29.2.2008

Stellungnahme der Bundesvereinigung Soziokultureller Zentren e.V. zu den Handlungsempfehlungen der Enquête-Kommission des deutschen Bundestages "Kultur in Deutschland" für Soziokulturelle Zentren

Die Bundesvereinigung Soziokultureller Zentren sieht in dem vorgelegten Bericht der Enquete-Kommission das Arbeitsfeld und die Bedeutung soziokultureller Arbeit zutreffend beschrieben.

So werden u. a. Beteiligungsorientierung, demokratische Praxis, niedrig-schwellige Angebote mit Zugangsmöglichkeiten auch für benachteiligte Bevölkerungs-gruppen, Förderung kreativer Eigentätigkeit und der Beitrag der Soziokultur bei Kunstpro-duktion und Kunstvermittlung professioneller und Laienkunst differenziert wahrgenommen und als unverzichtbar bewertet. Soziokulturelle Zentren werden als gesellschaftlich breit akzeptierte Kulturinstitutionen betrachtet.

Zu den Handlungsempfehlungen wird wie folgt Stellung genommen:

1) Die Empfehlung an die Länder und Kommunen, soziokulturelle Zentren als eigenständigen Förderbereich in der Kulturpolitik zu identifizieren, zu institutionalisieren und weiterzuentwickeln, wird uneingeschränkt unterstützt.

Soziokulturelle Zentren sind trotz ihrer flexiblen Träger- und Managementstrukturen darauf angewiesen, eine verlässliche institutionelle Basisförderung zu erhalten, um in die Lage versetzt zu werden, kontinuierlich, perspektivisch solide und – ein wesentliches Merkmal soziokultureller Arbeit – auch nachhaltig arbeiten zu können. Insgesamt ist zu konstatieren, dass die Personalsituation quantitativ nach wie vor unzureichend ist. Das führt auf der einen Seite dazu, dass die zu geringen institutionellen Fördermittel dazu verwandt werden, eine Vielzahl von Teilzeitarbeitsverhältnissen zu schaffen mit der Anforderung an die Beschäftigten, unbezahlte Mehrarbeit zu leisten, oder nur noch zeitlich befristete Arbeitsverhältnisse im Rahmen der Projektförderung zu realisieren. Die zunehmende Zurückhaltung bzw. Rücknahme institutioneller Förderungen durch die öffentliche Hand und der Verweis auf die Möglichkeit der zeitlich befristeten Projektförderung führt in der praktischen Arbeit dazu, nachhaltig wirkende, kontinuierliche und mit Perspektive versehene soziokulturelle Angebote zurückzunehmen oder aber das eigene Praxisfeld ständig den Fördermodalitäten der Projektförderung anzupassen, ohne damit auf die Anforderungen vor Ort adäquat eingehen zu können. Auch der vermehrte Einsatz ehrenamtlich Tätiger in soziokulturellen Zentren ist nur bei einer ausreichenden Ausstattung mit Hauptamtlichen sinnvoll möglich, wobei sorgfältig zu beachten bleibt, dass die Einbeziehung ehrenamtlichen Engagements nicht zum Wegfall bzw. Abbau hauptamtlicher Beschäftigung führen darf.

Abgesehen davon, dass die finanzielle Ausstattung der soziokulturellen Zentren, gemessen an den Erfordernissen, deutlich zu gering ausfällt, ist anzumerken, dass auch das Zuwendungsrecht insgesamt einer dringenden Entbürokratisierung bedarf, um den Arbeitsaufwand zur Inanspruchnahme öffentlicher Mittel deutlich zu senken und hauptamtliche Tätigkeiten weniger in der Verwaltung als in der praktischen Arbeit einsetzen zu können.

2) Die Bundesvereinigung Soziokultureller Zentren steht für die Durchführung einer Evaluierung mit dem Ziel, die Arbeit und die Wirkungsweise soziokultureller Arbeit zu erforschen, um daraus Ableitungen für die Weiterentwicklung von Studiengängen in den Kulturwissenschaften entwickeln zu können, positiv gegenüber und ist zur entsprechenden Mit- bzw. Zusammenarbeit bereit.

3) Die Empfehlung an die Länder, angesichts des anstehenden Generationenwechsels (besser als Begriff: der anstehenden Generationennachfolge) ein spezifisches Programm nach dem Vorbild von Volontariaten einzurichten, wird grundsätzlich positiv gesehen, zumal, wie bereits unter 1) erläutert, die geringen finanziellen Mittel nicht ausreichen, um beim Ausscheiden von Hauptamtlichen in den Ruhestand angemessene Übergangs- und damit auch Übernahmefristen zu gewährleisten.

In der Praxis wird dieses Vorhaben aber nur für einen Teil der Einrichtungen in Anspruch zu nehmen sein, da auch bei soziokulturellen Einrichtungen eine altersspezifische Fluktuation und damit eine generationsanaloge Mischung der Beschäftigten zu beobachten ist. Zu klären wäre jedoch, wie die geplante Maßnahme konkret ausgestaltet wird.

4) In der Praxis gibt es bereits eine vielfältige, aber durchaus unterschiedlich gestaltete Kooperation zwischen soziokulturellen Zentren und Ganztagsschulen. Von daher wird der Vorschlag der Enquete-Kommission begrüßt. In der Praxis ist jedoch bei diesen Kooperationen darauf zu achten, dass eine gleichberechtigte Partnerschaft realisiert wird, um die teils unterschiedlichen Ansätze und Notwendigkeiten der außerschulischen Kinder- und Jugendarbeit mit den schulischen Rahmenbedingungen in Einklang zu bringen. Soziokulturelle Angebote müssen dabei als eigenständige Bereiche erkennbar bleiben und dürfen nicht auf eine beaufsichtigte Freizeitgestaltung reduziert werden.

Der Einrichtung eines Modellprojekts zur Kooperation von Hochschulen und soziokulturellen Zentren steht die Bundesvereinigung positiv gegenüber. Gerade das Hervorbringen neuer kultureller Phänomene und Handlungsbereiche (wie z. B. der Bereich der Computerspiele) lässt erwarten, dass Forschungsvorhaben der Kulturwissenschaften in Kooperation mit soziokulturellen Zentren einen hohen Erkenntniswert erbringen. Auch andere Studiengänge, wie z. B. Sozialpädagogik u. ä., bieten hier Anlässe für alltagsnahe, aber auch experimentelle Projekte im soziokulturellen Bereich und damit für neue Kooperations-modelle mit den Hochschulen. Angesichts des demografischen Wandels bekommen hier auch die intergenerativen Projekte eine zusätzliche Bedeutung. Eine ausreichende finanzielle Förderung ist hier unabdingbar.

5) Die Bundesvereinigung Soziokultureller Zentren bedarf als Dach- und Fachverband einer institutionellen Förderung und Absicherung (das gilt auch für die Landesverbände). Zur Gewährleistung qualitätsvoller Arbeit im Bereich der Soziokultur ist eine Vernetzung der Einrichtungen und der Akteure auf Bundesebene unerlässlich. Als Vermittlungsinstanz zwischen politisch/administrativ Handelnden und dem Praxisfeld der Soziokultur erfüllt die Bundesvereinigung mit ihrer Geschäftsstelle eine unverzichtbare Funktion. Auch zunehmende Beziehungen der soziokulturellen Akteure auf Europaebene (eine politisch gewollte Entwicklung) machen eine kompetente soziokulturelle Institution auf Bundesebene erforderlich, zumal gerade Projekte mit internationalen Bezügen in der Regel auf mehrere Jahre angelegt sind und professionell begleitet werden müssen.

6) Die kontinuierlich große Vielzahl und die hohe Qualität der halbjährlich dem Fonds Soziokultur zugeleiteten Anträge auf Förderung belegen deutlich Kreativität, Kompetenz und Innovationsfähigkeit der soziokulturellen Szene. Von daher wird die Forderung nach Erhöhung der Mittel des Fonds Soziokultur als berechtigt und notwendig angesehen und unterstützt. Aber – wie bereits unter 1) geschildert – wird damit das grundlegende Problem der Unterfinanzierung der soziokulturellen Arbeit in Deutschland nicht nachhaltig gelöst. Dazu ist es vielmehr notwendig, zu einer grundsätzlichen Klärung und Entscheidung darüber zu kommen, wie die Förderlandschaft so verbessert und weiter entwickelt werden kann, dass unter Berücksichtigung der Leistungsfähigkeit der unterschiedlichen Förderebenen ein abgestimmtes Förderkonzept entwickelt wird, das sich an der Wirksamkeit vor Ort messen lässt.

Berlin, 29.02.2008