Nordrhein-Westfalen, 30.10.2010

Soziokultur unter 30 – Pragmatische Jugend unter Druck

Ende Mai veranstaltete das Kulturbüro Rheinland-Pfalz unter dem Motto „Soziokultur unter 30“ eine Tagung für junge MitarbeiterInnen aus soziokulturellen Zentren. Organisatorin Rebecca Staal, selber deutlich unter 30,  war es wichtig eine Praxiserfahrungen auszutauschen und sich untereinander zu vernetzen. Teilgenommen haben 16 junge Frauen und Männer aus den unterschiedlichsten Zentren, von klein bis groß, aus Groß- wie aus Kleinstädten. Die Ergebnisse der Tagung, die u.a. vom Fonds Soziokultur gefördert wurde, sollen dokumentiert werden, auch ein Folgetreff ist in Planung.
 
Aus dem Kulturzentrum zakk in Düsseldorf nahmen zwei MitarbeiterInnen an der Tagung teil, Ugur (20) macht gerade ein mehrmonatiges Praktikum in der Programmplanung und Lisa (23) absolviert ein Volontariat im Bereich Wort & Bühne. Über erste Eindrücke und Erfahrungen in der Soziokultur sprach mit ihnen Jochen Molck (GF zakk gGmbH) ...

 
Hat Euch die Tagung etwas gebracht, was waren die Themen?
 
Lisa: Auf jeden Fall. Zum Anfang gab es eine Menge Input, wie die Soziokultur entstanden ist und die Ergebnisse der Shell-Jugendstudie wurden dargestellt. Dann sprachen wir viel über unsere konkrete Arbeit und die unterschiedlichen Bedingungen. Interessant waren die Diskussionen nach den Vorträgen.
 
Ugur: Thema war ja eigentlich Zukunft von Soziokultur. Spannend war für mich die Diskussion, welche Probleme es da gibt, welche Ideen wir selber zu unserer Arbeit haben. Konkret ging es um Bezahlung oder ob es möglich ist, sich in den Zentren „nach oben“ zu arbeiten.
 
Lisa: Wir haben lange diskutiert was wichtiger ist, Geld zu verdienen oder ob der Job Spaß machen soll. Viele sagten, sie verdienen echt wenig, aber die meisten waren trotzdem der Meinung, dass sie ziemlich glücklich mit ihrer Arbeit sind, weil sie vielfältig und abwechselungsreich ist.
 
Ugur: Ich glaube, früher sind die Leute wohl sehr viel idealistischer da rangegangen, aber den Idealismus gibt es immer noch, die meisten von uns waren der Meinung, auch heute könnte man mit soziokultureller Arbeit in der Gesellschaft noch etwas bewegen.
 
In der Shell-Jugendstudie heißt es über die heutige Generation: Pragmatische Jugend unter Druck, seht ihr das auch so?
 
Lisa: Auf jeden Fall. Viele rennen von Praktikum zu Praktikum und denken nur an die Karriere. Die wollen gar nicht mehr etwas selber machen, z.B. Kulturveranstaltungen. Wenn man etwas anders ist und das Leben lockerer sieht, dann wird man gleich schief angeguckt. Wir haben diskutiert, dass man mehr in Schulen gehen müsste, um den SchülerInnen die Möglichkeiten zu zeigen, auch wieder mehr selber zu machen. Das ist doch Soziokultur, aber das kennen die meisten gar nicht, mit dem Begriff können die nicht soviel anfangen, die kennen das zakk nur als Konzertveranstalter oder von Parties.
 
Unterscheiden sich die Diskussionen über Soziokultur bei den Menschen unter 30 von denen, die schon älter sind?
 
Ugur: Nicht so wesentlich, es waren viele Themen, die ich auch von hier kenne. Es ist eher ein Unterschied ob Du in einem kleinen Zentrum arbeitest oder hier, wo es so viele und große Veranstaltungen gibt. Im Alltag haben wir nicht so viel Zeit zum Diskutieren, auf der Tagung hatten wir die Möglichkeit uns da viel mehr reinzudenken.
 
Habt ihr den Eindruck, dass wir als soziokulturelles Zentrum offen für jüngere Leute unter 30 sind? Ich meine nicht die einzelnen Veranstaltungen, sondern wenn man etwas mehr mitkriegen will.
 
Lisa: Hier kann jeder ankommen mit einer Idee.
 
Ugur: Man muss als Jugendlicher aber auch schon Interesse zeigen. Wenn man an Kultur interessiert ist, dann stößt man schnell auf das zakk.
 
Lisa: ...es ist aber schwierig, wenn man keinen kennt.
 
Ugur: Ich selber habe hier einfach mal gefragt, ob wir hier spielen können und ein Jahr später hat es geklappt, da waren wir beim Edelweißpiraten-Festival dabei. Das hat mir gezeigt, die Leute hier sind schon offen, keiner lehnt hier von Anfang an einen ab, die hören sich das erst einmal an, wenn man eine Idee hat oder ein Projekt machen will. Es machen nur viel zu wenige.
 
Lisa: Ein Beispiel, hier steht doch immer die Türe offen. Aber die meisten meinen, ich kann da doch nicht einfach reingehen. Das traut sich doch keiner
 
 
(Was sehen Freunde und Bekannten eure Arbeit dazu, dass ihr in einem soziokulturellen Zentrum arbeitet?
 
Ugur: Meine Freunde finden es cool, dass ich hier arbeite. Das ist doch voll locker, offen. Nette Leute. Da kannst Du bestimmt den ganzen Tag Konzerte planen, wie viel Arbeit dahinter steckt sehen sie nicht.
 
Lisa: Ich werde beneidet, weil ich hier ein Volontariat machen kann.)
 
Was würdet ihr anders machen, wenn hier ein U30 Team arbeiten würde?
 
Lisa: Ich würde wieder mehr auf Jugendarbeit und Bildung setzen, hier Jugendgruppen hinholen außerdem würde ich coole Elektropartys organisieren.
 
Ugur: Dem Programm merkt man kaum an, dass es von Ü30 Menschen geplant wird. Die machen schon coole Sachen, so etwas wie der Poetry Slam ist schon zeitgemäß, auch die Konzerte. Ich finde gut, wie sich hier ganz verschiedene Sachen mischen und was für unterschiedliche Leute sich hier treffen.
 
(Lisa: Viele sind auch etwas verwirrt, weil sie gar nicht so genau wissen, was hier alles so passiert.)
 
Ist dieser Mix noch zeitgemäß?
 
Ugur: Ich finde es gut, es ist eben anders als bei der Oper oder einem Theater..
 
Was meint ihr welche Rolle die Eintrittspreise für junge Leute spielen?
 
Ugur: Es gibt einen Unterschied zwischen Konzerten und Partys. Für Konzerte bin ich bereit auch mehr Geld auszugeben, wenn ich die Band unbedingt sehen will. Party sollten schon günstig sein, damit jeder die Möglichkeit hat vorbei zu schauen.
Eintrittspreise sollten fair sein. Ich finde es gut, wenn es auch mal Sachen gibt, die nichts kosten
 
Lisa: Sehe das auch so. Ich finde die Preise hier im zakk sind schon ok, wenn ein Ticket für ein Konzert bis zu 20 Euro kostet ist das schon korrekt. Es ist ja für die Künstler, alles was sie kriegen, ist sowieso immer zu wenig.
 
 
Erstveröffentlichung: (Kulturpolitische Mitteilungen 129/2010)