Bundesvereinigung Soziokultureller Zentren e.V., 25.6.2018

Wegbereiter der Soziokultur - In memoriam Hilmar Hoffmann und Hermann Glaser

Hoffmann_Glaser

Von der Neuen Kulturpolitik ist die Rede, wenn fünfzig Jahre nach 1968 der Blick zurückgeht auf Gedachtes und Geleistetes. Zwei Kulturpolitiker sind mit dem Aufbruch zu einer gesellschaftspolitischen Neuorientierung untrennbar verbunden: Hilmar Hoffmann und Hermann Glaser. Beide sind im Juni dieses Jahres kurz nacheinander gestorben.

„Kultur für alle“ titelte Hoffmann 1979 und fasste in seinem programmatischen Buch zusammen, was sich in der Kulturpolitik ändern sollte, nämlich die Teilhabechancen der Bevölkerung in der Kulturlandschaft. Sein kulturpolitisches Credo hat er auch immer als Beitrag zur Demokratisierung verstanden, um den sozialen Zusammenhalt in Städten zu sichern. Als Erfinder der Oberhausener Kurzfilmtage, als Kulturdezernent von Frankfurt am Main und als Präsident des Goethe-Instituts hat er segensreich gewirkt. Das Museumsufer in der Mainmetropole ist sein Meisterwerk, die kulturelle Bildung in der Kommunalpolitik zu verankern, eine Leistung, die bis heute als Auftrag gilt. Die Kulturpolitische Gesellschaft nennt ihn den „Ermöglicher“, die FAZ einen „Mann seiner eigenen Gründerzeit“ und dpa einen „begnadeten Bettler“.

„Bürgerrecht Kultur“, das war eine Publikation und Programm zugleich von Hermann Glaser, das er 1983 zusammen mit Karl Heinz Stahl veröffentlichte. Er forderte mehr Offenheit und mehr Vielfalt, er setzte auf Stadtteilkulturarbeit statt auf klassische Kulturtempel, er förderte als Kulturdezernent das kulturpädagogische Zentrum der Museen in Nürnberg und das legendäre kommunale Kultur- und Kommunikationszentrum KOMM, eines der ersten soziokulturellen Zentren in Deutschland. Er gilt als der Vater der Kulturläden und als Vordenker für die Kulturlandschaft in Deutschland, der er auch eine dreibändige Kulturgeschichte widmete. Zudem war er einer der Ersten, die sich für eine Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit seiner Heimatstadt stark machten. Der Tagesspiegel bezeichnet ihn als „Anwalt der Gegentendenzwende“, die Süddeutsche einen „umtriebigen Intellektuellen“ und die Nürnberger Nachrichten einen „Wegbereiter der Soziokultur".

Beide Kulturpolitiker waren nicht nur Mitglied der SPD, sondern auch Gründungsmitglieder der Kulturpolitischen Gesellschaft und langjährige Verbündete im Kulturausschuss des Deutschen Städtetages; beide publizierten mehrere Dutzend Bücher, die zur Standardliteratur der Kulturpolitikforschung zählen; beide waren bis ins hohe Alter aktiv und beeindruckten immer wieder mit klugen „Zwischenrufen“ in den kulturpolitischen Debatten. Sie werden fehlen, sie haben es verdient, dass ihr Vermächtnis gepflegt wird.

Text: Prof. Wolfgang Schneider

Abb.: Hilmar Hoffmann 25.8.1925 - 1.6.2018. Foto vom 22. Mai 2018 von Wolfgang Schneider | Hermann Glaser 28.8.1928 - 18.6.2018. Foto Daniel Karmann/dpa

Eine ausführliche Würdigung von Werk und Wirken der „Big Two“ der bundesrepublikanischen Kulturpolitik erscheint in der nächsten Ausgabe der SOZIOkultur.

Traueranzeige für Hermann Glaser
(veröffentlicht in Nürnberger Nachrichten / Nürnberger Zeitung am 23.6.2018)