in NRW“ angeblich selbstverständlicher Bestandteil des „Konzeptes“ sein sollen, erfuhren die Akteure von der Gründung der Zukunftsakademie  mehr oder weniger aus der Zeitung. Kein guter Start für einen partizipativen Prozess, grummelte so mancher Aktive, warum hat man sich nicht vorab mit uns zusammengesetzt? So klingt es fast ein wenig ironisch, wenn Schauspielhaus-Chef Anselm Weber betont, dass Bewegung „von unten“ kommen soll. Für ihn gehe es hier um Basisarbeit, denn „Hochkultur grenzt aus“. Ein erweiterter Kulturbegriff sei ihm wichtig, da er  „die Mehrheit“ erreichen wolle, sagte er der Presse.
 
Inzwischen gab es mehrere Treffen, auf denen beraten wurde, wie am besten mit dem Top-Down-Vorstoß umzugehen sei. Einige raten dazu, den Ball erst einmal flach zu halten und die Konkretisierung des zwar äußerst anspruchsvoll formulierten Ziels, aber sehr vagen Konzeptes vorerst abzuwarten. Andere, wie Kazim Çalisgan, der Leiter des Katakomben-Theaters in Essen, formulieren es drastischer: „Wir wollen nicht an der Türe klingeln, wir wollen den verdammten Schlüssel für die Akademie.“
 
 
Jochen Molck