24.9.2003

Positionen der Bundesvereinigung Soziokultureller Zentren e.V. zur Bildungsdebatte

Beschlossen auf der Mitgliederversammlung am 24.09.2003 in Braunschweig
 
Die von der Bundesvereinigung vertretenen 14 Landesarbeitsgemeinschaften mit ihren 450 Mitgliedseinrichtungen machen vielfältige Angebote und stellen ihre Ressourcen zur Verfügung.
Diese quantitativ wie qualitativ einmalige Infrastruktur der Soziokultur sowie die bereits vorhandenen sozialräumlichen Vernetzungen mit bundesweit tausenden aktiven Partnern können auf unterschiedlichen Ebenen zur Bildungsdebatte im Kontext für, mit und neben Schule entscheidende Beiträge leisten und einen notwendigen erweiterten Bildungsbegriff ausformen.

  1. Die Bundesvereinigung Soziokultureller Zentren begrüßt ausdrücklich die längst überfällige Bildungsdebatte in Deutschland.
  2. Die bundesweite Soziokultur bietet gewachsene Inhalte und Strukturen für eine gleichberechtigte Kooperation mit Schule an.
  3. Sie warnt jedoch vor einer übermäßigen Fokussierung der Diskussion auf den Begriff der Ganztagsschule bzw. Ganztagsbetreuung.
  4. Sie fordert vielmehr die Auseinandersetzung mit einem erweiterten Bildungsbegriff als Querschnittsaufgabe für eine demokratische Gesellschaft, in der alle Teilbereiche für Bildung Verantwortung übernehmen müssen.
  5. Die staatliche Verantwortung für ein umfassendes Bildungssystem mit gleichberechtigten Zugangschancen für alle bleibt aus Sicht der Bundesvereinigung unbestritten.
  6. Die Soziokultur schließt sich der Forderung an, dass formelle, informelle und nichtformelle Bildung als gleichwertige Bildungsformen anerkannt werden müssen.
  7. Dies schließt auch die Akzeptanz der Gleichwertigkeit von unterschiedlichen Bildungsorten ein.
  8. Die unkoordinierte und unabgestimmte Aufgabenerfüllung ohne gemeinsame Abstimmung zwischen Schule und außerschulischen Bildungseinrichtungen kann als zentrales Defizit benannt werden.
  9. Die verfestigten Schulverwaltungsstrukturen müssen sich jedoch öffnen für eine erhöhte Mitgestaltung von außen.
  10. Ein sich verselbständigendes vertikales und damit hierarchisches Verwaltungssystem der einzelnen Landeskultusministerien wird einer vielfältigen Transformationen ausgesetzten Gesellschaft nicht mehr gerecht.
  11. Die Bundesvereinigung Soziokultureller Zentren setzt sich für eine flächendeckende Ganztagsbetreuung ein, die sich aus den bestehenden Strukturen vor Ort von außerschulischer Kultur- und Jugendarbeit und dem staatlichen Schulsystem zusammensetzt.
  12. Soziokulturelle Einrichtungen fordern einen verschärften Blick auf die vorhandenen Ressourcen im Gemeinwesen, dem Sozialraum oder Stadtteil, um die lebensweltbezogenen Bildungspotentiale vor der „Schulhaustür“ sinnvoll aktivieren zu können.
  13. Soziokulturelle Einrichtungen bieten sich an, als Partner mit einer konkreten Schule im Gemeinwesen die konzeptionelle, inhaltliche, organisatorische und vernetzende Ausgestaltung einer kontinuierlichen und verlässlichen Zusammenarbeit auf gleicher Augenhöhe zu verwirklichen. 

AN DIE POLITISCHEN VERANTWORTUNGSTRÄGER RICHTET DIE BUNDESVEREINIGUNG FOLGENDE FORDERUNGEN:

  1. Anerkennung der Gleichwertigkeit von formeller, informeller und nicht formeller Bildung mit ihren spezifischen Bildungsorten,
  2. Ressortübergreifendes Handeln in den Bundesländern
  3. Länderübergreifende Einigung über Bildungsdefinition, Zielstellung und inhaltliche Ausgestaltung von Maßnahmen
  4. Erhöhung der finanziellen Mittel für die inhaltliche und pädagogische Ausgestaltung zur Zusammenarbeit von Schule und außerschulischen Partnern
  5. Eine erhöhte Eigenverantwortung von Schule und ihren Partnern vor Ort
  6. Schaffung von Voraussetzungen für eine langfristige, verlässliche und aufbauende Struktur

Erläuterung:
Soziokultur und (Schul-)Bildung
Die Bundesvereinigung Soziokultureller Zentren begrüßt ausdrücklich die längst überfällige Bildungsdebatte in Deutschland. Jedoch warnt sie gleichzeitig vor einer übermäßigen Fokussierung der Diskussion auf den Begriff der Ganztagsschule bzw. Ganztagsbetreuung. Vielmehr ist eine Auseinandersetzung mit einem erweiterten Bildungsbegriff zu suchen. Bildung und ihre Reformbemühungen müssen sich zu einem Bildungsverständnis entwickeln, das sich als Querschnittsaufgabe für eine demokratische Gesellschaft versteht. Alle gesellschaftlichen Teilbereiche haben ihrer Verantwortung nachzukommen. Verstanden als eine Zukunftsinvestition für die junge Generation und eine ernstzunehmende Zivilgesellschaft, die nicht nur einen gut ausgebildeten Nachwuchs braucht, sondern von ihm lebt und in Abhängigkeit zu der nachwachsenden Generation steht. Formelle, nichtformelle und informelle Bildung müssen als gleichwertige Bildungsformen anerkannt werden. Dies schließt auch die Akzeptanz der Gleichwertigkeit von unterschiedlichen Bildungsorten ein, auch wenn Methoden und Zielstellungen natürlich unterschiedlich sind.
Schule wird und soll auch zukünftig eine Schlüsselfunktion einnehmen. Die staatliche Verantwortung für ein umfassendes Bildungssystem mit gleichberechtigten Zugangschancen für alle bleibt aus Sicht der Bundesvereinigung Soziokultureller Zentren unbestritten.
Unser derzeitiges Bildungssystem ist überwiegend ein Schulsystem. Diese Eingrenzung bzw. diese Überfrachtung an Verantwortung stellt sich mehr und mehr auch als Verantwortungslosigkeit der Außenstehenden dar. Schule ist nicht in der Lage, diese Verantwortung allein zu tragen. Dies führt zu einer frustrierenden Überforderung von Schülern, Lehrern, Eltern und am Ende bei SozialpädagogInnen im Schulverweigerungsprojekt.
Das System hat zu einem großen Teil selbst verschuldet, dass das Schulsystem gegenwärtig so fundamental kritisiert wird. Verfestigte Strukturen ließen in den vergangenen Jahrzehnten wenig Spielraum für eine Mitgestaltung von außen zu. Die selbstbestimmte Eigenverantwortung des staatlichen Schulsystem gegenüber Inhalt und Methode und das praktische Verbot der Einmischung durch Außenstehende, die extremen Hürden bei der Gestaltung von freien und alternativen Schulen führte unweigerlich zu einer Verabsolutierung der Bildungsverantwortung des Systems. Reine Wissensvermittlung, eingebettet in ein sich verselbständiges vertikales und hierarchisches Verwaltungssystem der einzelnen Landeskultusministerien, wird der gesellschaftlichen horizontalen Entwicklung in den letzten dreißig Jahren zu einer breit gefächerten, globalisierten und vielfältigen Transformationen ausgesetzten Gesellschaft nicht mehr gerecht. Die ungleichen Zugangschancen und das nach wenigen Schuljahren beginnende Aussortieren indirekt nach der sozialen Herkunft macht Deutschland zum beschämenden Weltmeister in dieser Kategorie.
Außerschulischer Bildung im Jugend- und/oder Kulturbereich wuchs im letzten Jahrzehnt die Aufgabe des Auffangens von Bildungsdefiziten im weitesten Sinne zu. Dabei ist die Aufgabe, so schwer sie auch sein mag, in der strukturellen Debatte nicht das Hauptproblem. Die unkoordinierte und unabgestimmte Aufgabenerfüllung ohne gemeinsame Abstimmung zwischen Schule und außerschulischen Bildungseinrichtungen, kann als zentrales Defizit genannt werden.
Die in der Bundesvereinigung organisierten 450 soziokulturellen Zentren sowie die 14 Landesarbeitsgemeinschaften stellen vielfältige und unterschiedliche Möglichkeiten, Angebote und Ressourcen zur Verfügung. Diese quantitativ wie qualitativ einmalige Infrastruktur sowie die bereits vorhandenen sozialräumlichen Vernetzungen können auf unterschiedlichen Ebenen zur Bildungsdebatte im Kontext für, mit und neben Schule entscheidende Beiträge leisten. Soziokulturelle Zentren sind nicht nur reine Kulturanbieter wie viele Museen oder Theater, sondern sie sind zudem Orte für Demokratie und Dialog, für Prävention und Partizipation, für Mitmachen und Mitgestalten. Sie bieten Platz für bundesweit tausender gesellschaftspolitisch aktive Gruppierungen und Projekte. Und sie sind durch unterschiedlichste sozialräumliche Vernetzungen unersetzbare Drehpunktinstitution vor Ort. Diese Zentren und Initiativen haben ein gemeinsames Selbstverständnis, das u. a. durch folgende Punkte gekennzeichnet ist: ein genreübergreifendes Programm, die Förderung politischer Aktivitäten und politischer Kultur im Sinne demokratischer Meinungs- und Willensbildungsprozesse, demokratische Entscheidungsstrukturen, Förderung kultureller und künstlerischer Bewegungen „von unten“ oder Offenheit und Transparenz. Und nicht zu vergessen: eine klare Absage an rassistische, fremdenfeindliche oder menschenverachtende Tendenzen.
Die bundesweite Soziokultur bietet diese gewachsenen Inhalte und Strukturen für eine gleichberechtigte Kooperation mit Schule an.
Sie setzt sich für eine flächendeckende Ganztagsbetreuung ein, die sich aus den bestehenden Strukturen von außerschulischer Kultur- und Jugendarbeit und dem staatlichen Schulsystem zusammensetzt. Die Bundesvereinigung Soziokultureller Zentren fordert einen verschärften Blick auf die vorhandenen Ressourcen im Gemeinwesen, dem Sozialraum oder Stadtteil, um die lebensweltbezogenen Bildungspotentiale vor der „Schulhaustür“ sinnvoll aktivieren zu können. Dazu werden weniger nur langfristig durchsetzbare Reformen benötigt, als vielmehr ein praxisorientiertes Vernetzungs- und Kooperationsmodell.
Soziokulturelle Einrichtungen bieten sich an, als Partner mit einer konkreten Schule im Gemeinwesen die konzeptionelle, vernetzende, organisatorische und inhaltliche Ausgestaltung einer kontinuierlichen und verlässlichen Zusammenarbeit auf gleicher Augenhöhe zu verwirklichen. Für ein ausgefeiltes und der Ausgangssituation der Schule gerechtes Jahreskonzept u. a. auch zur Profilfindung der Schule werden die bestehenden Partner von soziokulturellen Initiativen einbezogen. Sie gewährleisten die Absicherung der Ganztagsbetreuung nach folgenden Modulen:
- Freizeitgestaltung mit Betreuung

- Unterrichtsergänzende Projekte im

  • kulturell- musischen Bereich
  • Bereich der politischen Bildung
  • Bereich Interkulturelles Lernen 
  • Bereich der Gesundheitsbildung und Suchtprävention 
  • Bereich der ökologische Bildung u. a.

- Angebote der speziellen Förderung und individuellen Unterstützung
- Weiterbildungsangebote für LehrerInnen und MitarbeiterInnen der Soziokultur zur  
  Qualitätssicherung und -entwicklung
Damit bietet Soziokultur den Schulen einen breiten Anschluss an die kreativen und gesellschaftsrelevanten Themenbereiche des Gemeinwesens für unsere Kinder und Jugendlichen.