Soziokultur in der Schweiz, 30.10.2010

Brennt es in Züri noch? 30 Jahre Rote Fabrik - ein Ortstermin.

Rote Fabrik Zürich

Wer hier beschäftigt ist hat einen wirklich schönen Arbeitsplatz. Direkt am Zürichsee gelegen, links die Stadt, rechts die Berge und gegenüber die Nobelviertel. Dazu ein angenehmes Bistro, der „Ziegel au lac“, im Sommer mit Außengastronomie, unter großen alten Bäumen, Open-air Tango, eine ansprechende Karte mit ausgefallenen Getränken, (für Nicht-Schweizer allerdings auch mit ausgefallenen Preisen, was die Einheimischen wiederum „niedrige Konsumpreise“ nennen). Im Hof gibt es ein Theater, einen Fahrradladen, einen Kindergarten, eine Segelschule, einen Gemeindetreff, eine Videowerkstatt, Atelier- /Proberäume und überall Graffitti, mal gut gemacht, mal recht selbstverliebt hingetaggt. Die Rede ist von der Roten Fabrik in Zürich-Wöllishofen.

 
„30 Jahre sind genug! Die Krise ist da...die Rote Fabrik macht die Luken dicht!“ Unter diesem Motto feiert die Rote Fabrik in diesem Herbst ihren Geburtstag. Einige Facebook-User haben die Ankündigung ernst genommen und einen Schreck bekommen. Dabei wollten man nur ein wenig provozieren, um dem Publikum und sich selbst vor Augen zu führen, wie denn die Züricher Kulturszene dastünde, wenn es die Fabrik nicht mehr gäbe. Längst ist das Kulturzentrum zu einer Institution geworden, die sich in jedem Reiseführer als Tipp für alternative Kultur findet und auch von der Stadtverwaltung als Markenzeichen gehandelt wird. Wie bei vielen soziokulturellen Zentren ist die rebellische Vergangenheit mehr Nimbus als praktizierter Alltag und trotzdem haben sich die MacherInnen einen kritischen Geist bewahrt, pflegen etwas andere Traditionen und konnten sich dabei einen alternativen Charme, was immer das auch genau bedeutet, bewahren.
 
 
Da ist zum Beispiel die Selbstverwaltung durch eine 17-köpfige „Geschäftsleitung“, das wöchentliche Plenum auf dem (fast) alles diskutiert wird, der basisdemokratische Fabrikrat oder die „Fabrikzeitung“, deren Redaktion nicht davor zurückschreckt, neben der Programmankündigung auch lange theoretische Texte abzudrucken oder mal selbstironisch den eigenen Laden in die Pfanne zu hauen, bzw. kritisch zu hinterfragen.
Vor einiger Zeit kamen Unbekannte auf die Idee, die Rote Fabrik - der Name stammt vom roten Ziegelbau und nicht von der politischen Ausrichtung - einfach mal weiß zu streichen. Keiner wusste so genau, ob es sich um eine künstlerische Aktion handelte oder gar eine politische Aussage dahinter stehen sollte. Aber es gab einen Umgang damit, ohne gleich Anzeige zu erstatten und die Polizei zu rufen. Der „Schaden“ wurde behoben. Die Kulturverwaltung reagierte nicht ganz so cool, als auf dem Höhepunkt der Minarett-Debatte in der Schweiz der alte Schornstein der Fabrik kurzerhand in ein Minarett umgewandelt wurde. Da gab es dann doch schnell Krach und die Bauarbeiter waren im Anmarsch, um das Kunstwerk zu beseitigen.
 
 
Neben einem anspruchsvollen Theater- und Musikprogramm (internationale und regionale Independent Acts, lokale Musikszene) gibt es regelmäßig politische „Konzeptveranstaltungen“ zu Themen wie Datenschutz oder Stadtentwicklung. Regelmäßig finden Lesungen statt, Poetry Slams, , Ausstellungen und Partys. Die Fabrik beteiligt sich z.B. an der Züricher Street Parade, dem Schweizer Pendant zur Loveparade. Der Anspruch eine „wertvolle Alternative für den Kulturgenuss, fernab von Mainstream und kulturellem Einheitsbrei“ zu sein ist immer noch vorhanden, in der Praxis geht man auch Kompromisse ein.
 
 
Entstanden ist das Kulturzentrum Rote Fabrik 1980 als Folge der Züricher Opernkrawalle. Schon Anfang der siebziger Jahre gab es eine Volksinitiative, die sich gegen den Abriss der ehemaligen Fernmeldetechnik-Fabrik aussprach, aber lange Zeit gelang es der Kommune, die Umwandlung zu einem Kultur- und Begegnungszentrum zu verzögern. Auch nach politischen Zugeständnissen an die Aktivisten und Künstler tat sich die offizielle Stadtpolitik schwer mit den „Alternativen“ umzugehen, sieben Jahre lang wurde nur ein provisorischer Betrieb genehmigt. Erst dann konnte sich die Rote Fabrik zum „prestigeträchtigen Vorzeigeobjekt weltstädtisch gemeinter Kulturpolitik“ entwickelten.
 
 
Prominente Gäste kamen an den Züricher Stadtrand, u.a.: Red Hot Chili Peppers, Nirvana, Christof Marthaler, Heiner Goebbels, Noam Chomsky, Pierre Bourdieu, Günther Grass, Nadine Gordimer, die Fabrik war und ist das „Flagschiff der Schweizer Kulturzentren“. In diesem Sommer gab Patti Smith hier im ausverkauften Innenhof ein umjubeltes Konzert, Gerüchten zur Folge soll sie bereits vor über 30 Jahren hier auf dem Gelände schon mal gespielt haben, wahrscheinlich etwas wilder, etwas lauter und vor deutlich jüngerem Publikum.
 
 
 
Heute wird das Kulturzentrum mit 2,4 Mio. Schweizer Franken (1,85 Mio. €) im Jahr subventioniert, was rund 65% des Gesamtetats ausmacht, der Rest muss dazu verdient werden. Damit lässt sich nicht nur ein anspruchsvolles Kulturprogramm mit über 300 Veranstaltungen im Jahr organisieren, damit werden Freiräume für KünstlerInnen und Initiativen geöffnet. Allein der Fabrikzeitung, Auflage 5.000, wird ein Budget von 170.000 Franken eingeräumt. Regelmäßig sind „artists in residence“ eingeladen, es gibt preiswerte Videowerkstätten, Ateliers und Proberäume können günstig zur Verfügung gestellt werden. Auch die MitarbeiterInnen werden heute sehr anständig bezahlt, sogar für Schweizer Verhältnisse.
 
 
Als ich zum ersten Mal vor einigen Jahren die Rote Fabrik besuchte, fragte die Neue Züricher Zeitung „rote Fabrik, tote Fabrik?“ und spielte damit offensichtlich auf Verkrustungen bei der Ateliervergabe an. Auch der Versuch, interne Strukturen zu „modernisieren“, z.B. eine Intendanz zu schaffen, ist an der Autonomie der einzelnen Bereiche gescheitert, so ein Insider. Ganz im Gegensatz zur sehr selbstkritischen Eigenwahrnehmung ist der Außenblick auf die Arbeit der Fabrik bei den Gästen sehr positiv. Wenn es um finanzielle Probleme oder Angriffe wegen kritischer Kunst bzw. politischen Statements geht, die das konservative Establishment verärgern, dann ist die Solidarität groß. Die Züricher wissen schon, was ihnen die Fabrik wert ist. Das ist in der Schweiz keine Selbstverständlichkeit, aktuell gibt es in der Hauptstadt Bern eine Volksinitiative gegen die „Reitschule“, das lokale Kulturzentrum.
 
 
Der größte Unterschied zu den soziokulturellen Zentren in Deutschland ist natürlich die finanzielle Ausstattung, die ohnehin in der Schweizer Kulturlandschaft ein ganz anderes Niveau hat. Ansonsten unterscheiden sich die Kulturzentren im Alpenland genauso wie bei uns sehr von einander, je nach Stadt, Region, Größe oder Ausrichtung. Gemeinsam ist ihnen aber eine größere Gelassenheit in der Arbeit, eine sympathische Unaufgeregtheit, so mein ganz subjektiver Eindruck. Allein am Geld scheint es mir nicht zu liegen.
 
 
Welche Pläne gibt es für die Zukunft? „Die große neue Idee gibt es nicht, die braucht aber auch keiner“, sagt Etrit Hasler, Redakteur der Fabrikzeitung und Mitglied.der Betriebsleitung. Jetzt will man erst einmal feiern, „dass es uns immer noch gibt“ ohne sich dabei auf den Lorbeeren der Vergangenheit auszuruhen. An Ideen mangelt es nicht, das Fabriktheater will jetzt auch selber produzieren, neue interessante Bands sollen nach Zürich geholt werden, das Thema öffentlicher Raum, Stadtentwicklung und Gentrifizierung gewinnt an Bedeutung, wie auch in Deutschland. Mehr Freiraum für künstlerische Initiativen. Das wollen die roten Fabrikkulturarbeiter in Zukunft angehen, ganz gelassen, aber kontinuierlich.
 
 Jochen Molck (GF zakk gGmbH)
 
Erstveröffentlichung: Kulturpolitische Mitteilungen 130/2010