5.2.2019

Eleonore Hefner: Dämmerschlaf und Paukenschlag

Ist Europas postkolonialer Dämmerschlaf zu Ende? In Deutschland wurde in den letzten Jahren die Debatte im Umgang mit dem Besitz des materiellen Erbes aus ehemaligen Kolonien im Zusammenhang mit dem Humboldt Forum geführt. Der Paukenschlag kam nun im Herbst 2018 aus Frankreich. Die französische Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy und den senegalesische Ökonom Felwine Sarr wurden vom französischen Präsidenten Emanuel Macron beauftragt und um ihre Expertise zum Umgang mit Artefakten aus den ehemaligen Kolonien in französischen Museen gebeten. Am 27. November 2018 publizierten die beiden Fachleute unter dem Titel „Restituer le patrimoine africain“1 ihren Bericht Sie fordern eine rasche und bedingungslose Rückgabe aller Objekte, die in Afrika erbeutet oder bei wissenschaftlichen Expeditionen gesammelt wurden.

Allein in Frankreich ist dabei die Rede von etwa 90.000 Werken aus Afrika in öffentlichen Museen, zirka 70.000 davon alleine im Musée du quai Branly in Paris. Gut 46.000 davon sind zwischen 1885 und 1960, also während der Kolonialzeit, in die Museen gelangt. Felwine Sarr, Professor für Wirtschaftswissenschaften an der Gaston Berger Universität in Saint-Louis, Senegal, und einer der derzeit meist diskutierten Denker Afrikas und Bénédicte Savoy, die in Berlin an der Technischen Universität und in Paris am Collège de France lehrt, fordern die Überprüfung aller Objekte, im Zweifelsfall empfehlen sie die Beweislastumkehr für eine gewünschte Rückgabe.

90 Prozent der Artefakte des kulturellen Erbes Afrikas wurden während der Kolonialzeit in unterschiedlichen Modi (Beute, Kauf, Raub) vor allem nach Europa geschafft. Die Bedeutung des Verlustes für die Herkunftskulturen kann auch nicht annähernd überblickt werden, die Dimension des Leerstandes in europäischen Museen bei einer auch nur annähernden Rückführung ist immens. Fehlt das afrikanische kulturelle Erbe in europäischen Museen, sieht es in manchen ganz schön leer aus.

Die Frage einer Rückgabe von Kulturgütern aus kolonialen Kontexten ist zunächst auch eine Frage der Transparenz; die Provenienzforschung und vor allem auch vollständige Digitalisierung ist eine Voraussetzung für eine Restitution. In Deutschland wird dies auch dadurch erschwert, dass von den 6.372 Museen lediglich vier dem Bund als Entscheidungsträger unterstehen. Damit nicht jedes Museum auf sich gestellt arbeiten muss, um den Herausforderungen von Provenienzforschung, Digitalisierung, transnationaler Kooperation und Restitution/Rezirkulation von Objekten gerecht werden zu können, ist bei den unterschiedlichen Zuständigkeiten im deutschen Kulturföderalismus eine zentrale Institution zur Herkunftsforschung angeraten.

Dabei kommt der Zusammenarbeit mit den vielen gemeinschaftlichen Forschungs- und Museumsinitiativen eine besondere Bedeutung zu. Jenseits von Fragen der Restitution gilt es, Kolonialismus als System von Aneignung und Entfremdung zu durchdringen und den moralisch-ethischen Zusammenhang und das Selbstverständnis des „Westens“ zu reflektieren. „Über viele Jahrzehnte war die Kolonialgeschichte in Europa ein blinder Fleck in der Erinnerungskultur. Viel zu lange wurde das während dieser Zeit geschehene Unrecht vergessen und verdrängt.“ Zusammen mit der Staatsministerin für Internationale Kulturpolitik im Auswärtigen Amt, Michelle Müntefering (SPD), hat Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) in einem Gastbeitrag für die Frankfurter Allgemeine Zeitung am 15. Dezember 2018 aufgefordert, sich verstärkt der Kolonialgeschichte zu stellen. Die Debatte gehöre in die Hörsäle, in die Schulbücher und ins Fernsehprogramm um „eine erinnerungs- und kulturpolitische Gedächtnislücke zu schließen“, so Grütters und Müntefering. Das drückt den Sachverhalt recht milde aus.

Projekte wie „DECOLONIZE MÜNCHEN“ (vorgestellt in SOZIOkultur 2/2014) machen koloniale Verhältnisse und Strukturen deutlich und zeigen, wie die koloniale Vergangenheit bis heute das Alltagsleben, das Denken und unseren Blick auf die Welt prägt. Spuren des Kolonialismus finden sich bei Straßennamen, historischen Orten, Warenimages bis hin zu aktuellen Migrationspolitiken. Rassismus und exotische Verklärung beziehungsweise Vermarktung des „Fremden“ haben in kulturelle und Wissens-Traditionen Eingang gefunden – wie können sie reflektiert und überwunden werden?

Was bedeutet dekolonisieren heute? Wie werden Spuren der kolonialen Vergangenheit in der Stadt gesucht? Was wird debattiert, was verdrängt und verschwiegen? Wessen Geschichten werden gehört, wessen Lebensspuren wahrgenommen? „DECOLONIZE MÜNCHEN“ war ein solches Projekt, mit dem 2013 koloniale Spuren und Leerstellen im Münchner Stadtraum beleuchtet wurden.

Auch und gerade weil München nicht im Zentrum des kolonialen Geschehens stand – wie Bremen oder Hamburg mit dem Zugang zum Meer oder Berlin als Reichshauptstadt – zeigte das Projekt, wie der Kolonialismus sich tief in die Stadtgesellschaft eingeschrieben und diese dauerhaft geprägt hat. Die Vielzahl an kolonialen Ablagerungen und Spuren, aber auch die spezifischen Unsichtbarkeiten, die sich in nahezu jedem Stadtraum finden, macht die Präsenz (post-) kolonialer Realitäten deutlich.

Bénédicte Savoy und Felwine Sarr haben ihren Bericht bewusst als Polemik geschrieben. Die restituierenden Objekte, so halten sie fest, tragen „unwiderruflich ein Stück Europa und Afrika in sich“, sie haben sich „verschiedene Meinungssysteme einverleibt“. Sie sind zu gemeinsamem Kulturerbe geworden und könnten, so vermuten die Experten, als „Vermittler der Verwandtschaftsbeziehungen dienen“. Marcus Moeller unterstreicht, dass es um mehr als nur die Modalitäten einer ethnologischen Reparation gehe. Es gehe um „... eine politische Utopie: die Kreolisierung der Kulturen“.

1 etwa: Restitution des afrikanischen Kulturerbes


Quellen:

Marcus Woeller: Kulturgut aus Afrika. Die revolutionäre Botschaft des Raubkunstberichts.Veröffentlicht am 30.11.2018 in WELT online

Monika Grütters, Michelle Müntefering: Kolonialismus und Raubkunst. Eine Lücke in unserem Gedächtnis. FAZ online, aktualisiert am 15.12.2018